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Anlagenbauer weiter in der Krise : Eine Insolvenz und lauter offene Fragen

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Eine Betriebsversammlung brachte für die 105-köpfige Belegschaft keine wirklich neuen Erkenntnisse über die Zukunft der TIG Group Wulff in Husum. Die Mitarbeiter sind sauer und beklagen den anhaltenden Mangel an „verlässlichen Informationen“.

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erstellt am 23.Jan.2014 | 07:30 Uhr

„,Mit Volldampf in die Zukunft‘, so lautet das Motto bei der Wulff Deutschland GmbH. In diesem Jahr feiert der Husumer Energie-Anlagenbauer sein 75-jähriges Bestehen“, schreibt ein Mitarbeiter unserer Zeitung im Juni 2007. Und zitiert den damaligen Geschäftsführer Carsten Kühne: „Volle Auftragsbücher und eine hoch motivierte Belegschaft sind auch künftig der Garant für eine positive Entwicklung.“ Klingt zuversichtlich, doch nur sechs Jahre später reichen auch „volle Auftragsbücher und eine hoch motivierte Belegschaft“ nicht, um die Insolvenz des Unternehmens abzuwenden. Und das liegt weder an fehlenden Aufträgen noch an einer demotivierten Belegschaft, sind sich Betriebsrat und Mitarbeiter einig.

Die Nachricht von der drohenden Insolvenz kam ohne jede Vorwarnung und schlug ein wie eine Bombe. Ende November stapelte sich auf dem Hof der TIG Group, in der Wulff 2010 aufgegangen ist, noch Material für Millionen-Aufträge (wir berichteten). Und bis heute arbeitet die 105-köpfige Belegschaft Kunden-Wünsche ab, obgleich andere Aufträge wegen der Insolvenz bereits storniert wurden und sie selbst eine Woche vor der möglichen Schließung noch immer nicht weiß, ob oder wie es weitergehen wird.

An diesem Nachmittag ist die Kantine der TIG Group Wulff bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Mitarbeiter sind aber nicht zum Kaffee trinken hier. Unter den Augen von Firmengründer Hans Wulff, der aus einem Schwarz-Weiß-Porträt in die Runde blickt, hoffen sie endlich, verlässliche Informationen zu erhalten. Doch damit können der vorläufige Insolvenzverwalter, Dr. Olaf Büchler, und Harald J. Tomaselli von der Stuttgarter Benten Capital GmbH & Co. KG, die seit ein paar Wochen nach potenziellen Interessenten für die TIG Group beziehungsweise deren Betriebsbereiche sucht, auch dieses Mal nicht dienen.

Die alte Geschäftsführung bleibe im Amt, habe aber keine Entscheidungsgewalt mehr, berichtet Büchler und verspricht, in zwei Wochen konkreter zu werden. „Das wird dann ja auch Zeit“, tuscheln zwei Mitarbeiter, „denn am 1. Februar ist Schluss.“ Wie das Ende auf Raten aussieht, und ob es sich lohnt, zu bleiben, oder ratsamer ist, sich gleich nach etwas Neuem umzusehen, wollte die Belegschaft an diesem Nachmittag erfahren. Jetzt wird sie abermals „vertröstet“.

Die Atmosphäre ist angespannt, aber zum Eklat kommt es nicht. Resignation fasst die Lage vermutlich besser zusammen. Büchler redet von Kündigungen und Sozialplan und davon, dass er im Februar selbst das Steuerrad übernehmen wird. Aber auch von einem Defizit in Millionenhöhe, das die Lage nicht einfacher mache. Die Nachfrage des Betriebsrates, wo denn diese Millionen geblieben seien, beantwortet er nicht.

Auch Tomaselli bittet um Verständnis, viele drängende Fragen (noch) nicht beantworten zu können, rekapituliert die aufwändige Suche nach Käufern oder Investoren. Dass sich das Unternehmen in so unterschiedliche Betriebsteile aufspalte, deren einzige Gemeinsamkeit der Anlagenbau sei, vereinfache die Sache nicht, sagt er. Dennoch gäbe es zwei mögliche Investoren und acht Kaufinteressenten, die prüften, ob die TIG in ihr Firmenprofil passe. Am Freitag, 24. Januar, wisse er mehr, sagt Büchler. Bis dahin sollen konkrete Angebote vorliegen. Vom Erwerberkonzept werde abhängen, wer weiter beschäftigt werde und wer nicht, sagt er noch. Und: Durchaus denkbar, dass die Gruppe in der jetzigen Form nicht erhalten, also auf mehrere Investoren aufgeteilt werde.

Danach gehen alle wieder an die Arbeit, denn Arbeit ist immer noch genügend da. Draußen bei einer Zigarette ist es mit der Zurückhaltung dann aber vorbei, platzt es aus dem einen oder anderen heraus: Nicht nur die Herren in den schicken Anzügen kriegen dabei ihr Fett ab. „Frau Merkel sagt immer: Facharbeiter werden gesucht“, faucht einer. „Haben Sie die vielen fetten Limousinen nicht gesehen, die hier täglich vorfahren, um uns abzuwerben?“, fragt er voller Sarkasmus. Ja, einige von den Jungen hätten bereits die Biege gemacht, aber andere seien zu alt, um noch mal von vorne anzufangen. „Uns nimmt doch keiner mehr“, sagen sie. Das Durchschnittsalter im Betrieb liegt bei 45 Jahren.

Auch, dass weder Landrat noch Bürgermeister sich „bisher bei uns haben blicken lassen“, nervt die Mitarbeiter. „Wir liegen halt nicht so zentral wie Hertie“, sagen sie. „Dabei gehen unsere Anlagen in alle Welt.“ Besondere Sorgen machen ihnen die „verschwundenen Millionen“ und dass diejenigen, die wohl am ehesten sagen könnten, wo sie geblieben sind, „auch weiterhin in Führungspositionen sitzen“. „Man kommt ja nicht an Informationen“, sagt einer, „aber das stinkt doch nach Missmanagement, oder?“ Die anderen zucken mit den Achseln. „Und was soll ich meinen Kindern erzählen“, entfährt es einem älteren Mitarbeiter: „Wir arbeiten, sind fleißig und kompetent. Und was nützt es? Gar nichts! Was für ein Jammer für die Leute und für das Unternehmen“, bringt er das betretene Schweigen der anderen auf den Punkt und hofft – wie sie – endlich auf verlässliche Informationen. Vielleicht gibt’s die ja am Freitag - oder am Montag, 27. Januar, bei der nächsten Betriebsversammlung.

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