Kreis Nordfriesland : Eingliederungshilfe fast optimal

Freuen sich als Beteiligte über einen erfolgreichen Modellversuch: Dieter Harrsen, Isgard Terheggen, Knut Henningsen, Erika Schulz, Joachim Wendt-Köhler und Christian Grelck (von links).
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Freuen sich als Beteiligte über einen erfolgreichen Modellversuch: Dieter Harrsen, Isgard Terheggen, Knut Henningsen, Erika Schulz, Joachim Wendt-Köhler und Christian Grelck (von links).

Die Ziele der Betroffenen und Selbsthilfe-Potenziale stehen seit fünf Jahren im Vordergrund: Ein nordfriesisches Modellprojekt weckt bundesweit Interesse.

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08. Januar 2018, 15:00 Uhr

Menschen mit geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen, ist Aufgabe eines jeden Landkreises. In Nordfriesland wird sie besonders gut umgesetzt. So gut, dass die Verwaltung in Husum Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet erreichen. Selbst in Österreich stößt das Modellprojekt an der schleswig-holsteinischen Westküste auf großes Interesse.

Üblicherweise entscheidet ein Kreismitarbeiter quasi im Alleingang, welche Hilfen ein Klient benötigt – natürlich nicht ohne auch ein Gespräch mit dem Betroffenen zu führen. Aus den in der Region vorhandenen Möglichkeiten wählt man etwas aus – zum Beispiel die Beschäftigung in einer Werkstatt für Behinderte, eine Unterstützung in der eigenen Wohnung oder die Übernahme der Kosten einer Unterbringung in einem Wohnheim mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung – und prüft nach einiger Zeit, ob sich das Ganze bewährt hat. „Ungefähr so war es bis vor fünf Jahren auch noch bei uns“, erklärt Christian Grelck bei einem Pressegespräch im Husumer Kreishaus. Individuelle Bedürfnisse konnten da schon mal leicht auf der Strecke bleiben, räumt der Leiter des Fachdienstes Recht und Soziales der Kreisverwaltung ein und benennt beispielhafte Defizite in der Fachsprache: „Zu wenig Personen-Zentrierung, zu wenig Ambulantisierung . . . eine relativ unglückliche Situation.“

Zum 1. Januar 2013 hat der Kreis ein neues System eingeführt: Seitdem stehen der Wille und die Ziele der Betroffenen und die Nutzung ihrer Selbsthilfe-Potenziale im Vordergrund. Auch die persönliche Umgebung – zum Beispiel die Familie, die Nachbarschaft, Initiativen und Institutionen – wird intensiver einbezogen und genutzt. „Wir fragen nicht mehr, was der Klient unserer Ansicht nach braucht, sondern achten viel stärker darauf, was er selbst will und wie sein Umfeld ihn dabei unterstützen kann“, sagt Grelck.

In der Fachsprache heißt dieses neue Prinzip Sozialraum-Orientierung. Die drei Sozialräume Nord, Mitte und Süd, in die das Kreisgebiet eingeteilt wurde, umfassen jeweils sowohl die Menschen als auch die Einrichtungen und Angebote im Umkreis desjenigen, um den es geht. „In der Jugendhilfe und bei der Arbeitsvermittlung für Langzeitarbeitslose agieren wir schon seit langem nach diesem Prinzip“, erklärt Landrat Dieter Harrsen.

Nun also auch seit fünf Jahren modellhaft in der Eingliederungshilfe. Mit Resultaten, die auch viele Fachleute überrascht haben. Zu Beginn, in der Mitte und am Ende der Projektphase hat ein unabhängiger Gutachter vom Münchener Institut viasozial alle Beteiligten um eine Bewertung gebeten: den Kreis, die Betroffenen und die Einrichtungen der Behindertenhilfe. Grelck zufolge hat die Evaluation ergeben, dass sich die „Hilfe-Effizienz erheblich verbessert hat, ja fast schon optimal ist“.

Alle seien zufriedener als vorher, fasst Kreis-Mitarbeiterin und Projektleiterin Isgard Terheggen zusammen. „Die Betroffenen finden es gut, dass ihre eigenen Ziele berücksichtigt werden. Die Einrichtungen sehen, dass sich ihre Klienten stärker engagieren und selbstständiger werden. Und wir beim Kreis freuen uns über persönliche Entwicklungsschritte und eine reibungslosere Zusammenarbeit aller Beteiligten.“ Angesichts der positiven Erfahrungen werde man denn auch laut Kreistagsbeschluss nicht mehr zum alten System zurückkehren, sondern das Modellprojekt in diesem Jahr in den Regelbetrieb überführen. „Natürlich ist auch bei uns nicht alles perfekt. Unser Hilfeplan-Verfahren könnte zum Beispiel noch schlanker und schneller werden. Daran werden wir gemeinsam mit unseren Klienten und den Einrichtungen arbeiten“, so Terheggen.

Apropos: Das Modellprojekt hat dazu geführt, dass in den Sozialräumen neue offene Begegnungsstätten entstanden sind. Mit dem Husumer „Eckhus“ an der Ecke Schlossstraße / Neustadt wurde eine Inklusions-Einrichtung geschaffen, in der es tagesstrukturierende Angebote, Fortbildungen, Bastelkurse, Näh- oder Spieleabende und diverse Musikprojekte gibt, bei denen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam musizieren. In Leck wird dieses Jahr ein Beratungsbüro eröffnet, und eine weitere Begegnungsstätte ist mit dem „KunstECK“ in Bredstedt geplant.

In Nordfriesland beziehen mehr als 1600 Menschen Leistungen der Eingliederungshilfe. Mit mehr als 37 Millionen Euro gehört dieser Bereich zu den größten Ausgabeposten im Kreishaushalt. 2016 beliefen sich die Aufwendungen für die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung bundesweit auf knapp 18 Milliarden Euro. 710 Millionen Euro entfielen davon auf Schleswig-Holstein.

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