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Eiderstedter Urgestein : Ein Zeuge des Jahrhunderts

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der ehemalige Landtagsabgeordnete und letzte Kreispräsident Eiderstedts, Hans Alwin Ketels, feiert seinen 100. Geburtstag. In seinen zahlreichen Ämtern hat er sich immer für seine Heimat eingesetzt und genießt bis heute hohes Ansehen.

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erstellt am 19.Okt.2013 | 12:00 Uhr

Sein Lebensmotto ist so fest verwurzelt in seiner Eiderstedter Heimat wie er selbst. „Et gah uns wohl op unse olen Dage“ – an diesem Spruch der tatkräftigen Deern Martje Flohrs hat sich Hans Alwin Ketels sein Leben lang orientiert. Heute feiert der letzte Eiderstedter Kreispräsident und ehemalige Landtagsabgeordnete seinen 100. Geburtstag mit seiner großen Familie, auch zwei seiner sechs Brüder leben noch, und Freunden. Nicht nur im Familienleben hat er sich von seinem Motto leiten lassen, sondern ihm lag auch immer das Wohl der Menschen in Eiderstedt und Nordfriesland am Herzen. Die lange Liste seiner Ehrenämter und seine Arbeit im Landtag legen davon Zeugnis ab.

Geboren am 19. Oktober 1913 in Osterhever ist Hans Alwin Ketels Zeitzeuge der dramatischen Umwälzungen im
20. Jahrhunderts – vom Ende des Kaiserreichs über die Weimarer Republik, die Nazi-Diktatur bis zur Bundesrepublik. Er weiß sehr detailliert über die Vergangenheit zu berichten, und man könnte ihn als wandelndes Lexikon der jüngeren Eiderstedter Vergangenheit bezeichnen. Die Notzeiten, gerade während der Weimarer Republik mit hoher Arbeitslosigkeit, und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs haben sein späteres Engagement im Bauernverband Schleswig-Holstein, für den Kreis Eiderstedt und im Landtag geprägt, wie er erklärt. Er macht aber auch keinen Hehl daraus, dass er nach den Erfahrungen mit den chaotischen letzten Jahren der Weimarer Republik anfänglich begeistert von den Nationalsozialisten war.

Hans Alwin Ketels wurde in eine alteingesessene Eiderstedter Landwirtsfamilie hineingeboren. Er war der älteste der sieben Söhne von Ove Becker und Elisabeth Ketels, geborene Hinrichs, deren Familie ebenfalls aus Eiderstedt stammt. Nach der Grundschulzeit besuchte er von 1924 bis 1931 das Hermann-Tast-Gymnasium in Husum. Weil sein Vater wegen der Wirtschaftskrise die Ausbildungskosten nicht mehr zahlen konnte, musste er die Schule ein Jahr vor dem Abitur verlassen. Er entschied sich für den Landwirtsberuf. 1935 wurde er freiwillig Soldat. Am 18. November 1938 heiratete er seine Frau Helene, geborene Pauls. Beide hatten sich in der Landjugend kennengelernt. Sie übernahmen einen 30 Hektar großen Hof im Norderheverkoog. Zwischen 1939 und 1950 kamen der Sohn Ove Becker und die vier Töchter Levke (2001 verstorben), Anke, Helma und Gunta auf die Welt.

Doch das private Glück wurde bald vom Zweiten Weltkrieg überschattet. Bereits am 26. August 1939 wurde Hans Alwin Ketels einberufen. Im Sommer 1941 nahm er am Angriff auf die Sowjetunion teil. Im Januar 1942 erlitt er vor Leningrad schwere Erfrierungen an den Händen. „Es war die kälteste Nacht des Jahres, und unsere Ausrüstung war dem überhaupt nicht angepasst. Wir hatten nur ganz dünne Handschuhe.“ Er verlor alle Finger und die Daumen. Ein tragischer Umstand, der später aber nicht unwesentlich zu seinem ehrenamtlichen und politischen Engagement beigetragen hat, wie er selbst betont. Denn da er nicht mehr praktisch als Landwirt arbeiten konnte und ihm ausschließlich die Leitungsfunktion blieb, hatte er Zeit für diverse Ehrenämter, die ihm angetragen wurden. Seine nüchterne, realistische Sicht der Dinge, seine geradlinige und humorvolle Art hat die Verantwortlichen überzeugt, dass er der Richtige ist.

