Renaissance-Denkmal : Ein Schatz an der Decke

Die Restauratorinnen Nicole Knobloch (links) und Silke Hentze gehen bei ihrer Arbeit äußerst behutsam vor.
Die Restauratorinnen Nicole Knobloch (links) und Silke Hentze gehen bei ihrer Arbeit äußerst behutsam vor.

Sensationeller Fund: In Husum wird eine der ältesten erhaltenen Renaissance-Decken überhaupt freigelegt. Lange Zeit war sie verborgen unter dicken Farbschichten.

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23. November 2013, 12:00 Uhr

Bernd Biermann ist von seinem Fund noch immer elektrisiert. Beim Rundgang durch den Anbau des Herrenhauses, Am Markt 1, gleich neben dem alten Rathaus, purzeln die Jahreszahlen nur so aus ihm heraus. Oben, im ersten Stock des Gebäudes, das er Anfang des Jahres gekauft hat, wird dann auch weniger kundigen Besuchern klar, was den Leiter des Hauses der Jugend so begeistert. Alte Häuser sind für Biermann kein Novum. Auf Eiderstedt hat er unter anderem einen Haubarg restauriert. Deshalb weiß er, „dass man solche Gebäude nicht mal eben entkernen kann, sondern mit größter Behutsamkeit behandeln muss“.

Und das hat er getan. Als erstes legte Biermann die abgehängte Decke im ersten Stock frei – und wäre beinahe von der Leiter gefallen, als er sah, was darunter zum Vorschein kam: ein Vogel mit Schwanenhals. Doch das war nur der Vorbote auf eine (fast) vergessene Renaissance-Stuckdecke der Herzogin-Witwe Augusta, „die so aus der Zeit des frühen 17. Jahrhunderts stammen muss“. Der erste Teil dieser schmuckvollen, aber leider auch x-fach übermalten Decke wurde Anfang des vorvorigen Jahrhunderts abgehängt, der zweite wahrscheinlich 1959. Zu diesem Schluss kommt Biermann angesichts einer Ausgabe der Husumer Nachrichten mit entsprechendem Datum, die unter der Verkleidung angenagelt war.

Biermann verständigte das Landesamt für Denkmalschutz, das mit einem Experten-Team anreiste. Schon bald stand fest: Der Fund ist eine kleine Sensation. Die Decke wurde auf das Jahr 1624 datiert. Damit hatte Biermann eine der ältesten erhaltenen Renaissance-Decken überhaupt entdeckt. „In ganz Nordeuropa sind nur noch wenige dieser Verzierungen erhalten“, schwärmt er: eine im Schloss Güstrow, zwei in Lübecker Patrizierhäusern und eine weitere – interessanterweise – ebenfalls in Husum: im Kavaliershaus. „Aber die ist schlichter als meine“, sagt er, und aus dieser Feststellung spricht nicht nur der Stolz des Eigentümers.

Die Decke wirft natürlich Fragen auf. Warum eine so aufwendige Verzierung – in einem doch eher unauffälligen Haus? „Das ist eine lange Geschichte“, sagt Biermann und beschränkt sich auf eine sehr kurze Kurzfassung: Nach dem Tod von Herzog Johann Adolf bekam dessen eine Tochter Augusta neben Schloss Reinbek auch das Schloss vor Husum als Witwensitz zugesprochen. Und hier verbrachte sie die Zeit offenbar lieber als in Reinbek. Aber nicht nur das. Sozusagen als „Stadtresidenz“ erwarb sie 1624 das Herrenhaus am Markt. Den etwa 40 Quadratmeter großen Saal im ersten Stock, der von 1587 dem Ratspräsidenten Steding als Sitzungssaal gedient hatte (Stadtrechte erhielt Husum erst 1603), ließ Augusta aufwendig stukkatieren und nutzte ihn wahrscheinlich für repräsentative Zwecke.

„Aber wie gesagt – das ist die absolute Kurzform“, berichtet Biermann, während sein Blick schon wieder an die inzwischen komplett freigelegte Decke mit den fünf Fächern wandert. Dort legt Restauratorin Nicole Knobloch Hand an einen Traubenzweig, „den wir zunächst für eine Erdbeere gehalten haben“. Und Knobloch erläutert, dass „diese Früchte nicht etwa vorgefertigt, sondern direkt auf die Decke aufgezogen wurden“. So haben sie die Jahrhunderte – von den vielen Farbaufträgen mal abgesehen – weitgehend unbeschadet überstanden. „Und natürlich hat – wie immer in der Renaissance – jedes Symbol auch seine Bedeutung.“

„Gutes Stichwort“, sagt Biermann, der seine Entdeckung gerne mit anderen teilen würde und sich auch eine öffentliche Nutzung des Gebäudes vorstellen kann. „Die Stadtführer haben bereits Interesse bekundet“, sagt er und lädt für den morgigen (24. November), 14 Uhr, zu einer geführten Besichtigung des Hauses ein, dessen Restaurierung seitens des Landesdenkmalamtes schon jetzt mit 35.000 Euro gefördert wird. Und auch die Untere Denkmalschutzbehörde unterstützt das Projekt nach Kräften.

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