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50 Jahre Nordfriisk Instituut : Einsprachigkeit ist heilbar

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Es ist nie zu spät, Friesisch zu lernen: Nach Jahrzehnten fand die Sylterin Maren Jessen zum Sölring – und ist mittlerweile sogar Mitglied im Friesenrat.

Zu erreichen ist sie nur über Handy, jedenfalls an diesem Tag, als sie interviewt werden soll. Maren Jessen ist mit ihrem Mann Rainer im Auto unterwegs, in Baden-Württemberg, irgendwo auf dem Weg zwischen Stuttgart und dem nahen Städtchen Strümpfelbach, wo Tochter Inka (34) lebt. Sie hat Kopf und Hände frei, weil ihr Mann am Steuer sitzt und sie an den Hängen schwäbischer Weinberge entlang und durch zahllose Tunnel hindurch chauffiert, während der Autor dieses Artikels seine temperamentvoll berichtende Frau am Telefon erlebt. Witzig, schnell und pointiert spricht sie auf Sylter Friesisch und kann die Fragen auf festlandsnordfriesischem „Frasch“ genau verstehen. Als habe sie nie etwas anderes gesprochen als Friesisch. Und doch ist genau das Gegenteil der Fall.

Maren Jessen ist Mitte der 1950er-Jahre in Tinnum auf Sylt geboren, ihr Mädchenname: Lorenzen. Sie wurde mit dem Sylter Friesisch, dem Sölring, groß – als Sprache, die sie umgab, aber nicht als Sprache, die sie selbst sprechen konnte, jedenfalls früher nicht, nicht bis vor etwa sieben Jahren. Da hatte sie ihren 50. Geburtstag längst hinter sich, die drei Kinder waren erwachsen – und fast alle aus dem Haus.

Mit Ehemann Rainer betreibt sie eine Appartment-Vermietung auf der Insel, und immer wieder zieht es sie zu den erwachsenen Kindern nach Hamburg oder an den Neckar. Die Württemberger Verbindung der Familie entstand von 1973 bis 1976, als Maren Jessen zusammen mit ihrem Mann in Esslingen bei Stuttgart wohnte, wo er studierte. Dort unten im „Schwabenländle“, in der Fremde, in Heimwehgedanken an Sylt, reifte ihr Entschluss, irgendwann einmal Sölring zu lernen, wenn sie erst wieder auf der Insel sei. Doch zurückgekehrt, forderten Familiengründung und Beruf so viel von ihr, dass der gute Vorsatz immer wieder verschoben wurde, obwohl – oder gerade weil – Friesisch sie jeden Tag in der Familie umgab. Ihre Eltern sprachen es miteinander, die Großeltern ohnehin. Sölring war die Muttersprache ihres Vaters, ihrer Großeltern väterlicherseits und auch die Sprache, die Marens Mutter erlernt hatte, um sich in die Sylter Familie ihres Mannes zu integrieren. Die Muttersprache ihrer Mutter ist das festlandsfriesische „Frasch“, denn sie stammt aus Fahretoft auf dem Festland.

So hatte Maren Jessen das Sölring schon von klein auf im Ohr und kann auch Frasch perfekt verstehen, denn sie hört ihre inzwischen 83-jährige Mutter bis heute häufig Frasch mit den Verwandten in Fahretoft und Umgebung am Telefon sprechen. Doch mit den eigenen Kindern sprachen die wenigsten Nordfriesen in den 1950er- und 1960er-Jahren Friesisch: „Ihr sollt es einmal besser haben als wir“, lautete damals eine weit verbreitete Einstellung, die Eltern ihre eigene Muttersprache den Kindern verschweigen ließ. Ein Umdenken setzte erst in den 1970er-Jahren ein. Dazu trug das 1965 gegründete Nordfriisk Instituut bei, dessen damaliger Leiter Tams Jörgensen zusammen mit dem Musiker Knut Kiesewetter Mitte der 1970er-Jahre friesische Lieder dichtete. Den Kindern die eigene Muttersprache nicht weiterzugeben, hielten Jörgensen und Kiesewetter für Auswüchse eines verfehlten Zeitgeistes. Im Refrain ihres Biiken-Liedes forderten sie immer wieder: „Lasst uns die Ungeister vertreiben!“

Hier und da dauerte es lange, bis sich die neue Einstellung zur alten Sprache durchsetzte. Maren Jessens Eltern sprachen mit ihr nur Deutsch, und auch sie tat es mit ihren eigenen drei Kindern. Doch vor sieben Jahren änderte sich sprachlich viel in ihrem Leben. Sölring lernte sie in Kursen bei Inge Gieppner-Carstensen und bei Maike Ossenbrüggen. Seither spricht sie mit ihrer eigenen Mutter nur noch Sölring. Die Mutter wohnt in einer Einliegerwohnung mit im Haus – und so hat man jeden Tag miteinander auf Sölring zu tun. Ihr Mann und die Kinder können zumindest alles verstehen, auch Tochter Inka in Baden-Württemberg.

Das friesische Engagement bei Maren Jessen ist längst über die eigene Familie hinausgegangen. Inzwischen leitet sie selbst Sölring-Kurse, ist Mitglied im Friesenrat und zweite stellvertretende Vorsitzende der Söl’ring Foriining, des großen Sylter Heimatvereins. Wer meint, dass sprachliche Verhältnisse in Familien sozusagen „in Beton gegossen“ seien, wenn sie sich einmal etabliert hätten, der sollte Maren Jessen kennenlernen. Einsprachigkeit ist heilbar, auch noch jenseits von Kindheit und Jugend.

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