Husumer gehen zu sorglos mit ihren Essensresten um : Ein Schlaraffenland für Ratten

Die ausgestopfte Bisamratte dient nur als Anschauungsmaterial, wenn Ernst Friedrichsen den Unterschied zur Ratte erklären will.
Die ausgestopfte Bisamratte dient nur als Anschauungsmaterial, wenn Ernst Friedrichsen den Unterschied zur Ratte erklären will.

Ernst Friedrichsen ist der Retter in der Not: Als Schädlingsbekämpfer sorgt der Husumer dafür, dass auch Bettwanzen und Ratten verschwinden.

shz.de von
01. März 2017, 11:00 Uhr

Ernst Friedrichsen nimmt es mit Humor: „Bei Veranstaltungen tun einige manchmal so, als ob sie mich nicht kennen würden.“ Das hat mit seinem Beruf zu tun: Der 54-Jährige betreibt eine Schädlingsbekämpfungsfirma. Und bei diesem Thema wünschen sich alle Stillschweigen und keine nachbarliche Neugierde. Doch Anrufe nach dem Motto „Ich habe Sie bei uns in der Straße gesehen – bei wem waren Sie denn?“, bekommt Friedrichsen immer wieder – und bleibt die Antwort schuldig. Besonders peinlich sei Kunden, wenn sie ihn rufen müssten, da zu ihren „Andenken“ von einer Reise auch Flöhe und Bettwanzen gehören.

Der Husumer beschäftigt sechs Leute, darunter die eigene Tochter, die sich auf Desinfektion spezialisiert hat. Der Chef und sein Team sind in Nordfriesland, Dithmarschen, Kiel und in Dänemark unterwegs. Den Kammerjäger mag Friedrichsen nicht – „wir sind Schädlingsbekämpfer“. Dafür gibt es den Gesellenbrief nach einer dreijährigen Ausbildung – ein Meistertitel ist nicht vorgesehen. Ernst Friedrichsen arbeitet seit 36 Jahren in diesem Geschäft und gehört zu den Quereinsteigern. „Früher war es ein reiner Umschulberuf.“ Der gelernte Tischler war von einem Husumer Fachbetrieb angeworben worden, „da ich mich mit Holz auskannte“. Denn ein Schädlingsbekämpfer kümmert sich auch um Holz- und Bautenschutz – dabei geht es neben der richtigen Behandlung um Themen wie Feuchtigkeit, Pilz- und Schwammbefall. Insekten, Ratten, Mäuse und Marder stehen für weitere Einsatzbereiche der Fachleute. „Das Einzige, was wir nicht übernehmen, ist Pflanzenschutz in der Landwirtschaft.“

Doch das Know-how über Mittel und Wirkstoffe sowie zur Biologie der Tiere, um in den anderen Arbeitsfeldern erfolgreich zu sein, ist auch so überaus umfangreich – und es gibt nie einen Status quo, denn: „Es kommen alle paar Jahre neue Biozide und Insektizide auf den Markt, zudem werden Auflagen geändert. Und alles soll von nun auf jetzt befolgt werden. Mindestens einmal im Jahr muss jeder von uns zu einer Fortbildung.“

Die vorbeugende Schädlingsbekämpfung steht ganz oben auf der Einsatzliste der Firma Friedrichsen. Ob in der Gastronomie, in Hotels oder in Großküchen von Kliniken – Rat und Tat der Schädlingsbekämpfer sind gefragt. „Schließlich werden alle regelmäßig kontrolliert. Im Idealfall sind wir schon beim Einbau der Küche dabei.“ Dann gehe es beispielsweise um die Frage, „wie kommen Waren in die Küche, ohne dass der schmuddelige Lieferkarton im Produktionsbereich landet“.

Ein wiederkehrendes Problem sind Ratten. „Unsere Wegwerfgesellschaft, die Essensreste durchs Klo spült und Verpackungen mit Fast food in die Landschaft wirft“, sorgt laut Ernst Friedrichsen für Kost, die die Nager nicht verschmähen. „Und gibt es überhaupt und viel zu fressen, wächst die Population.“ Es sei zwar erlaubt, aber er rät davon ab, Gekochtes auf Komposthaufen zu entsorgen. Werden deshalb Ratten angelockt, greift das Infektionsschutzgesetz, nach dem jeder verpflichtet ist, die Ursachen für den Befall abzustellen, weiß der Fachmann. Auch Vogelfutter, das auf Rasenflächen geworfen werde, locke die Tiere an. Die Übertragung von Krankheiten erfolge nur über einen direkten Kontakt – die nachtaktiven, scheuen Tiere würden aber vor Menschen fliehen, beruhigt Friedrichsen.

Je nach Befall und Einsatzort kommen Fallen oder Gift zum Einsatz. Die effizientesten, tierschutzrechtlich aber bedenklichsten Mittel sind Biozide und laut EU-Verordnung für Laien verboten, um Gefahren für die Umwelt abzuwenden: Es handelt sich um Gerinnungshemmer, die die Tiere innerlich verbluten lassen, sodass die Ratten sich nicht mehr erinnern, wo sie den Köder gefressen haben.

Werden Ratten auf städtischem Grund entdeckt, muss auch Malte Hansen, Leiter des Ordnungsamtes, Sachverständige anfordern. Es gebe aber den Plan, Mitarbeiter des Bauhofes in Rattenbekämpfung zu schulen, berichtet er auf Anfrage. Solche sachkundigen Kräfte hat der Leiter des Klärwerks, Ekkehard Lenius, bereits. Die Husumer Kanalisation werde regelmäßig kontrolliert und Gift ausgelegt. „Die Wirkstoffe wechseln wir, da die Tiere auf Dauer resistent werden.“ Lenius kennt das Problem mit den Essensresten nur zu gut – besonders in Bereichen mit Wohnblocks sammelten sich im Untergrund die „Menüs“ – „deshalb werden wir immer Ratten in der Kanalisation haben“.

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