Friedrichstadt : „Eine zauberhaft eigensinnige Stadt“

topfriedsom (35)

Prächtige Kaufmannshäuser, idyllische Grachten, eine Spur Gemütlichkeit und viel Toleranz: Friedrichstadt gilt als Amsterdam des Nordens.

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22. Mai 2018, 17:00 Uhr

„Behaltet Arme, Hände, Füße und Ohren lieber bei euch“, ruft Andreas Köster seinen Passagieren zu und grinst. Seit zehn Jahren steuert er sein 14 Meter langes Boot durch die Grachten von Friedrichstadt – er weiß nur zu gut wie eng es da werden kann, wenn es unter den Brücken hindurchgeht. Köster stammt eigentlich aus der Hauptstadt, und ab und zu kommt der Berliner wieder durch, wenn er während der Fahrt eine Anekdote an die nächste reiht. Was ihn in die Holländerstadt verschlagen hat? „Ich mochte Friedrichstadt auf Anhieb und bin hier einfach hängen geblieben“, antwortet er achselzuckend.

Es gibt so einige Neu-Friedrichstädter, die diesem ganz besonderen Charme der Stadt erlegen sind. Da wäre zum Beispiel Hanna von Kunhardt, die sich selbst „Die Österreicherin“ nennt, mit Waren aus der Steiermark handelt und dabei Kunst ausstellt. Die gebürtige Grazerin und ihr Mann haben ihr Haus am Tegernsee verkauft, um sich erst in Arlewatt und dann 2013 in Friedrichstadt niederzulassen. „Weil ich mich einfach verliebt hab’– und zwar auf den ersten Blick“, sagt sie.

Was es mit dieser besonderen Anziehungskraft auf sich hat, das versucht Carolin Kühn zu erklären, die gerade eben auf einer der Bänke des schaukelnden Grachtenbootes Platz genommen hat. Sie ist seit wenigen Monaten Tourismus-Chefin in Friedrichstadt und entdeckt die Stadt gerade für sich selbst ganz neu. Natürlich übe die Architektur der niederländischen Gründerväter von „Klein Amsterdam“ eine Faszination auf die Menschen aus, so Kühn. „Aber auch die Religionsgeschichte ist bemerkenswert“, erklärt sie und blickt auf die katholische Kirche, die sich direkt gegenüber der Anlegestelle befindet. Es gibt aus alter Zeit noch einen Spruch: „Friedrichstadt hat 13 Brücken, 13 Grachten und 13 Religionen.“ Immerhin finden sich heute noch fünf Glaubensgemeinschaften in dieser Stadt mit ihren nur 2500 Einwohnern: Remonstranten, Lutheraner, Mennoniten, Katholiken und dänische Lutheraner.

Das Boot fährt hinaus auf den Westersielzug und tuckert gemächlich durch die Grachten – so werden die kleinen künstlichen Wasserstraßen genannt, die durch das Stadtzentrum führen. Es sei eine Stadt der Toleranz, erklärt Kühn. Zwischen Eider und Treene fanden die wegen ihres Glaubens verfolgten Remonstranten 1621 eine neue Heimat. Herzog Friedrich III. von Schleswig-Gottorf, der sich durch den Aufbau einer neuen Stadt wirtschaftliche Vorteile erhoffte, hatte ihnen freie Ausübung ihrer Religion zugesichert und freie Hand bei der Anlage des Ortes gelassen. So wurden sie zu den Gründern der nordfriesischen Grachtenstadt. Und hier bauten sie auch die erste Remonstranten-Kirche der Bruderschaft. Sie ist bis heute die einzige weltweit außerhalb der Niederlande.

Auch Andreas Köster ist gerade dabei, seinen Zuhörern von der Remonstranten-Kirche zu berichten, und zeigt auf den Turm in der Prinzessstraße. „Sehen Sie, der hat eine kleine Schieflage nach Westen“, spricht der Bootsführer in sein Mikrofon. „Macht aber nix, hält trotzdem.“ Nachdem 1850 schleswig-holsteinische Soldaten die Stadt beschossen hatten, brannten mehr als 130 Gebäude nieder, darunter auch jene Kirche. 1854 konnte sie als spätklassizistischer Saalbau neu eingeweiht werden.

„Aber da gibt es noch etwas anderes in Friedrichstadt, was sich schwer in Worte fassen lässt“, erklärt Kühn und kommt ins Grübeln. „So eine Art zauberhafte Eigensinnigkeit.“ Überall gebe es Einzelstücke. Besondere Läden, kleine Töpfereien, eine Künstler-Kolonie, verzierte Häuser. „Friedrichstadt ist in allem irgendwie anders.“ Ideen, die woanders völlig abwegig erscheinen, werden in Friedrichstadt umgesetzt. „Das Visionäre ist mir noch nie so begegnet wie hier“, erklärt die 40-Jährige. „Selbst als man darüber nachdachte, das holländische Königspaar zum Stadtjubiläum 2021 einzuladen, hat niemand gelacht. Im Gegenteil: Man fing an zu planen.“

Weiter geht’s in gemächlichem Tempo zum alten Hafen. „Einen Sportbootführerschein braucht man übrigens auf unseren Wasserstraßen nicht“, erklärt der Kapitän am Steuer seines Grachten-Cabrios. Der alte Hafen mit der teilweise eingestürzten Kaimauer aus der Gründerzeit ist gerade einmal so groß, dass das Boot drehen kann. „Hier brauchen wir zwei Minuten, in Hamburg dauert das eine Stunde“, tönt es aus dem Lautsprecher.

Am Mittelburggraben angekommen sieht man die kleinen Häuser einer Arbeitersiedlung, die vor rund 100 Jahren errichtet wurde. Durchschnittlich zwölf Kinder wuchsen in jedem von ihnen auf. „Die Hebamme hatte viel zu tun“, sagt Köster. Die Brücke, die dorthin führt, wird auch Hebammen-Brücke genannt. Sie soll extra für sie über die Gracht gebaut worden sein.

Nach einer Stunde endet die Fahrt. Verzückte Touristen verlassen das Boot. Köster nickt ihnen freundlich zu. Auch Carolin Kühn überquert den Steg und blickt auf. „Wissen Sie jetzt, was ich meine?“


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