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Geschichte mit einem Zeitzeugen : Ein Mahner – und kein Ankläger

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

600 Jugendliche lauschen Sally Perel im Nordsee-Congress-Centrum in Husum: Der Jude hat das Nazi-Regime in der Hitlerjugend überlebt.

shz.de von
erstellt am 11.Mär.2016 | 18:02 Uhr

Er sei nicht als Geschichtslehrer gekommen, sondern als Zeitzeuge, betont Salomon (Sally) Perel. Als deutscher Jude, geboren 1925 in Peine, hat er das NS-Regime überlebt: als Mitglied der Hitlerjugend. Seine Autobiografie „Hitlerjunge Salomon“ ist auch verfilmt worden. Jetzt erleben 600 Schülerinnen und Schüler Salomon Perel im Nordsee-Congress-Centrum.

Organisiert hatte die Veranstaltung die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung, das Zentrum für Mission und Ökumene der Nordkirche und das Evangelische Kinder- und Jugendbüro Nordfriesland.

„Ich erzähle, damit ihr nicht in so ein Verderben getrieben werdet wie meine Generation.“ Obwohl er in einer Rabbiner-Familie aufgewachsen ist, hatte auch er nicht „genug Immunität gegen die Vergiftung der Gehirne“, wie er gesteht.

Deshalb sei es wichtig, dass neue Generationen aus der Geschichte lernten. Es dürften nicht wieder die alten Parolen und der Hass überhand gewinnen. „Nächstenliebe ist so ein schöner Wert. Das muss in der Stunde der Wahrheit auch bewiesen werden.“ Die damalige Gleichgültigkeit habe Millionen Menschen das Leben gekostet. „Unsere beiden Völker werden noch für Generationen Auschwitz-Invaliden bleiben. Auschwitz war ein Selbstmord der deutschen Kultur. Und auch die Migranten müssen die Vergangenheit dieses Landes kennen, sonst werden sie nie ankommen.“

1938, als er 13 war, flüchtete seine Familie vor den Nationalsozialisten von Peine nach Lodz. Nach dem Überfall auf Polen floh Salomon Perel dann ohne Eltern in den sowjetischen Teil. Die Abschiedsworte seiner Mutter lauteten: „Du sollst leben.“

Ihr Wunsch, den er als Aufforderung verstand, erleichterte es ihm nach eigenem Bekunden, seine Religion immer wieder zu verleugnen. Denn auf seiner Flucht wurde der Junge aufgegriffen. Er konnte sich als Volksdeutscher ausgeben und wurde von der Wehrmacht als Dolmetscher eingesetzt. Nach zwei Jahren kam er dann von der Front zurück und in ein Internat der Hitlerjugend. Und dort, so Sally Perel, habe auch er angefangen, sich zu begeistern. „Ich war jung und naiv. Alle Übertreibungen und Besonderheiten haben mich angesprochen.“

Prächtig uniformiert herumzulaufen – selbst das habe er genossen. Bei der Erinnerung an seine Kameraden unterstreicht er: „Unter ihrer Uniform waren es normale deutsche Menschen. Sie hatten Frau und Kinder, ein Häuschen, einen Hund, vielleicht ein Kätzchen.  .  .“ Das Erschreckende: Wie der Hass von staatlicher Seite und mit voller Verantwortung in der Gesellschaft geschürt worden sei. „Kinder und Jugendliche wurden zum Hass erzogen und die Vernichtung des jüdischen Blutes ständig propagiert.“

„Ich wusste ja, ich bin kein Satan“, erzählt Sally Perel. „Aber so war der Zeitgeist, und es klang logisch, überzeugend – und scheinbar war es auch wissenschaftlich belegt.“ Als ihn damals im Fach Rassenkunde ein Lehrer zur Vermessung nach vorne gebeten hatte, fürchtete der Junge wie so oft seine Entdeckung und seine Ermordung. Doch das Urteil des Lehrers war seine Rettung: „Das ist ein klassisches Beispiel für einen Arier aus dem Baltikum.“

„Ich habe nichts zu verzeihen, ihr seid nicht verantwortlich“, hielt Salomon Perel zum Abschluss noch einmal fest. Er sei nicht gekommen, um Schuldgefühle hervorzurufen. „Aber ich möchte die volle Wahrheit erzählen, um den Verstand zu erleuchten – bitte überliefert das auch euren Kindern.“

Außer seinen Brüdern Isaak und David hat kein Mitglied der Familie Perel den Holocaust überlebt. Salomon Perel emigrierte nach dem Krieg nach Israel, wo er heute noch lebt.

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