Bredstedt : Ein Wohnviertel verschwindet

In dieser Wohnung (Block 10) hat Stefan Lassen seine Kindheit verbracht.
In dieser Wohnung (Block 10) hat Stefan Lassen seine Kindheit verbracht.

Der Bredstedter Stefan Lassen hat seine Kindheit in den ehemaligen BGS-Blocks verbracht, die derzeit abgerissen werden.

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02. August 2018, 07:00 Uhr

Ein bisschen Wehmut schwingt schon mit, wenn der Bredstedter Stefan Lassen zwischen den Ruinen der ehemaligen BGS-Wohnblocks steht. Denn hier hat der heute 35-jährige Familienvater – er arbeitet als Müllwerker in Ahrenshöft – seine Kindheit und einen großen Teil seiner Jugend verbracht.

„Ich bin ein Blockkind“, sagt Stefan Lassen – und das sagt er in bester Erinnerung. Er deutet auf die Erdgeschoss-Wohnung unten links im Block 10. „Hier bin ich mit meinen fünf Geschwistern aufgewachsen.“ Im Block 11 gegenüber auf der anderen Straßenseite hatte Stefan Lassen mit 17 Jahren seine erste Wohnung. Hier klafft heute eine Riesenlücke, das Haus Nr. 11 existiert schon nicht mehr. Später zog er noch einmal um – in Block 16, gleich hinter der Elternwohnung.

Nach und nach kommen die Erinnerungen zurück. „Hier war einmal alles sehr gepflegt“, sagt Stefan Lassen. Sein 2013 verstorbener Vater, Peter Lassen, war hier einst Hausmeister, „um die Hecken und Beete hat sich der Gärtner Alfred Wilke gekümmert“, sagt er. „Als Kind – ich war damals sechs oder sieben Jahre alt – war ich mit den Nachbarskindern viel draußen und habe Herrn Paulsen geholfen. Wenn der Rasen gemäht wurde, haben wir anschließend das Gras abgeharkt. Das ging manchmal bis abends um halb elf.“ Zur Belohnung gab es für die jungen Freiwilligen Naschkram oder ein paar Münzen.

Wie lebte es sich ansonsten in den Blocks? „Die Wohnungen waren schön geschnitten.“ Es gab Vier-Zimmer-Wohnungen, etwa 95 Quadratmeter groß, sowie Drei-Zimmer-Einheiten (80 Quadratmeter. Zu jeder gehörte weiterhin ein Kellerraum. Hellhörig? Nein, das sei es hier nie gewesen. Und auch die Umgebung war ruhig. Als Kind hat Stefan Lassen noch erlebt, dass hinter dem querliegenden Block in der Broder-Lorenz-Nissen-Straße Felder und Wiesen waren. Später entstand hier ein Baugebiet. Auch Anonymität habe er hier nie erfahren. „Eigentlich kannte ich alle Bewohner.“ Und das waren damals längst nicht mehr nur BGS-Bedienstete. Für die Kinder waren die Grünflächen mit den Spielgeräten ein Paradies. „Wir konnten hier bedingungslos herumtoben.“ Gleich nebenan auf dem BMX-Platz war auch Stefan Lassen zu finden. „Wir sind hier alle gefahren.“

Das alles machte die Wohnungen in den Blocks begehrt. „Wenn man mal die Gardinen abgenommen und gewaschen hat, wurde sofort nachgefragt, ob die Wohnung frei wird“, sagt er lachend. In Erinnerung geblieben sind ihm auch die beiden Birken vor der elterlichen Wohnung. Er erlebte, wie sie größer wurden und wie sie 2013 schließlich dem Orkan Christian zum Opfer fielen.

Irgendwann wurden Schaukel und Rutsche nicht mehr repariert oder erneuert. Und: „Zuletzt haben wir häufig die Keller auspumpen müssen, weil Rohre geplatzt waren.“ 2013 zog Stefan Lassen aus den Blocks aus – Bredstedter ist er geblieben. Seither war er nur noch selten hier. „Höchstens jetzt, um zu sehen, was abgerissen, was noch da ist.“ Vor den noch verbliebenen Blocks, deren Fenster längst eingeschlagen wurden, blickt er heute auf verwilderte Grünflächen, Müll, alte Elektrogeräte und Unrat.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sieht Stefan Lassen auf sein „Elternhaus“, das bald Stück für Stück für immer verschwinden wird. „Ich habe hier eine schöne Zeit verbracht, doch jetzt ist das hier nur noch ein Schandfleck.“

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