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Keine Modeerscheinung : Eine Krankheit der Braven

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Mit Aktionswochen soll in Nordfriesland über Ess-Störungen informiert werden, unter denen immer mehr Kinder und Jugendliche leiden. Im Mittelpunkt steht eine Wanderausstellung von Betroffenen.

„Wir haben eine Ess-Störung, aber wir sind keine.“ Diese Aussage stammt von betroffenen Jugendlichen aus Nordrhein-Westfalen, die in der Werkstatt „Lebenshunger“ die Wanderausstellung „Klang meines Körpers“ erarbeitet haben. „Dabei wurde einmal mehr deutlich, wie eng jede Ess-Störung mit dem Hunger nach Leben verbunden ist“, betont Dr. Susanne Ehlert, Leiterin des Jugendärztlichen Dienstes des nordfriesischen Gesundheitsamtes, in einem Pressegespräch in Husum. „Der Klang meines Körpers“ steht nun im Mittelpunkt von Aktionswochen gegen Ess-Störungen, die das Gesundheitsamt des Kreises Nordfriesland gemeinsam mit dem Diakonischen Werk Husum und weiteren Partnern von November bis Januar 2015 organisiert hat. Sie beginnen im November und stehen unter dem Motto „NoBody is perfect“.

Die Wanderausstellung richtet sich an Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen und wird vom 3. bis zum 14. November im Diakonischen Werk in Husum und vom 17. bis zum 21. November im Diakonischen Werk in Niebüll zu sehen sein. Die Schulklassen werden von geschulten Moderatorinnen und Moderatoren begleitet. Eine Führung dauert drei Stunden. Zudem lädt die Autorin und Filmemacherin Marina Jenkner alle Interessierten zu multimedialen Lesungen unter dem Titel „Nimmersatt und Hungermatt“ für den 5. und den 6. November nach Husum (Hermann-Tast-Schule) und Niebüll (Friedrich-Paulsen-Schule und Regionalschule) ein. Anmeldungen für die Ausstellung und für die Lesung werden im Diakonischen Werk Husum unter der Telefonnummer 04841/691420 entgegengenommen.

Bundesweit empfinden sich knapp die Hälfte der normalgewichtigen
11- bis 17-jährigen Mädchen und 26 Prozent der normalgewichtigen Jungen als zu dick. Ein Fünftel aller Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren weist bereits erste Symptome von Magersucht und Bulimie auf. „Aus unseren Reihenuntersuchungen von Einschülern wissen wir, dass schon etwa zehn Prozent der Abc-Schützen in Nordfriesland übergewichtig, weitere zehn Prozent aber untergewichtig sind“, erläutert Dr. Susanne Ehlert. Tatsächlich seien Ess-Störungen wie Magersucht, Ess-Brechsucht, Ess-Anfälle und Ess-Sucht mit Übergewicht auf dem Vormarsch. „Diese Störungen sind Krankheiten, die unbehandelt zu noch schlimmeren Krankheiten führen. Wir wollen dazu beitragen, das gesellschaftliche Bewusstsein dafür zu stärken und betroffene sowie gefährdete Jugendliche über Behandlungsmöglichkeiten aufklären“, kündigt Ehlert an. „Wir gehen davon aus, dass in jeder Schulklasse mindesten zwei Kinder und Jugendliche betroffen sind“, erklärt Dr. Antje Petersen, Leiterin des Fachdienstes Gesundheit des Kreises Nordfriesland.

„Dies ist keine Modeerscheinung, sondern eine ernst zu nehmende und unter Umständen lebensbedrohliche Erkrankung“, betont der therapeutische Leiter der Fachkliniken Nordfriesland, Ralf Tönnies. Die derzeitige ambulante Hilfe kritisiert er als „mehr als ungenügend“. Das selbstzerstörerische Verhalten kommt in allen Schichten vor, weiß Gudrun Wiedenmann, Suchttherapeutin im Diakonischen Werk in Husum. „Die Ess-Störung ist eine Krankheit der Braven.“ In Nordfriesland sind rund 2800 Fälle bekannt.

Landrat Dieter Harrsen zeigt sich betroffen über diese Entwicklung. „In der Gesellschaft wird diese Krankheit unterschätzt, und wir müssen eine Antwort auf die Frage geben, wie mit dieser Krankheit umzugehen ist.“ Harrsen weiter: „Es ist alle Mühen wert, die Betroffenen aus dem Teufelskreis zu befreien, in den sie sich verstrickt haben. Denn wer mager- oder ess-süchtig ist, zieht sich häufig in sich selbst zurück, anstatt Hilfe zu suchen. Wir alle müssen lernen, dass wir es nicht mit Willensschwäche, sondern mit ernsthaften Krankheiten zu tun haben, die behandelt werden müssen.“

Einzelne Veranstaltungen: Ralf Tönnies, spricht am 13. November in der Hermann-Tast-Schule zum Thema „Warum es gut ist, Fünfen zu schreiben“. Am 11. November findet im Diakonischen Werk in Husum eine literarische Lesung von Texten zu Ess-Störungen zum Thema „NoBody is perfect“ statt. Unter dem gleichen Titel werden in den Büchereien in Husum, Niebüll und Leck Büchertische und weitere Informationen angeboten. Im Kinocenter in Husum steht am 12. November der Film „Die dünnen Mädchen“ auf dem Programm. Und von Dezember bis Ende Januar ist im Husumer Rathaus Kunst von Schülerinnen und Schülern zu sehen. Das vollständige Programm der Aktion ist auf www.nordfriesland.de im Internet zu finden.

Als Partner wirken das Diakonische Werk Südtondern, die Fachkliniken Nordfriesland, die AOK Nordwest, die Bibliotheken in Husum, Niebüll und Leck, die Kinos in Husum und Niebüll, drei Schulen der Kreisstadt (Hermann-Tast-Schule, Theodor-Storm-Schule und Gemeinschaftsschule Nord) sowie das Schulamt und der Schulpsychologische Dienst des Kreises Nordfriesland mit.



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erstellt am 06.Okt.2014 | 16:00 Uhr

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