Nordfriesland : Ein Mann des Ausgleichs sagt Tschüs

Im Küstenschutz wird Volker Mommsen weiterhin arbeiten.
Im Küstenschutz wird Volker Mommsen weiterhin arbeiten.

Seit 30 Jahren ist Volker Mommsen Bürgermeister von Gröde. Nun ist es genug, hat er beschlossen und tritt nicht mehr an.

shz.de von
13. Mai 2018, 01:00 Uhr

Es war seine Berliner Ehefrau, die den Ausschlag gab, dass Volker Mommsen überhaupt Bürgermeister auf Gröde werden konnte. Als das Paar überlegte, wo es sich eine Zukunft aufbauen wollte, kam von Monika Mommsen der Vorschlag, es mit der Hallig zu versuchen. Dort haben sich die beiden kennen- und liebengelernt, als die junge Frau aus der Großstadt gegen Kost und Logis bei der Heuernte mithalf. „Ich selbst hätte mir alles Mögliche vorstellen können“, erzählt Volker Mommsen bei einem Kaffee.

Die Rückkehr an den Ort seiner Kindheit hat er nicht bereut. Als er sechs Jahre alt war, hatten sich seine Eltern entschieden, ihr Zuhause in Niebüll aufzugeben, um auf Gröde zu leben, wo sie dann vier Kinder großzogen. Nur die Mutter, die von Oland stammt, kannte das Leben auf einem so kleinen Eiland.

„Meine Eltern konnten auf Gröde das Haus von zwei Geschwistern bekommen, rissen es ab und bauten ein neues mit zwei Wohnungen, um neben der Milchviehhaltung auch Einnahmen aus der Vermietung zu erhalten. Monika und ich übernahmen dann eine der Wohnungen, und ich bekam eine Stelle im Küstenschutz.“ Inzwischen ist der gelernte Landmaschinenmechaniker seit 40 Jahren als Wasserbauer für den Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (damals Amt für Land- und Wasserwirtschaft) tätig. Waren es früher sechs, halten heute drei Männer die Küstenschutz-Bauwerke instand.

Es war der Vater, der für die patente Ehefrau seines ältesten Sohnes auf die Idee kam, einen kleinen Laden zu eröffnen. „Monikas Kiosk“ in einem umgebauten Bauwagen, in dem die Bürgermeister-Frau auch selbst gebackene Knerken, Marmeladen und Säfte anbietet, ist bei Hallig-Urlauber und Ausflüglern beliebt. Auch die Poststelle von Gröde betreibt Monika Mommsen: seit nunmehr 30 Jahren.

Ebenso lange ist Volker Mommsen Bürgermeister der kleinsten Gemeinde Deutschlands, in der in einer Gemeindeversammlung über alles Wichtige entschieden wird. Mitglieder sind die ständigen Einwohner Grödes: Zurzeit sind es sieben. „Meine erste Wahl zum Bürgermeister war am
2. April 1988. Ich bin überredet worden und einfach ins kalte Wasser gesprungen. Ab und zu habe ich mir Rat bei alten Hasen geholt. Grundsätzlich höre ich aber auch immer auf mein Bauchgefühl.“

Nun hat der parteilose Gemeinde-Chef beschlossen, dass drei Jahrzehnte genug sind. Der 59-Jährige tritt nicht mehr als Bürgermeister an. Beim Rückblick wird Volker Mommsen nachdenklich. „Das Schwierigste war es, alle immer mit ins Boot zu holen. Es bringt nichts, auf Gröde gegen ein, zwei Leute anzuregieren.“

Mommsen gilt in der Halligwelt als Mann des Ausgleichs – er selbst sagt über sich, dass er harmoniesüchtig sei – „was nicht immer gut ist“. Doch gerade diese Eigenschaft hat ihm 2004 für fünf Jahre den Posten als Vorsitzender der Biosphäre Halligen eingebracht. Zu dieser Modellregion gehören Gröde, Hooge, Langeneß, Oland und Nordstrandischmoor. Für seine Verdienste um die Kommunalpolitik ist Mommsen 2015 mit der Freiherr-vom-Stein-Verdienstnadel ausgezeichnet worden.

In Mommsens Zeit als Bürgermeister fiel die Debatte um den Nationalpark Wattenmeer (seit 1985 Realität): „Damals führten wir harte Gespräche. Heute können wir gut mit dem Nationalpark leben. Für den Naturschutz müssen wir allerdings vor Maßnahmen öfter Anträge stellen.“

Weitere „Großbaustellen“ waren für die Gröder der Neubau des West- und die Sanierung des Ostanlegers im Jahr 2000 sowie 2007 der Bau einer Kläranlage. Stolz sei er, dass seine Hallig seit 2014 schnelles Internet besitze. „Als Hallig-Bürgermeister kann ich nie aufs Geld gucken. Wir sind schließlich abhängig vom Land – aber wir dürfen uns nicht beschweren: Die Hallig ist nie vernachlässigt worden.“

„Gröde zu repräsentieren, hat mir immer Spaß gebracht“, betont Mommsen und erinnert sich an politische Größen, die „ich als kleiner Hallig-Bürgermeister“ zu Gast hatte: von Helmut Kohl – ein „Machtmensch durch und durch“ – bis zu Heide Simonis. „Es kamen Minister, Staatssekretäre – wichtige und unwichtige Leute – und die, die sich für wichtig halten“, schmunzelt er.

Herausforderungen, die Volker Mommsen begleiten wird, wenn auch nicht mehr als Bürgermeister, stehen bereits auf der Tagesordnung. Da ist zum einen die Erhöhung des Ringdeichs auf der Knudswarft: „Es ist ein Pilotprojekt. Ich hoffe, dass es 2020/2021 losgeht.“

Eine weitere Maßnahme, die auf der Hallig und im Kirchenkreis diskutiert wird, betrifft die Erhöhung einer ganzen Warft, der Kirchwarft, auf der sich, untergebracht in einem Langhaus, die Kirche und das Gemeindehaus (die frühere Schule) befinden: Laut eines Gutachtens ist das Gemeindegebäude aus Kostengründen nicht mehr zu sanieren, erklärt Mommsen. Nun steht im Raum, die Kirchwarft mit Blick auf den Klimawandel zu erhöhen und ein neues Haus zu bauen.

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