Würdigung eines Künstlerlebens : Ein Wort sagt mehr als jede Landschaft

In ihrem Atelier verschmelzen Form und Inhalt zu einer Einheit – ob in Ton, Papier oder anderen Materialien.
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In ihrem Atelier verschmelzen Form und Inhalt zu einer Einheit – ob in Ton, Papier oder anderen Materialien.

Die Husumer Künstlerin Lucia B. Figueroa erhält am Dienstag, 14. Juli, auf Schloss Gottorf den Kunstpreis der Schleswig-Holsteinischen Wirtschaft. Die Verleihung ist mit einer Ausstellung im Kreuzstall verbunden.

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14. Juli 2015, 07:00 Uhr

Ihr Atelier ist schwer zu finden. Auch auf Lob und Anerkennung reagiert Lucia Beatriz Figueroa mit Zurückhaltung. „Wenn ich mich zweiteilen könnte“, sagt sie zwischen zwei Schlucken Pulverkaffee, „würde ich die eine Hälfte von mir nach Schleswig schicken, und die andere bliebe hier.“ Aber dort will man keine halben Sachen, schon gar nicht an diesem Tag, ihrem Tag. Immerhin erhält die Husumerin mit argentinischen Wurzeln am Dienstag, 14. Juli, im Kreuzstall von Schloss Gottorf den begehrten Kunstpreis der Schleswig-Holsteinischen Wirtschaft.

Die Zurückhaltung der Terrakotta-Großplastikerin ist auch ein Ergebnis ihres Lebensweges. In Cordoba geboren, machte sie sich nach dem Besuch der Kunsthochschule mit einer keramischen Werkstatt selbstständig. Damals zählte die Stadt zu den liberalsten Mittel- und Südamerikas. Doch dann versank das Land im politischen Chaos. Und als 1976 das Militär die Macht übernahm, war Lucia Figueroa schon nicht mehr da. Über Spanien kam sie nach Berlin, studierte an der Universität der Künste bei Lothar Fischer und zog 1981 mit ihrem Mann – einem Architekten – nach Osterhever, später nach Husum.

„Manchmal vergessen die Leute, dass ich nicht von hier, sondern aus einer ganz anderen Welt komme“, sagt die Künstlerin. Die Auszeichnung macht sie daher umso dankbarer. Dass sie gerade in Nordfriesland – „in so viel Landschaft“ – eine Bleibe gefunden hat, will auf den ersten Blick nicht recht zu ihrem künstlerischen Credo passen: „Eine flüchtige Beobachtung, ein Satz, ein Wort inspirieren mich mehr als jede Landschaft“, sagt Figueroa und führt wie zum Beweis ein Erlebnis aus Ghana an. Dort begegnete sie vor Jahren auf der Heimfahrt von der Schule in ihr Dorf einem Mann, der einen Rinderschädel auf dem Rücken trug. „Als ich mit dem Auto und zahlreichen Kindern an Bord an ihm vorbeifuhr, drehte er sich plötzlich um und hielt sich den Schädel vors Gesicht, um uns zu erschrecken.“ Das Bild – der weiße Schädel, der schwarze Mann im leuchtend weißen Shirt auf roter Erde wandelnd – ließ sie nicht mehr los. „Umgesetzt habe ich es aber erst 20 Jahre später.“ Immer wieder öffnet Figueroa auf diese Weise Schubladen, baut Erlebnisse in ihr Leben ein – und in ihre Kunst.

Die Formensprache, die sich daraus im Lauf der Jahrzehnte entwickelt habe, sei für die Menschen in ihrer neuen Heimat nicht immer leicht zu verstehen, räumt Figueroa ein. Dabei sind ihre Arbeiten ästhetische Kürzel, die auf drängende Fragen des menschlichen Seins verweisen. Form und Inhalt, Material-Wirkung und Gestaltung verschmelzen zu einer untrennbaren Einheit. Darüber hinaus spielt sie mit den Sehgewohnheiten des Betrachters, lässt Ton wie Beton oder Papier erscheinen. Das ist aber kein Spiel um des Spiels willen, sondern Teil eines Konzepts. Figueroas Kunst erschließt sich unmittelbar durch die Ausdruckskraft der Bildideen und die Prägnanz ihrer Formensprache.

Mit Ton beschäftigt sich die Künstlerin seit der Kindheit, aber ob sie schon als kleines Mädchen darüber nachgedacht habe, einmal Bildhauerin werden zu wollen, weiß sie nicht mehr. Und ihr Weg als freie Künstlerin hatte auch dornige Passagen. Umso glücklicher ist Figueroa, „dass ich gleich zwei Dinge tun kann, die mir Spaß bringen“. Neben ihrer künstlerischen Arbeit gibt sie an der Volkshochschule und privat Spanisch-Unterricht. Und dann ist da noch der Freundeskreis, eine Gruppe von Menschen, die sie unterstützen und ihr so einen gewissen Freiraum verschaffen. Einmal im Jahr öffnet sie dafür im Gegenzug ihr Atelier. Wie sehr die Freunde ihre Kunst schätzen, wird auch daran deutlich, dass einige gar keinen Platz mehr haben, „meine Sachen zu stellen, aber trotzdem weiter kaufen und die Arbeiten dann ihren Kindern schenken“. Ein zusätzlicher Weg, auf dem Figueroas stille, mit Lebenserfahrung gesättigten Botschaften ihren Weg in die Welt finden und – über alle Schranken hinweg – ins Innerste der Menschen und zum Kern der Dinge vordringen.

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