Pflichtbewusst und klaglos : Eine Familien-Managerin

 <strong>Dieter Staacken</strong> hat ein Buch über seine Mutter geschrieben.  Foto: aco
Dieter Staacken hat ein Buch über seine Mutter geschrieben. Foto: aco

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22. Mai 2010, 06:05 Uhr

Garding | Im Alter von 100 Jahren erzählte Dr. med Johannes Staacken in dem Büchlein "Landarzt hinterm Seedeich" aus seiner Praxiszeit von 1925 bis 1971. Und bis heute kursieren Geschichten um den beherzt handelnden und manchmal schroffen All gemeinmediziner und Geburtshelfer mit dem bezeichnenden Spitznamen "Jan Ruff". Die starke Frau an seiner Seite, "meine Ilse", geborene Oppermann, erwähnt er in seinen rein medizinischen Ausführungen mit nur einem Satz. Deshalb hat sein Sohn, der Maler, Bildhauer und Schriftsteller Dieter Staacken, nun ein Buch geschrieben, das die Lebensleistung der Mutter beleuchtet: "Jan Ruff & Frau Doktor. Ein Landarzt-Frauen-Schicksal inmitten des 20. Jahrhunderts" ist der Titel.

"Hier geht es um die andere Seite der Medaille, die der Ehefrau, Mutter und Berufspartnerin", betont der Künstler. Steine habe sie nicht geklopft, so der 75-Jährige, doch sei sie ein typisches Mitglied der "Trümmerfrauen-Generation" gewesen mit einer für ihre Zeit exemplarischen Lebenshaltung. Dieter Staacken versuchte jedoch gar nicht erst, eine Biografie seiner Mutter zu schreiben, denn wer kann und wollte wohl seine Mutter objektivierend beschreiben? Er schuf einen Zeitzeugenbericht aus familiärem Blickwinkel, beschrieb auch seinen Vater, wählte Alltagssituationen und veranschaulichte sie mit seinen Ölbildern und Zeichnungen sowie vielen Fotos. Sie zeigen, dass Ilse Staacken im wahrsten Sinne eine "Frau Doktor" war und obendrein das, was man heute vielleicht eine Familienmanagerin nennen würde: als Histologin, OP-Assistentin, Rettungssanitäterin, Buchhalterin und Telefonistin in der Praxis ihres berufsbedingt oft abwesenden Mannes tätig, Mutter von vier Kindern, Hausfrau, Landwirtin, Meieristin, Tapeziererin - alles in einer Person, außerdem Seelentrösterin für leidende Patienten und Mitmenschen. Das schwarze Drehscheibentelefon, das in Zeiten ohne Handy und Notruf oft den einzigen Draht zum Leben darstellte und über das Ilse Staacken wachte, hält ihr Sohn Dieter noch heute in Ehren. Er spricht von einer "Gewissen-Haft" seiner Mutter, die sich kaum vom Praxistelefon fort traute. Gesellschaftliches Leben, einmal die Laute oder Tennis spielen, geschweige denn Urlaub - diese Dinge gab es in ihrem Leben nicht. Die ganze Familie, auch die Kinder, halfen mit. Zeit für Muße brachten aber die Ruhestandsjahre, umsorgt von den Kindern.

"Jetzt haben Sie zumindest mal durch einen Spalt geblickt", lächelt der Autor. Viel mehr hätte er noch erzählen können, doch - er winkt ab - das sprenge den Rahmen. Das Auswählen der Erinnerungen für sein Buch ist wohl die größte Herausforderung gewesen. Seine Frau Regine stand ihm dabei zur Seite mit ihrem doch etwas größeren Abstand. "Für junge Menschen ist es heutzutage wohl kaum nachzuvollziehen, was Frau Doktor klaglos und wie selbstverständlich tat - Pflichterfüllung, ohne gleich an Rechtsansprüche zu denken", setzt Dieter Staacken hinzu.

Dieses Buch musste geschrieben werden. Nicht nur, weil es am Beispiel der Ilse Staacken die Lebensleistung der "Trümmerfrauen-Generation" beschreibt. Und nicht nur, weil es den nachfolgenden Generationen den unschätzbaren Wert der Familie vor Augen führt. Wenn Dieter Staacken sein Werk mit den Worten "Danke, Mutti, und danke, Frau Doktor!" schließt, stillt er damit seine ganz persön liche Sehnsucht, der selbstlosen Fürsorge und dem allumfassenden Arbeitseinsatz seiner Mutter nachträglich eine Referenz zu erweisen - als ihr Sohn ebenso wie im Namen des unbekannten Patienten.

Das 98 Seiten starke Buch aus dem Husum Verlag ist im Buchhandel erhältlich, ISBN 978-3-89876-502-2.

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