Eine Hallig im Paddelfieber

Der Vorsitzende zuerst: Hakola Dippel sticht mit anderen Paddlern in See. Foto: hoo
Der Vorsitzende zuerst: Hakola Dippel sticht mit anderen Paddlern in See. Foto: hoo

Seekajakwoche der Salzwasserunion auf Hooge / Postschiffer Fiede Nissen rettet schiffsbrüchigen Vorsitzenden aus der Nordsee

shz.de von
03. August 2012, 07:57 Uhr

Hooge | Ungewohnt bunt wird es noch bis Sonntag rund um das Hooger Seilerhus aussehen und zugehen. Denn die rund hundert Seekajakfahrer der Salzwasserunion - ein Zusammenschluss von rund 1200 Seekajakfahrern aus ganz Deutschland, die Salzwasserreviere bevorzugen - haben die Hallig Hooge als Basislager für ihr großes Jahrestreffen auserkoren. Und so herrscht seit vergangenem Freitag Festival-Stimmung an der Hooger Schleuse.

Zwischen den Stelzen des Vereinshauses des Hooger Segelclubs flattern Jacken, Neoprenanzüge und Ausrüstung zum Trocknen im Wind. Hakola Dippel, der Vorsitzende der "Salzwasserunion", steht an der Hafenausfahrt und beobachtet die Teilnehmer der Tagestour zum Pallas-Wrack, die bereits weit draußen vor Hooge dem Horizont entgegen gleiten. Nur hin und wieder blitzt noch ein Paddel im Sonnenlicht auf. Im Hafenbecken plätschert es währenddessen. Anweisungen hallen zwischen den Segelyachten hindurch. Techniktraining ist angesagt und die Teilnehmer vollführen unter den aufmerksamen Augen von Bernhard Hillejan eine Rolle nach der anderen. "Rollen zu trainieren ist ein Riesenspaß, aber auf Tour, bei Wind und Welle bedeutet eine Rolle Adrenalin und Stress", erklärt Maike Feldt, die für die Land-Organisation ist. Elegant schwingt sie sich mit ihrem Kajak auf die Seite, taucht komplett ab und kommt wenige Sekunden später mit einem Schwall Wasser und einem breiten Grinsen wieder hervorgeschossen. "Wenn man die Rolle technisch beherrscht, ist sie gar nicht anstrengend", erzählt die 26-Jährige. Kaum aus dem Wasser wird sie voll in Beschlag genommen. Hier ist ein Handy verlorengegangen, da braucht jemand einen Arzt, der aktuelle Wetterbericht wird benötigt und für den Abend fehlt noch Grillfleisch.

Es riecht nach Camping-Gaskochern und frischem Kaffee. Dippel klettert guter Dinge zwischen den Zeltleinen und Booten hindurch zum großen Hauptzelt. Gleich geht es los zur nächsten Tagestour und sein Team ist schon zum Aufbruch bereit. Seit 20 Jahren ist er aktiv dabei und freut sich jedes Jahr auf die Seekajakwoche, um sich dort mit möglichst vielen Leuten am und im Salzwasser auszutauschen. Es sei der Atem des Meeres, das Raus und Rein mit der Tide, dass ihn so am Salzwasserpaddeln fasziniert. Im Fluss könne man nur von A nach B paddeln und müsse dann das Boot wieder zurückbringen. Im Meer sind Rundtouren und Tagestouren möglich, die Strömung und Brandung stellt eine Herausforderung dar und das Meer biete leider oft die letzten natürlichen Reviere Deutschlands: "Viele die natürlich Paddeln wollen, sind fast gezwungen an die Küste auszuweichen."

Doch der 51-Jährige ist nicht nur in der Nordsee, sondern auch in der Ostsee im Mittelmeer oder im Atlantik unterwegs. Neben seinem Kajak besitzt er auch ein gut 5,50 Meter langes Umiak, das er als den Transporter unter den Booten beschreibt. Vergangenes Jahr war er mit diesem Schiff für vier Wochen in Grönland unterwegs und wollte es auch mit auf die Seekajakwoche nach Hooge bringen. Doch die Anreise zur Hallig im Umiak stellte sich schwieriger heraus als geplant. Auf dem Weg zwischen Schlüttsiel und Hooge schwappten durch starken Wind nicht nur von der Seite und von vorne Wellen in sein Boot, sondern auch von hinten. "Es ging ziemlich schnell - innerhalb von einer Minute bin ich gesunken. Aber es war alles wasserdicht verpackt und ich hatte so viel Auftrieb, dass das Boot nicht ganz untergegangen ist." Zu seinem Glück war Postschiffer Fiede Nissen ganz in der Nähe unterwegs, nahm über Seefunk Kontakt mit dem Schiffbrüchigen auf und fischte ihn mitsamt Umiak aus der Nordsee. So ging Dippel außer einem Paar Gummistiefeln und einem Paddel nichts verloren und nach drei Stunden Wartezeit auf Langeneß fuhr er mit der Fähre nach Hooge. "Mir ist ja nichts passiert."

Ob Frauen oder Männer, von zwei- bis zu 80-jährigen Paddlern, von Schülern bis zu Professoren - die Truppe ist bunt gemischt und von Anfängern bis absoluten Kajak-Cracks alles dabei. "Da ist auch Wissen in unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden vorhanden", meint Matthias Panknin, zuständig für das Programm. Seekajaktouren, Ausbildungen, Mitpaddelgelegenheiten, Workshops, Führungen, Vorträge und Diskussionskreise stehen auf dem Veranstaltungskalender. Es geht nach Sylt, Pellworm, Amrum, Gröde, Langeneß und auf die Außensände. Ein Fischer hatte ein Gespräch mit Paddlern, Berufskollegen, der Wasserschutzpolizei, Fährkapitänen und der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger angeregt. "Er hatte Angst, dass er uns auffischt, weil er uns nicht sieht", sagt Panknin. "Ein gutes Gespräch, um Verständnis füreinander zu bekommen."

Im Vordergrund steht die Sicherheit. Es gibt keinen Führerschein für Kajaks, aber die "Salzwasserunion" vergibt vereinsinterne Scheine: von der Seebefähigung über die Fahrtenleitung bis zum Ausbilder. "Man muss das Boot beherrschen, wissen wie man sich bei Strömung und im Fahrwasser verhält, entsprechend ausgerüstet sein und Situationen richtig einschätzen können", sagt Dippel. Kurz vor dem Start gehen alle nochmal ihre Checklisten durch. Alles dabei? Seekarte, Kompass, Tidenkalender, Reservepaddel, Fußpumpe, Erste-Hilfe-Set, Kleidung zum Wechseln - unglaublich was so alles in ein kleines Kajak passt.

"Paddeln ist mein Leben und meine Leidenschaft", sagt Panknin und ergänzt: "Aber nicht im Süßwasser. Mehr an den Küsten der Meere und in der Weite. Eigentlich ist Salzwasser eher ungünstig, weil es so klebt. Das Salz hätte man auch weglassen können."

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