zur Navigation springen
Husumer Nachrichten

20. August 2017 | 23:33 Uhr

Ende einer Ära: Die Witwe geht

vom

Räumungsverkauf in der Kunsthandlung und Glaserei Chr. Johannsen: Am 21. September schließt der Betrieb

Husum | Was haben das niederländische Königshaus und eine Glaserei in Husum gemeinsam? Nun, vor 33 Jahren übergab Königin Juliane den Thron an ihre Tochter Beatrix. Im selben Jahr feierte die Glaserei Johannsen 100. Geburtstag. Wieder 33 Jahre später bestieg Willem-Alexander den Thron. Und damit enden die Gemeinsamkeiten dann auch, denn für die einstige Glaserei, die sich längst zur Kunsthandlung ausgewachsen hat, gibt es keinen Nachfolger. "Am 21. September machen wir Schluss", sagt Inhaberin Ingrid Schlawin. Und selbst, wenn sie dazu lächelt, ist der Kloß in ihrem Hals nicht zu überhören. "Das fällt ihr schwerer, als sie zugibt", flüstert Tochter Julia, als sich die Mutter einem Kunden zuwendet. 133 Jahre Firmengeschichte sind ja kein Pappenstil.

"Die Witwe kommt!" Was für ihren Vater, Hans Johannsen, eine historisch begründete und doch irgendwie seltsame Bezeichnung war, wurde für Ingrid Schlawin 2011 traurige Wirklichkeit. In jenem Jahr starb ihr Mann. Ein Schicksalsschlag, der sie erstmals darüber nachdenken ließ, ob sie den Betrieb noch weiterführen wollte.

Die Glaserei war schon 1980 Familienbetrieb in dritter Generation. Christian Johannsen hatte sie 1880, damals noch in der Neustadt, aus der Taufe gehoben. Als er 1900 starb, führte seine Witwe Johanna das Geschäft mit Sohn Thomas und einem Gesellen weiter. 1902 folgte der Umzug in die Norderstraße. Nach Ablauf seiner Militärzeit stieg auch Sohn Theodor in das Unternehmen ein. Zwei Weltkriege und weitere familiäre Schicksalsschläge machten der Glaserei zu schaffen, aber die Johannsens ließen sich nicht unterkriegen. Von 1961 an führte Ingrid Schlawins Vater Hans Johannsen die Firma, die inzwischen in Chr. Johannsen Ww. (wie Witwe) umbenannt worden war und bis heute so heißt. 1996 folgte mit Ingrid Schlawin die vierte Generation.

"Das finde ich jetzt aber echt schade", sagt ein alter Kunde, der vorbeigekommen ist, um Schlawin ein Fläschchen zu überreichen, das er in blaues Papier gewickelt und mit zwei Kirschen aus eigener Ernte behängt hat - als "Trost-Tropfen" sozusagen. So gehe das dauernd, sagt die Beschenkte, als der Mann den Laden wieder verlassen hat. "Die Leute scheinen nicht zu glauben, dass ich zumache." Tut sie aber. Die beiden Häuser aus den Jahren 1911 und 1912 sind bereits verkauft. Hier sollen moderne Wohnungen entstehen. Einen Moment lang habe sie selbst daran gedacht, hier wohnen zu bleiben, "aber das wäre der Erinnerung dann doch zu viel".

Apropos Erinnerungen. Mit ihrem Geschäft geht Husum mehr verloren als ein Ort, an dem man Bilder kaufen und praktischerweise auch gleich noch rahmen lassen kann. In der Norderstraße 55 war immer Zeit für einen Plausch und im Bedarfsfall auch für tief greifendere Gespräche. "Klar gibt es Kunden, die mit Stoffbezügen und Tapeten herkommen, zu denen sie ein passendes Bild suchen", sagt Schlawin. Und auch sonst bedarf es eines gewissen Maßes an Psychologie, um herauszufinden, welches Bild zu welchem Kunden passt. "Dafür habe ich mir immer Zeit genommen."

Als sie den Betrieb von ihrem Vater übernahm, war das Angebot noch anders. Hans Johannsen hatte sich unter anderem mit Alex-Eckener-Radierungen einen Namen gemacht. Heute gibt es von allem etwas - bis hin zu moderner Kunst, also zu Bildern, die mitunter nicht mal auf den zweiten Blick verraten, was sie dem Betrachter sagen wollen. Aber genau darum geht ja: "den richtigen Deckel für den richtigen Topf zu finden", erklärt Schlawin und lacht wie einst Lilo Pulver in "Kohlhiesels Töchter".

Einmal in den 1960er-Jahren musste ihr Vater ein Bild aus dem Schaufenster nehmen - auf Geheiß eines Ordnungshüters. Den Augen des Gesetzes war das Frauen-Porträt doch allzu freizügig geraten. Wie sich die Zeiten ändern: Jetzt, im Räumungsverkauf, gehen vor allem die Aktbilder weg wie warme Semmeln.

Besser gefällt Ingrid Schlawien da die Geschichte eines kleinen Jungen, der für 20 Cent ein Bild zum Muttertag kaufen wollte. Das Geld durfte der Knirps behalten. Sein Bild bekam er trotzdem. Überhaupt: Jemandem "etwas aufzuschwatzen" ist Schlawins Sache nicht. Allerdings hat sie für jeden etwas übrig - und sei es nur das obligatorische Stück Schokolade. "Kürzlich kam hier eine alte Dame herein und sagte: ,Heute will ich mir mal richtig was gönnen. Und wenn ich am Ende nur einen Tag darauf schauen kann."

Da steht bereits der nächste Kunde im Raum: "Was muss ich hören: Sie schließen?", fragt er. Schlawin lächelt, und als sie mit "Ja" antwortet, schwingt darin auch ein "leider" mit, doch die Situation lässt sie den Kloß in ihrem Hals für einen kleinen Augenblick vergessen: Die Arbeit ruft.

zur Startseite

von
erstellt am 14.Aug.2013 | 03:09 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen