zur Navigation springen

Theologin aus Horstedt : Eine Frau zwischen zwei Kulturen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Theologin Irmela Mukurarinda betrachtet das Schreiben von Büchern und „gottesdienstlichen Lesungen“ als Herzens-Angelegenheit. Als nächstes will sie über ihren verstorbenen afrikanischen Schwiegervater schreiben.

In loser Folge stellen wir in dieser Serie Menschen vor, die sich für etwas besonders engagieren, weil das Thema für sie zu einer Herzensangelegenheit geworden ist.

Einen eigenen Standpunkt hatte die Pfarrerstochter, die sich selbst als bekennende Sächsin sieht, zum Leidwesen des DDR-Regimes schon immer – und den hätte sie auch vehement vertreten. Ihre Schul- und spätere Studienzeit der Theologie wäre nicht zuletzt durch ihren 1970 gestellten Ausreiseantrag belastet worden, erzählt Irmela Mukurarinda. „Es war eine ständige Gratwanderung. Mein Mann ist Afrikaner. Zur damaligen Zeit wollte die DDR keine zusätzlichen politischen Konflikte schaffen und außerdem wollte sie als Staat anerkannt werden. So ließ man mich in Ruhe und ich konnte mein Studium als Diplom-Theologin beenden“. Bis zur Ausreise 1976 habe sie in der DDR-Kirchenbehörde gearbeitet. In Westberlin angekommen, sei sie dann zunächst als Religionslehrerin tätig gewesen und danach in den Pfarrdienst gegangen. „Ich bekam 1980 eine Pfarrstelle in Berlin-Kreuzberg. Diese Jahre zählen für mich mit zu den schönsten meines Berufslebens“, schwärmt sie. 1990 habe sie sich für eine Pfarrstelle in Österreich beworben und sei mit ihrem Mann und vier Kindern nach Braunau am Inn gezogen.

„Dort habe ich angefangen zu schreiben. Ich knabberte an dem, was ich in den prägenden Jahren meiner Kindheit in der DDR erlebt hatte. Immer öfter und stärker durchlebte ich einzelne Momente und dabei standen mir die kränkenden Szenen in verschiedenen Variationen vor Augen. Manchmal war ich wütend und konnte nicht herausfiltern, warum ich es war. Nachdem ich im Laufe der Zeit versuchte, immer tiefer in die gelebten Erinnerungen und damit auch tiefer in meine Kindheit abzutauchen, wurde ich bitter an meine Grenzen geführt“, berichtet sie. „Ich stellte allerdings auch fest, dass ich immer die gleichen Fehler gemacht hatte. Menschen haben wenig Möglichkeiten, sich grundlegend zu verändern und noch heute läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich Uniformen sehe, selbst wenn es beispielsweise harmlose Zöllner sind“.

„Der Pastorenberuf ist wenig familienfreundlich. Ständig gibt es den Spagat zwischen Familie und Beruf und darum kam es 1994 wieder zu einer Veränderung. Wir gingen zurück nach Deutschland, wo ich nahezu 14 Jahre auf einer Spezial-Pfarramtsstelle in der Weiterbildung für Pastoren im Pastoralkolleg tätig war. Damit hatte ich auch mehr Zeit für das Schreiben“. 2009 sei sie in den vorzeitigen Ruhestand getreten und habe für verschiedene Verlage Anthologien und einen Roman ihrer Erlebnisse während der DDR-Zeit geschrieben. „Wendeschleife oder im Tal derer von Brühl“, so der Buchtitel, sei in der Rahmenhandlung autobiografisch. Die Handlung in die Zeit nach der Wiedervereinigung gelegt, spiegele durch Rückblicke in ihre Kindheit die Geschehnisse der damaligen Zeit wieder. Natürlich sei alles aus ihrer subjektiven Sicht betrachtet, erläutert sie. Sowohl das Schreiben als auch ihre Lesungen seien Herzens-Angelegenheit für sie. „Ich mache gottesdienstliche Lesungen. An der Stelle, in dem in meinem Roman die Gemeinde einen Choral singt, singe ich mit meinen Zuhörern, die mich auch für Fragen unterbrechen dürfen, ebenfalls einen Choral. Das macht vieles deutlicher und lebendiger“, lächelt sie.

Seit ihrem Eintritt in den Ruhestand mache sie Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten und vor allem Beerdigungen für Nichtchristen. Ein Herzensanliegen sei es für sie auch, Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Sie tue das aus tiefer Hochachtung vor dem gelebten Leben, auch wenn sie sähe, dass es zu Abstürzen und Brüchen in der Biografie gekommen sei. „Bei dem Beerdigungsgespräch mit Angehörigen wird das Bild eines Menschen gemalt, mal in hellen, strahlenden und manchmal in dunklen Farben. Das ist das Leben. Es geht mir dabei immer darum, den ganzen Menschen zu sehen, wo war sein Bemühen und wo seine Liebe. Ich löse ihn aus seinem jeweiligen Aufgabenbereich und versuche seine Achtung vor dem Menschenleben zu begreifen. Ich habe auch Suizide beerdigt. Wenn ich die Angehörigen sehe, oft noch mit kleinen Kindern, gibt es immer eine große Ergriffenheit meinerseits“.

Gedanken um ihre Zukunft mache sie sich im Moment nicht. Sie sei für alles, was da komme, offen. „Das Alter merkt man daran, dass das Leben nicht unendlich ist. Das ist auch ein Grund dafür, dass ich angefangen habe, mit meiner Zeit zu geizen und gelernt habe, auch mal nein zu sagen - auch wenn es weh tut. Nun erlaube ich mir, das zu tun, was Spaß macht. Dazu gehören weiterhin Gottesdienste, bei denen ich auf der Kanzel stehe“, so die Pastorin.

„Ein Anliegen habe ich noch. Ich werde ein Buch über meinen 1997 in Ruanda verstorbenen Schwiegervater schreiben. Er wurde in seiner Jugend christianisiert und hat in seinem Land für die dortige christliche Kirche gearbeitet. Ich habe immer seine inneren Spannungen gespürt und dass er einfach nicht in sich selbst ruhte. Das änderte sich erst, als er sich entschloss, zu seinen Wurzeln und Werten der alten ruandischen Urreligion zurückzukehren. Die Geschichte verknüpfe ich mit unserer Geschichte, mit meiner und der meines Mannes.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen