Sozialministerin eingeschaltet : Empörung über geplanten Abriss des Kinderheims

Für einen Erhalt und gegen einen Abriss der Einrichtung machen sich Udo Prinz von Schoenaich-Carolath-Schilden (l.) und Werner-Peter Paulsen stark.
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Für einen Erhalt und gegen einen Abriss der Einrichtung machen sich Udo Prinz von Schoenaich-Carolath-Schilden (l.) und Werner-Peter Paulsen stark.

Caritas lässt laut Aussage des SPD-Kreisvorsitzenden die Kinder und Mitarbeiter im Stich. Nordstrands Bürgermeister muss zudem seinen Plan für ein Bildungszentrum bei Schließung fallen lassen.

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29. Januar 2015, 06:45 Uhr

Nachdem nun die endgültige Schließung des Kinderheims St. Franziskus auf Nordstrand vom Erzbistum Hamburg und der Caritas Schleswig-Holstein verkündet wurde, ist der Bürgermeister der Halbinsel immer noch fassungslos. „Ich hatte vor, an der Herrendeichschule einen neuen Kindergarten mit Krippe bauen zu lassen“, plaudert Werner-Peter Paulsen aus dem Nähkästchen. Ein sogenanntes Bildungszentrum sollte auf Nordstrand errichtet werden. Doch seine Pläne kann er nun wohl ad Acta legen. Zwar berichtete der Gemeinde-Chef bei seinem Besuch des Kinderheims mit Förderer Udo Prinz von Schoenaich-Carolath-Schilden am Dienstag auch der Caritas-Direktorin, Angelika Berger, und dem Caritas-Personalleiter, Thomas Lindloff, seine Vorhaben, erweckte allerdings augenscheinlich wenig Gegenliebe.

Zu sehr war Angelika Berger schon gedanklich bei den Gesprächen mit dem Jugendamt des Kreises Nordfriesland. In ihrer kurzen Zusammenfassung sprach die Direktorin von Möglichkeiten, Kinder, die in naher Zukunft eine Ausbildung im Kreisgebiet beginnen oder schon begonnen haben, eine Unterkunft in räumlicher Nähe bieten zu können. „Auch Geschwisterkinder werden gemeinsam untergebracht“, betont die Caritas-Chefin.

Das Jugendamt des Kreises Nordfriesland kann keine Unterbringungen in Einrichtungen in räumlicher Nähe vornehmen, erklärt Hans-Martin Slopianka, Pressesprecher des Kreises Nordfriesland, sondern höchstens helfen, passende Einrichtungen zu finden. Allerdings berichtete der Pressesprecher, dass auf Wunsch der Caritas vom Kreis Nordfriesland kurzfristig eine Brandverhütungsschau getätigt wurde, da nach Auffassung der Caritas Brandschutzbestimmungen nicht eingehalten würden. Die Brandverhütungsschau hatte zum Ergebnis, dass zwar Mängel bestehen, die beseitigt werden müssen, aber keine so gravierenden, dass eine unmittelbare Gefährdung von Leib und Leben bestünde.

Dieser Sachverhalt steht im Gegensatz zu den durch das Erzbistum Hamburg genannten Investitionsbedarf von mindestens 1,7 Millionen Euro. Laut Slopianka sind es unter anderem Brandschutztüren, die erneuert werden müssten. Jedoch auch nicht sofort.

Für Prinz Carolath geht es immer nur um die Kinder. Jedoch im Haus auf Nordstrand und nicht in einer anderen Einrichtung, weil die Mädchen und Jungen doch auf der Halbinsel ihre neue Heimat gefunden hätten. Im St.-Franziskus-Haus ist auch eine Mutter-Kind-Abteilung untergebracht. Eine betroffene Mutter hat gegenüber unserer Zeitung ihr Unverständnis geäußert. „Mir geht‘s dreckig. Es schlägt mir auf den Magen“, erklärt Jessica Weden unserer Zeitung. Im August wird die Mutter einer zweijährigen Tochter drei Jahre in der Einrichtung sein. Die 19-Jährige macht im Sommer ihren Realschulabschluss – wenn die gebürtige Oldenburgerin aus der Nähe von Bremen noch so lange auf Nordstrand bleiben darf. Mitarbeiter des St.-Franziskus-Heims hätten ihr und einer weiteren Mutter einer einjährigen Tochter gegenüber gesagt, dass die Einrichtung noch bis zum Sommer bestehen bleiben würde. „Meine Lehrerin hat mich in den Arm genommen, als mir in der Schule die Nachricht übermittelt wurde“, berichtet Jessica Weden unter Tränen.

Die junge Mutter fühlt sich wohl auf der Halbinsel. Ihre Tochter besucht die Krippe – wie die Tochter der 17-jährigen Mitbewohnerin. Saskia hätte auf Nordstrand endlich Fuß gefasst, macht ihren Hauptschulabschluss und hat einen Freund gefunden, beschreibt die 19-Jährige. Ihre Gedanken drehen sich ausschließlich um ihre Heimat Nordstrand.

Der Ball liegt nun beim Erzbistum Hamburg. Denn dadurch, dass der Investitionsbedarf weitaus geringer ausfällt als 1,7 Millionen Euro, besteht berechtigter Anlass, die Schließung und den Abriss zu überdenken. Für den stellvertretenden Pressesprecher des Erzbistums, Marco Chwalek, handelt es sichaber um einen Irrglauben. Laut seinen Berechnungen ergeben sich aus einem Architektengutachten die Kosten für die Erneuerung der Rohrleitungen, Heizungsanlage und Wasseranlage. „Der Brandschutz kommt noch oben drauf“, so Chwalek.

Der SPD-Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Matthias Ilgen sagte unserer Zeitung , dass seit Jahren nichts mehr für den Erhalt der Gebäude getan worden sei, dass hygienische Standards nicht eingehalten würden, Ratten die Kinder und Mitarbeiter belästigten und sich Krankheitserreger ausbreiten könnten. Laut Ilgens Informationen soll die Caritas schon vor einem halben Jahr ihren Mitarbeitern und Kindern gesagt haben, dass sie kein Interesse mehr an der Einrichtung hätte. Jedoch sei schon seinerzeit ein striktes Redeverbot erteilt worden.

Durch eine Selbstanzeige beim Kreis soll nun „der schwarze Peter“ aufgrund des mangelnden Brandschutzes zur Schließung der Einrichtung führen. Jedoch rechtfertigen die Kosten der Behebung keine Schließung. Der Pressesprecher des nordfriesischen Kreisvorstands der SPD, Dieter Paulsen, weist darauf hin, dass es einen Brief an die schleswig-holsteinische Sozialministerin Kristin Alheit mit der Bitte gäbe, sich der Interessen der Kinder und ihrer Eltern anzunehmen und vermittelnd tätig zu werden. „Wo ist denn die christliche Nächstenliebe?“, fragen die Sozialdemokraten.

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