46-Jährige gerettet : Eine neue Lunge für ein neues Leben

Die mobile Sauerstoff-Flasche ist nicht mehr nötig, gibt aber Sicherheit: Patricia und Sven-Thomas Schmidt-Knäbel mit den Kindern Anna-Sveva (links), Marie-Ronja und Wolf-Ragnar.
Die mobile Sauerstoff-Flasche ist nicht mehr nötig, gibt aber Sicherheit: Patricia und Sven-Thomas Schmidt-Knäbel mit den Kindern Anna-Sveva (links), Marie-Ronja und Wolf-Ragnar.

Zwei Jahre kämpfte sie, um auf die Warteliste für Organ-Empfänger zu kommen: Jetzt hat die Husumerin Patricia Schmidt-Knäbel eine neue Lunge – und braucht keine Sauerstoff-Flasche mehr.

shz.de von
10. Januar 2015, 17:00 Uhr

„Tut mir leid, aber Sie können das Hotel nicht genießen – machen Sie sich bereit, Sie werden jeden Moment abgeholt.“ Was Patricia Schmidt-Knäbel am 4. Juli um 20.20 Uhr per Handy übermittelt bekam, verschlug ihr buchstäblich die Sprache. Der Anrufer war ein Facharzt von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Die Universitätsklinik ist weltweit führend auf dem Gebiet der Lungentransplantationen. Vier Stunden lang wurde die 46-Jährige anschließend in Niedersachsens Landeshauptstadt operiert – am Ende hatte die Husumerin zwei neue Lungenflügel.

Heute kann Schmidt-Knäbel über die unerwartet schnelle Reaktion der Klinik nur staunen: „Ich habe nicht gewusst, dass eine positive Nachricht auch schockieren kann.“ Doch bis es zu diesem lebensrettenden Eingriff kam, musste sie lange warten – und einige Tiefschläge wegstecken. Mehrere Versuche unternahm sie, um bei Eurotransplant – der zentralen Verwaltungsstelle im niederländischen Leiden – auf die Warteliste gesetzt zu werden.

Wann ihre Lungenerkrankung den Anfang nahm, kann Schmidt-Knäbel nur vermuten. Mit 14 Jahren fingen die Beschwerden an. „Erklärt wurden sie mit überempfindlichen Bronchien“, erinnert sie sich. Damals war sie mit ihren Eltern nach acht Jahren Aufenthalt in Namibia nach Deutschland zurückgekehrt. Ihr Vater war in dem südafrikanischen Staat Schulleiter eines deutschen Internats. 2008 verschlimmerte sich der Zustand ihrer Lunge. „Ich habe das anfangs als Herbsterkältung abgetan.“ Doch die Hustenattacken kamen immer häufiger und heftiger, sodass im Februar 2009 eine Lungenspiegelung vorgenommen wurde. „Damals wurde die Diagnose ,Fibrose‘ gestellt, ein Wort, das ich vorher noch nie gehört hatte“, so Schmidt-Knäbel. Bei einer Lungenfibrose versteift sich das Organ, sodass mehr Kraft beim Atmen benötigt wird.

Aber selbst eine Behandlung mit Kortison brachte keine Erleichterung. Mit der Zeit fiel ihr selbst beim Liegen das Atmen äußerst schwer. Und an einen gesunden Schlaf war überhaupt nicht mehr zu denken: „Ich habe nur noch auf den Morgen gewartet.“ Damals wurde in der Lungenklinik Bad Segeberg, die sie behandelte, eine Sauerstoffsättigung von 46 Prozent festgestellt. Der optimale Wert liegt allerdings zwischen 95 und 98 Prozent. Mit einem Sauerstoffgerät wurde die Husumerin wieder nach Hause entlassen.

