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Mobil in Friedrichstadt : Einsatz für eine barrierefreie Stadt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Von zu engen Gehwegen und anderen Stolperfallen: Einwohner und Experten diskutieren über eine behindertengerechte Gestaltung Friedrichstadts.

Es sind nur zwei schlichte Steinstufen, die in die Ehemalige Synagoge führen. Doch für Elisabeth Kunde sind sie eine Herausforderung. Die Friedrichstädterin ist auf den Rollstuhl angewiesen. „Aber ich habe gelernt, mir meine Wege zu suchen – und finde immer eine Lösung“, sagt die selbstbewusste 48-Jährige. So hat sie bislang stets jemanden darum gebeten, mit anzufassen, wenn sie in das historische Gebäude wollte. Doch das ist an diesem Abend nicht nötig. Sie kann bequem durch den Nebeneingang in das Innere gelangen – denn dort ist eine Rampe aufgestellt. Und es ist wichtig, dass sie an diesem Abend mit von der Partie ist, weil Elisabeth Kunde zu den Podiumsgästen bei der Veranstaltung „Friedrichstadt barrierearm – geht das?“ gehört. Rund 30 Besucher sind in die Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge gekommen, um über das Thema zu diskutieren und Ideen zu sammeln.

Es gehe darum, auch die Einwohner mit ins Boot zu holen und Anregungen zusammenzutragen, wie man die Stadt so gestalten kann, dass sie mobilitätseingeschränkten Menschen mehr Lebensqualität bietet, erklärt Stadtmanagerin Annika Müller. Zusammen mit Christiane Möller-von Lübcke hat sie die Veranstaltung initiiert. „Die Synagoge ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es Hindernisse im Stadtgebiet gibt, die nicht jedem sofort auffallen“, sagt sie und eilt Richtung Nebeneingang. „Da gibt es Schwierigkeiten.“ Tatsächlich: Ein Besucher mit Elektro-Rolli kann die Rampe nicht benutzen, weil das Gefährt offensichtlich zu schwer ist.

Zu den Podiumsgästen zählen neben Elisabeth Kunde auch der Eutiner Bauamtsleiter Bernd Rubelt und Monika Sußner von der Fachhochschule Westküste in Heide. Um die Expertenrunde komplett zu machen, hatte sich Elisabeth Mewaldt vom Kreis Nordfriesland angekündigt. Sie sollte die Sicht des Denkmalschutzes beleuchten, musste jedoch aus gesundheitlichen Gründen absagen.

Absenkungen im Gehweg, hoch stehende Pflastersteine oder kaum zu überwindende Bordsteine: Kunde berichtet in ihrer Dokumentation über die großen und kleinen Hürden, mit denen mobilitätseingeschränkte Menschen in dem Holländerstädtchen zu kämpfen haben. Sie hat es selbst ausprobiert und mit ihrem Rollstuhl die Strecke vom Bahnhof bis zum Stadtzentrum zurückgelegt. Ein besonders schwieriges Pflaster für Rollstuhlfahrer ist der Marktplatz, wie sie feststellte. „Eine alte Stadt hat ihre Ecken und Kanten. Aber das Historische macht ihren Charakter eben aus, und wir müssen lernen, mit den Schwierigkeiten umzugehen“, erklärt Bernd Rubelt. Der Planer beschäftigt sich seit Jahren damit, die ostholsteinische Stadt Eutin barrierefreier zu gestalten. „Barrierefreiheit hat viel mit der Definition von Mobilität zu tun und auch mit der persönlichen Wahrnehmung“, macht er deutlich. Während zum Beispiel ein Rollstuhl-Fahrer Bordsteinkanten als Hindernis sieht, stellen sie für einen Blinden eine Orientierungshilfe dar. „Ich kann ihnen nur raten, nicht nur die großen Baumaßnahmen in den Fokus zu rücken. Man kann auch im Kleinen viel bewegen“, gibt er seinem Publikum mit auf den Weg. So seien etwa in Eutin die sogenannten Passantenstopper (Werbeaufsteller) verboten worden, die für gehbehinderte Menschen oftmals zu Stolperfallen wurden.

Dass man mit kleinen Maßnahmen viel bewegen kann, der Auffassung ist auch Monika Sußner. Sie erklärt in ihrem Vortrag, was Barrierefreiheit für den Tourismus bedeutet. „Wer in Restaurants Assistenz-Hunde erlaubt oder eine Speisekarte in einfacher Sprache vorhält, hilft vielen Menschen ein ganzes Stück weiter.“

Man könne den Internet-Auftritt der Stadt oder von Unterkünften entsprechend aufbereiten. So hätten Behinderte die Möglichkeit, selbstständig ihre Reise zu planen, schlägt eine Friedrichstädterin vor. Zahlreiche Zuhörer melden sich bei der offenen Diskussionsrunde zu Wort. Vielen von ihnen bereiten die engen Straßen der Holländerstadt mit deren schmalen Bürgersteigen besonders viel Kummer.

Am Ende der Veranstaltung lassen es sich einige Gäste nicht nehmen, ihren ausgefüllten Flyer in die am Ausgang aufgestellte Box zu werfen. Darauf haben sie weitere Stolperfallen aufgezählt und Verbesserungsvorschläge aufgelistet. Zwei Wochen lang haben die Friedrichstädter noch die Möglichkeit, ihre Wünsche aufzuschreiben. Flyer und Box sind im Rathaus zu finden. „Ich freue mich über eine rege Teilnahme“, sagt Stadtmanagerin Annika Müller, die gerade die Rampe geholt hat, damit Elisabeth Kunde vom Podium herunterrollen kann. „Die Rampe hat wenig Gewicht und ist mittlerweile sogar im Supermarkt zu haben. Kleiner Aufwand, große Wirkung“, sagt Müller lächelnd.

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erstellt am 10.Feb.2017 | 13:00 Uhr

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