Webstube auf der Warft : Ein Händchen für ein uraltes Handwerk

Nur noch selten sind Jacquard-Webstühle in Gebrauch. Aber auch auf diese Kunst versteht sich Angelika Rölke.
Nur noch selten sind Jacquard-Webstühle in Gebrauch. Aber auch auf diese Kunst versteht sich Angelika Rölke.

In Poppenbüll in der SpinnWebKate fliegen die Weberschiffchen: Seit 1995 geht Angelika Rölke dort ihrer Leidenschaft nach. Sie war schon fast 50 Jahre alt, als sie die Ausbildung begann.

shz.de von
19. Mai 2015, 15:00 Uhr

Weben ist ein uraltes Handwerk: Schon in der Jungsteinzeit kannte man einfache hölzerne Webstühle. Im Laufe der Jahrtausende wurde die Technik verfeinert, wurde komplexer und komplizierter. Heute beherrschen die Kunst des Handwebens nur noch sehr wenige. „Das Weben ist aus der Mode gekommen“, bestätigt Angelika Rölke, die in ihrer SpinnWebKate auf der Nickelswarft in Poppenbüll mehr als ein Dutzend Webstühle beherbergt: „Das Einrichten des Webstuhls dauert zu lange.“ Die Vorbereitungen nehmen viele Stunden, oft mehrere Tage, in Anspruch. Das erfordert Geduld. Die gebürtige Hamburgerin, die seit 1995 auf Eiderstedt lebt, hat damit kein Problem, mag das langwierige Bespannen des Webstuhls mit Kettfäden, die einzeln geknotet werden müssen, sogar sehr gern: „Da kann man wunderbar abschalten.“ Bei einem Kursus zum Einrichten eines Webstuhls sei sie damals die Einzige gewesen, die das toll fand, erinnert sie sich.

Eigentlich sei sie kein besonders geduldiger Mensch, gibt Angelika Rölke zu. Wer aber Weben will, müsse Geduld lernen und sich gut konzentrieren können. Denn ist der Stuhl erst eingerichtet und das Muster festgelegt, ist ein Höchstmaß an Konzentration gefordert. „Jeder Fehler tut weh“, sagt sie, „weil es extrem aufwendig ist, ihn wieder zu beheben.“ Mit dem Weben hat die zierliche Frau, die hinter ihren großen Webstühlen fast zu verschwinden scheint, erst spät angefangen. „Ich wollte etwas machen mit Hand und Fuß“, erzählt sie. Die ehemalige Lehrerin war schon fast 50 Jahre alt, als sie, die ihren Beruf aufgegeben hatte, um ihre vier Kinder großzuziehen, bei der Handweberin Birgit Peters im Sönke-Nissen-Koog in die Lehre ging. Nach ihrer Gesellenprüfung richtete sie sich ihre eigene Handweberei ein und verbringt heute nahezu jeden Tag an einem ihrer Webstühle.

Meistens sind gleich mehrere in Betrieb: „Auf dem einen webe ich Handtücher, auf anderen Schals und Tischläufer.“ Auch Teppiche macht Angelika Rölke auf Bestellung. „Es ist praktisch, wenn man mehrere Webstühle besitzt“, sagt sie. „Da kann man lange Ketten spannen und zwischendurch wechseln, ohne ständig neu einrichten zu müssen.“ Auf ihrem riesigen Hand-Jacquard-Webstuhl im Obergeschoss der SpinnWebKate entsteht gerade feines Tuch für Tischdecken und -läufer, die zurzeit noch Engel zieren. Deren Stunden sind allerdings gezählt: Die Lochkarten für Blumenmuster sind bereits eingehängt. Hand-Jacquard-Webstühle sind selten: „Man findet sie eigentlich nur noch in Museen“, erzählt die Weberin. Für das Einrichten dieses Webstuhls braucht sie mehr als 30 Stunden. Auf Lochkarten, die sie an einem Gerät in ihrem Studio selbst erstellt, legt sie die Muster fest. „Das ist der eigentliche kreative Vorgang“, meint sie: „Das Künstlerische steckt im Entwurf“. Alles andere sei erworbenes Können, Geduld und Konzentration. Die Frage, ob Weben Handwerk oder Kunst sei, beantwortet sie denn auch bescheiden mit: „Eher ein Handwerk“. Betrachtet man allerdings ihre Unikate, kann man getrost von Kunst sprechen. Ihre Gobelins, Teppiche, Schals, Tischläufer und -decken sprechen für sich.

Allen Interessierten, die sie in der SpinnWebKate besuchen, wird Angelika Rölke nicht müde, ihre Webstühle zu demonstrieren. Wenn sie begeistert vom Weben erzählt, scheint sie eine andere Sprache zu sprechen: Da ist von sich kreuzenden „Ketten“ und „Schüssen“ die Rede, von „Schützen“, die durch das „Fach“ schießen, von „Litzen“, „Tritten“, „Wippen“ und „Schäften“. Fachchinesisch, das erst verständlich wird, wenn sie an ihren Webstühlen zeigt, welche Funktion jedes Detail im technisch raffinierten Zusammenspiel miteinander übernimmt.

Ans Spinnrad setzt sie sich heute nicht mehr, auch wenn sie diese Kunst erlernt hat: Sie bezieht ihr Material aus dem Internet, arbeitet sehr gern mit Merino-, Schurwolle und Leinen, liebt die farbliche Kombination von Blau und Grün, aber auch von Blau, Rot und Lila, und ist – wie sie selbst sagt – Weberin aus Lust und Leidenschaft. Denn: „Reich werden kann man damit nicht. Viele Weber haben einen Zweitberuf.“ Ihr Wissen gibt Angelika Rölke übrigens gern in Kursen für Einsteiger weiter.

>Info: www.handweberei-spinnwebkate.de; Angelika Rölke, Nickelswarft 2, Poppenbüll, Telefon 04865/275, E-Mail: SpinnWebKate@hotmail.de

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