Nach Ende der Nazidiktatur wurde er von den Briten als „Entlastet“ eingestuft. Als erstes engagierte er sich dafür, dass der Landesteil Schleswig deutsch blieb. Hans Alwin Ketels arbeitete dann am Aufbau des Bauernverbandes und der Landjugend mit. Er war von 1951 bis 1974 Vorsitzender des Kreisbauernverbandes und später auch Vorstandsmitglied im Landesbauernverband. Er wirkte ab 1950 am Wiederaufbau der Landwirtschaftskammer mit und gehörte dem Vorstand von 1953 bis 1978 an. Daneben hatte Hans Alwin Ketels zahlreiche Vorstands-, Aufsichts- und Beiratsposten im Bereich Meierei, Fleischwirtschaft, Banken- und Versicherungswesen. 1959 trat er der CDU bei, wurde im selben Jahr Kreistagsmitglied. Bereits 1963 wollte man ihn zum Kreispräsidenten von Eiderstedt machen. Er lehnte ab. „Ich wollte mir das erstmal angucken.“ 1966 war es dann soweit. Bis zur Kreisgebietsreform 1970 blieb er im Amt. Damals ging Eiderstedt in Nordfriesland auf.

Zuvor hatte er schon den Ruf nach Kiel erhalten. Im Zuge der Strauss-Affäre übernahm der damalige schleswig-holsteinische CDU-Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel das Verteidigungsministerium. Hans Alwin Ketels stand auf der Landesliste und rückte im Oktober 1965 für ihn nach. Bei der nächsten Landtagswahl 1967 hatte er sich zunächst gar nicht beworben. „Ich wollte keinen anderen wegstoßen. Doch mir wurde gesagt, dass mich die CDU im Wahlkreis Husum-Land wollte. Mein Vorgänger musste wegen eines Augenleidens aufhören. So kam das dann“, erinnert er sich. Und von 1971 bis 1983 war er Landtagsabgeordneter für Husum-Eiderstedt. „Das war ein schwieriger Wahlkreis, weil es viele Christ- und Sozialdemokraten gab. Aber mir wurde später gesagt, dass mich auch immer einige von der SPD gewählt haben.“ Gern erinnert er sich an die Zeiten mit Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg. „Der konnte dem roten Steffen rhetorisch Paroli bieten.“ Stolz ist Hans Alwin Ketels darauf, dass Stoltenberg zuhörte, wenn er etwas in der Fraktionssitzung zu sagen hatte. „1983 war für mich das Maß dann voll. Ich war 70, nun sollten jüngere ran.“ Für sein Engagement erhielt er die Freiherr-vom Stein-Medaille, 1975 das Bundesverdienstkreuz am Bande, 1981 die Schleswig-Holstein-Medaille und 1982 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.

Doch so ganz verabschiedete sich Ketels nicht aus der politischen Landschaft: Von 1982 bis 1990 war er Stadtvertreter von Garding. Bereits 1964 hatte sein Sohn den Hof im Norderheverkoog übernommen. Ketels und seine Frau zogen nach Garding. 1994 verstarb Helene Ketels. Heute gehören zu seiner Familie auch elf Enkel und 16 Urenkel.

Die Geschichte seiner Heimat lag und liegt Hans Alwin Ketels am Herzen. Er war Vorsitzender des Heimatbunds Landschaft Eiderstedt, der genau wie er in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, und ist heute dessen Ehrenvorsitzender. Außerdem war er Beiratsmitglied im Nordfriesischen Verein. Darüberhinaus ist er (Ehren-)Mitglied in vielen Eiderstedter Vereinen, und Ehrenvorsitzender des Reit- und Fahrvereins Eiderstedt sowie des Boßelvereins Garding. Ketels ist immer noch ein gern gesehener Gast auf Versammlungen. Doch aus Altersgründen geht er seit einigen Jahren abends nicht mehr gern aus. Mit seinem Leben ist er zufrieden, und er ist dankbar für sein hohes Alter, auch dafür, dass er noch in der Lage ist, weitgehend selbstständig zu leben. „Man muss jeden Tag genießen, so lange man kann.“ Und wie schafft man es 100 Jahre alt zu werden: „Mit guter Ernährung. Ich bin von Kindheit an gesund und kräftig ernährt worden – mit Grütze, Milch und Schwarzbrot. Da wird man 100 Jahre alt. Aber erwartet habe ich es nicht.“

 

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