Tatsächlich brachte diese künstliche Sauerstoffzufuhr spürbare Erleichterung. Dass dies keine endgültige Lösung war, wurde der Patientin täglich bewusst. Große Angstzustände habe sie dadurch allerdings nicht bekommen, sagt Schmidt-Knäbel. „Ich habe mit meinem Chef verhandelt, dass er noch auf mich warten soll, bis meine Kinder größer sind.“ Ihr Glaube an den biblischen Gott habe ihr viel Ruhe und Kraft gegeben: „Für mich war klar, wohin ich gehe, wenn ich sterbe.“ Die größeren Probleme hätten da schon ihr Mann und die drei Kinder gehabt – eine Tatsache, die ihr Sorgen bereitet habe.

Und so begann vor gut zwei Jahren der Kampf um einen Platz in besagtem Transplantations-Verzeichnis. Dabei musste sie die Erfahrung machen, dass nicht jeder Patient, und sei er noch so todkrank, auf diese begehrte Liste gesetzt wird. „Bei mir war der Body-Mass-Index nicht wie gewünscht – und so musste ich 35 Kilogramm abnehmen.“ Das lange Warten habe nicht nur ihr, sondern auch der Familie ordentlich zugesetzt. Doch das Abspecken und die Beharrlichkeit sollten belohnt werden: Am 30. Juni kam die Bestätigung, dass sie auf die Warteliste genommen wurde. Allerdings waren daran unerwartete Vorgaben geknüpft: „Ich musste bei der MHH ständig meinen Aufenthaltsort angeben.“ Begründung: Werde eine passende Lunge gefunden, müsse alles sehr schnell gehen. „Wer dann nicht erreichbar ist, wird im schlimmsten Fall von der Liste gestrichen, wurde mir damals erklärt.“ Und aus Medien-Berichten wusste Schmidt-Knäbel, dass man selbst mit einem vorgemerkten Platz nicht vor einer langen Wartezeit gefeit ist.

Doch dann kam alles ganz anders – und die eingangs erwähnte Handy-Nachricht traf die Familie mit voller Wucht. „Wir waren überhaupt nicht darauf eingestellt, dass schon fünf Tage nach dem Eintrag in die Warteliste eine Spenderlunge vorlag“, räumt die 46-Jährige ein. An dem betreffenden Abend war sie mit ihrer Familie zu einem Geburtstag in Elmshorn eingeladen. „Ich hatte meinen Aufenthaltsort wie vorgeschrieben in der Klinik angegeben und bin dann nichtsahnend zu dieser Feier gefahren.“

Mit der Transplantation hat sich das Leben im Hause Schmidt-Knäbel ein weiteres Mal verändert. Noch stehen das Sauerstoffgerät und die dazugehörigen Flaschen griffbereit an ihrem Platz. Nötig hat sie beides nicht mehr. Dafür muss sie über den Tag verteilt 37 Tabletten einnehmen – und das minutiös. Und auch beim Essen hat sie auf Liebgewordenes gänzlich zu verzichten. An ein rohes Ei, das früher oft zum Frühstück gehörte, ist nicht zu denken – geschweige denn an einen frischen Salat. Alles muss abgekocht werden. Ihr Mann und ihre Kinder haben ebenfalls mit Einschränkungen zu leben – genauso wie Besucher. „Noch darf ich keinem die Hand geben. Und wer in die Wohnung kommt, muss vorher im Flur seine Hände mit einem Spray desinfizieren.“

Die Erleichterung ist groß – und den Familienangehörigen nicht nur anzusehen. „Mit der Operation ist ein enormer Druck abgefallen und ich kann endlich darüber reden“, sagt Sohn Wolf-Ragnar (19). Lange habe er das Thema nicht an sich herankommen lassen. Die ganze Situation habe das Zwischenmenschliche in der Familie belastet. „Irgendwie bin ich dabei auf der Strecke geblieben.“ Seit der geglückten Operation ist das Familienleben wieder im Lot.

Auch Ehemann Sven-Thomas Schmidt-Knäbel ist von Dankbarkeit erfüllt. „Ich habe mich trotz aller Befürchtungen und Ängste gut behütet gefühlt“, so der gläubige 49-Jährige. Den Moment, als er seine Frau nach der Operation ohne Sauerstoffgerät sah, wird er nicht vergessen: „Das war für mich bisher das größte Geschenk in meinem Leben.“ Ein Geschenk Gottes.

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