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Entscheidung für Die Einsamkeit der Halligwelt : Eine Lehrerin als Weihnachtsgeschenk

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Jacqueline Martinovic unterrichtet jetzt die Halligkinder auf Nordstrandischmoor. Fünf Kinder bedeuten fünf Klassenstufen, die die Lehrerin gleichzeitig betreuen muss.

„Hier ticken die Uhren anders, das Wetter bestimmt den Tag“, meint Jacqueline Martinovic und schaut mit einem Lächeln auf den Lippen aus dem Fenster. So hat sie sich das immer vorgestellt: ein Haus am Meer. Und nun wohnt sie nicht nur am, sondern mitten im nordfriesischen Wattenmeer auf der Hallig Nordstrandischmoor. Jacqueline Martinovic ist die neue Lehrerin der Halligschule auf der Amalienwarft und damit Nachfolgerin von Lehrer Erk Lorenzen, der sich aus gesundheitlichen Gründen aufs Festland versetzen ließ. Damit ist die junge Frau das „Weihnachtsgeschenk“ für die Halligkinder.

Das Fest verbringen Jacqueline Martinovic und ihr Ehemann jedoch nicht auf dem kleinen Eiland, sondern in St. Peter-Ording. Das hatten die beiden schon gebucht, bevor die Lehrerin wusste, wohin ihr beruflicher Weg sie führt.

Traditionell wird allerdings auf der Hallig ein Schul-Weihnachtsfest gefeiert – und das wurde von Jacqueline Martinovic geleitet. Treffpunkt für alle Halligbewohner war, wie es die Tradition verlangt, das Lehrer-Wohnzimmer. Jeder hatte etwas für eine gemütliche Runde mit Speis und Trank beigesteuert, Schüler führten im Klassenraum ein Weihnachtsstück auf, es wurden Lose verkauft, wobei es Selbstgebasteltes von den Schülern zu gewinnen gab. Der Erlös kommt der Schule zugute. Auch der Weihnachtsmann schaute vorbei – und wer ihm ein Gedicht aufsagte, erhielt ein Geschenk. Für 2014 kann sich Jacqueline Martinovic gut vorstellen, ihre ganze Familie zum Weihnachtsfest auf die Hallig einzuladen.

„So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben“, freut sie sich über ihren neuen Arbeitsplatz. Jacqueline Martinovic hatte lange überlegt, bevor sie sich auf die freie Stelle bewarb, obwohl sie noch nie zuvor auf Nordstrandischmoor gewesen war. Ihr Vorstellungsgespräch fand in der Kreisstadt Husum statt – es kam die Zusage und von diesem Moment an blieben ihr noch sechs Wochen Zeit, um alles für ein neues Leben zu organisieren.

Die Schule ist gleichzeitig Kirche und Lehrerwohnung, in der Fachleute vom Festland inzwischen fleißig gewerkelt haben. Neben notwendigen Renovierungen standen auch Reparaturarbeiten nach dem Orkantief „Christian“ an. Während Jacqueline Martinovic nun auf der Hallig wohnt, lebt ihr Ehemann im gemeinsamen Haus in Ascheberg bei Plön – Wochenendbeziehung ist angesagt. Kein Problem für sie, versichern die Eheleute. Die Lehrerin kann gut mit sich allein sein und ist dennoch sehr kontaktfreudig, kennt keine Langeweile und liebt die Ruhe als Gegenpart zu ihrem Beruf.

Auf dem kleinen Eiland ist sie mit offenen Armen empfangen worden – auch eine Girlande um die Haustür fehlte nicht. Am ersten Schultag stand das Kennenlernen im Vordergrund. Im Fach Sport zeigten ihr die Schüler bei einer Erkundungstour die Hallig und den Sportplatz, der gleichzeitig Spielplatz ist. Danach ging es in die Vollen: Die Erst-, Zweit-, Dritt-, Sieben- und Neuntklässler – Kjell, Svea, Swantje, Erik und Henrik – erlebten ihren ersten Unterricht unter neuer Leitung. „Der Umgang miteinander ist sehr intensiv und persönlich. Ich muss bei fünf Klassenstufen in einem Raum sehr flexibel sein“, erzählt Jacqueline Martinovic. In Ascheberg unterrichtete sie eine Klasse mit 25 Kindern – die Herausforderung auf Nordstrandischmoor empfindet sie trotz weniger Kinder als „um einiges höher“.

Das schließt Privates mit ein, denn das Leben auf einer Hallig ist ebenfalls eine Herausforderung. Das fing bereits beim Umzug der Lehrerin an: Vom Bett bis zum Schrank – von der Kleidung bis zu den Büchern – alles musste per Lore auf Schienen durch die Nordsee transportiert werden. Einen Esstisch gab es noch in der Wohnung – und während darauf ein neuer Anstrich trocknete, war ein Umzugskarton mit Tischdecke der Ersatz. Auch beim Thema Einkaufen ist Gelassenheit oberstes Gebot, denn einen Kaufmann hat Nordstrandischmoor nicht zu bieten. Eine Liste dient zur Denkstütze und sollte etwas Dringendes fehlen, sind da ja noch die Nachbarn. Wie Ruth Kruse-Hartwig, die vieles möglich macht, damit es der neuen Lehrerin gut geht. „Wir freuen uns alle sehr, dass sie da ist.“ Sie hatte dafür gesorgt, das Jacqueline Martinovic vor dem Orkantief „Xaver“ aufs Festland kommt. „Eine Sturmflut wie diese mitzuerleben, wäre kein guter Einstand gewesen. Sie soll erst einmal in aller Ruhe ankommen.“ Während der Sturmflut, die auch zwei schulfreie Tage mit sich brachte, war die neue Lehrerin in Ascheberg und erhielt dort etliche E-Mails und SMS von Freunden und Kollegen, die sie auf der Hallig wähnten und sich Sorgen machten.

Als sie wieder nach Nordstrandischmoor wollte, hieß es „Landunter“. Jacqueline Martinovic nutzte diesen Tag und besuchte die Herrendeichschule auf Nordstrand, um ihre neuen Kollegen kennenzulernen und am Unterricht teilzunehmen. Dann konnte sie endlich nach Hause auf die Hallig. „Ich fühle mich wirklich sehr wohl und bin dankbar für die Unterstützung der Halligbewohner und von Dörte Woydag, der Schulleiterin von Nordstrand, die mir auch sehr unter die Arme gegriffen hat.“ Schulleiterin ist Jacqueline Martinovic nun auch, genau wie Schulsekretärin und – wenn es ums Auswechseln einer Glühbirne oder etwas anzuschrauben geht – Hausmeisterin in einer Person.

Eine Lore und damit ein Stück Unabhängigkeit steht für nächstes Jahr auf dem Plan. „Das kriegen wir schon hin“, meint Ruth Hartwig-Kruse. Auf Spender hofft die engagierte Halligbewohnerin in einer anderen Sache: „Zwei Fußballtore sind vom Sturm zerstört worden. Nun suchen wir Sponsoren – auch für ein Volleyballnetz inklusive einer dafür erforderlichen Halterung.“

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