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Nordfriisk Instituut : Eine Friesin Down Under

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die 23-jährige Hiltje Boysen aus Risum-Lindholm wanderte nach Australien aus – doch auch tausende Kilometer von der Heimat entfernt wird Friesisch gesprochen.

Hiltje Boysen sitzt am Küchentisch ihrer Mutter in Risum-Lindholm. Zehn Monate war die 23-Jährige nicht mehr zu Hause, nicht mehr „ine“, wie sie auf Mooringer Friesisch sagt. Sie lebt jetzt Down Under, in der Millionenstadt Perth, ganz im Westen von Australien. Dabei war das eigentlich gar nicht so geplant, berichtet Hiltje.

Vor vier Jahren reiste sie nach Australien und wollte nach dem Abitur „Work & Travel“ machen, ein Jahr lang durch das Land reisen und zwischendurch immer wieder arbeiten, um die Reisekasse aufzufüllen. Nur ein Jahr sollte es sein, ein „gap year“ wie die Australier sagen – ein „Lückenjahr“, um nach Jahren auf der Schulbank etwas zu erleben und sich gleichzeitig zu orientieren, in welche berufliche Richtung es gehen soll. Ihre ältere Schwester Elke war schon im Jahr zuvor dort gewesen, hatte diesen Weg geebnet. Und die Schwester der Mutter, Tante Maike, lebt seit rund 20 Jahren in Perth – mit Ehemann Peter, einem Australier, und den gemeinsamen Kindern Sophie und Sam. Die Anlaufstation war also schon da, kein Sprung ins kalte Wasser.

Sprachlich war es ohnehin kein Kulturschock, denn die friesische Muttersprachlerin Hiltje kann mit Tante Maike, Sophie und Sam Friesisch sprechen – tausende Kilometer von Nordfriesland entfernt. Tante Maike hatte mit ihren inzwischen 19 und 17 Jahre alten Kindern von Geburt an nur Friesisch gesprochen und ihnen die Sprache später auch mit Büchern aus dem Verlag des Nordfriisk Instituut nähergebracht, indem sie ihnen daraus vorlas. So erinnert bei dieser Auswanderergeschichte vieles an Generationen zuvor in der Familie Boysen, als Onkel Thede, ein Onkel von Hiltjes Großvater, um 1906 nach Iowa  /  USA gezogen war, wo auch er friesische Verwandte hatte. Die Boysens gehörten zu den vielen Nordfriesen, die seit dem 19. Jahrhundert nach Übersee auswanderten.

Lebensdaten, Verwandtschaftsverhältnisse und ganze Geschichten von Auswanderern sammelt das Auswandererarchiv des Nordfriisk Instituut unter Leitung von Dr. Paul-Heinz Pauseback. Vielleicht wird dort in Zukunft auch einmal die Geschichte von Hiltje dokumentiert werden. Dass die 23-Jährige nach dem geplanten Jahr nicht wieder nach Hause gekommen ist, daran ist Lee „schuld“, ihre große Liebe. Er ist 31 Jahre alt, stammt aus Neuseeland und arbeitet in Australien als Truck-Fahrer. Hiltje hat inzwischen eine permanente Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung und einen Job in der Hotelbar des „Hilton“ in Perth. Sie liebt die große Weite des fünfte Kontinentes, „die eine Großzügigkeit des Umgangs der Menschen miteinander hervorbringt“, wie sie sagt. Viel Platz um sich herum und die Gelassenheit, das erinnert Hiltje an Nordfriesland und die Friesen, die eben auch eine andere Mentalität hätten als die Deutschen. Heimweh hat sie manchmal trotzdem. Besonders vermisst sie das friesische Weihnachtsfest, wenn in Australien Heiligabend bei 30 Grad im Schatten gegrillt wird. Wenn sie nach Hause kommt, zieht es sie nach Dagebüll – den Deich, das Meer sehen. Doch jedesmal, wenn ihr Flugzeug in Hamburg-Fuhlsbüttel landet, wird ihr schnell wieder bewusst, was sie an Deutschland nervt: zu viele Menschen mit schlechter Laune, Enge, alles viel zu ordentlich und ein geistiges Klima von „Gartenzwerg-Verordnungen“.

„Mädchen, du musst doch einen ordentlichen Beruf lernen, denk ’ an deine Zukunft“, hört sie hier oft. Sie liebt an Australien die Chancen, sich ohne Abschlüsse hocharbeiten zu können. Wird sie zurückkehren, wird sie dort bleiben? Sie weiß es noch nicht. Ihr älterer Bruder hat in Nordfriesland geheiratet, und die Hochzeit war der Anlass, einmal wieder nach Hause zu fahren. Danach ging es zurück auf den roten Kontinent. Vor ein paar Monaten hat Lee in Perth ein Einfamilienhaus gebaut. Die Chancen stehen gut, dass das Auswandererarchiv des Nordfriisk Instituut bald ein neues Kapitel anlegen kann.

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