Husum : Einen Dichter neu entdeckt

Der Lyriker Jochen Missfeldt blätterte in seinem neuen Buch. Foto: aco
Der Lyriker Jochen Missfeldt blätterte in seinem neuen Buch. Foto: aco

Schriftsteller Jochen Missfeldt stellte seine "dezidiert literarische" Biografie über Theodor Storm vor.

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02. März 2013, 09:05 Uhr

Husum | Mehr Literaturwissenschaftler denn Dichter haben Theodor Storm und sein Werk eingehend beleuchtet. Beispielhaft für die Perspektive des Literaten ist Thomas Mann mit seinem Storm-Essay zu nennen. Nun hat der Lyriker und Romancier Jochen Missfeldt sich auf die Spuren des Husumer Dichters begeben und dessen Lebensgeschichte erzählt. Seine kürzlich erschienene Storm-Biografie "Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert" stellte er im Storm-Haus vor.

"Es ist reizvoll und lohnend, diese Biografie zu lesen", betonte der Sekretär der Storm-Gesellschaft, Dr. Christian Demandt, vor dem überaus zahlreich erschienenen Publikum. Jochen Missfeldt habe aus Dokumenten - allen voran Storms Briefen - und seinen Werken eine plausible Darstellung des verwirrenden Persönlichkeitsbildes von Theodor Storm entwickelt, immer vor dem Hintergrund der schleswig-holsteinischen Geschichte.

"Das Buch lebt von vielen Zitaten aus den Werken und Briefen Storms, die in den Text einfließen", erläuterte Missfeldt seine Vortragsweise. Sie war von ebenjenem Ineinanderfließen von Storm’schem und Missfeldt’schem Ton geprägt, das schon Robert Habeck in seiner Besprechung der Storm-Biografie in der "Zeit" bemerkt hat.

Im ersten Teil seiner Lesung konzentrierte sich Missfeldt auf das Verhältnis zwischen Theodor Storm und Theodor Fontane. Für Storm habe die Heimat die Welt bedeutet, für Fontane die Welt die Heimat. "In Fontanes Storm-Bild findet sich stets ein aber und ein trotz allem", brachte der Biograf die zwiespältige Beziehung der beiden Theodore auf den Punkt und zitierte Fontane folgendermaßen: Storm sei "ein großer Lyriker, ganz Nummer eins, aber doch zugleich eine komische Kruke" gewesen.

Zu den schönsten Storm-Novellen zählte Missfeldt "Beim Vetter Christian". "Man könnte meinen, hier sei Thomas Mann in die Lehre gegangen", befand der Biograf und erzählte von den Entstehungshintergründen der Novelle: Storms beflügelndem Besuch bei Julius von der Traun auf Schloss Leopoldskron bei Salzburg zusammen mit seinem Vetter Ludwig Scherff.

Humor und Ironie, welche die Novelle "Beim Vetter Christian" regierten, gäbe es in "Viola tricolor" nicht, leitete Missfeldt über in das letzte Kapitel seiner Lesung. Die Novelle behandelt die schwierige Anfangszeit der zweiten Ehe Storms, mit Dorothea Jensen. "Sie musste vor der wie eine Heilige verehrten toten Constanze bestehen", stellte der Biograf fest und stellte das brisante Merkmal von "Viola tricolor" heraus: "Es gibt keine Verfremdung der persönlichen Probleme." Die Wirkung, die den Biografen Missfeldt erfasst hat im Studium dieser Verwebung von Leben und Kunst, schien sich auch auf den Gesichtern der Zuhörer abzuzeichnen: "Es liegt so etwas wie ein schwerer Kopfschmerz in der Prosa von Viola Tricolor." Letztlich kapituliert die Heldin vor ihrem Ehemann, der sich sein Bild von Leben und Liebe nicht zerstören lässt. Das gelte, betonte Missfeldt, genauso für den Mann Theodor Storm.

"Meine Biografie ist eine dezidiert literarische", resümierte der Autor, der laut eigenem Bekunden den Husumer Dichter und Advokaten im Zuge seiner Recherchen neu entdeckt hat. Ausschließlich faktenbasiert nähert sich der Satruper Schriftsteller Theodor Storm. Die Perspektive des Entdeckers, der seine Anschauung in Worte fasst, bleibt dabei immer präsent. Sie hilft ihm, Aspekte wie Storms "manipulatorische Erziehungsarbeit", sein Besitz ergreifendes Wesen oder seine in Form gebändigte, aber dennoch brisante und kontrovers aufgenommene Liebeslyrik zu thematisieren.

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