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Husumer Filmtage : Ein gutes Stück Westküstenkultur

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Zum Gedenken an den verstorbenen Schauspieler Frank Jacobsen beginnen die Husumer Filmtage mit „Antons Fest“. Schauspieler-Kollegen würdigen den gebürtigen Husumer.

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erstellt am 02.Okt.2014 | 09:00 Uhr

Schauspieler sterben nicht. In ihren Film- und Fernsehrollen leben sie weiter. Das gilt auch für Frank Jacobsen, der am 18. Juni in seiner Berliner Wohnung tot aufgefunden wurde. Gerade einmal 49 Jahre wurde er alt (wir berichteten). Der Tod des gebürtigen Husumers kam für Familie, Freunde und Kollegen so unvorbereitet, dass seine Web-Seite immer noch den Eindruck erweckt, als sei er gar nicht tot. Und so wirbt er nicht nur in seinen Filmen, sondern auch im Netz mit dem für ihn typischen Augenzwinkern für sich und einige seiner Vorzüge als Schauspieler. „Spielalter: 39 bis 48; ethnische Erscheinung: mitteleuropäischer Raum, Dialekte: Norddeutsch (Heimatdialekt).“ So kannte man ihn.

Schon früh entdeckte Jacobsen seine Affinität zur Schauspielerei und zum Kino. „Schuld“ war sein Nachbar, der Kino-Betreiber Hans-Lorenz Hartung. „Ich bin quasi im Kino aufgewachsen“, berichtete Jacobsen am Rande der Dreharbeiten zu dem in seiner Heimatstadt entstandenen Krimi „Ein Song für den Mörder“ (mit Jan Fedder, Axel Milberg, Nina Petri und ihm selbst in den Hauptrollen). Als dann das mittlerweile geschlossene „Gloria“-Kino im Ortsteil Rödemis renoviert wurde, bot Franks Vater, von Beruf Maler, seine Hilfe an. „Dafür durfte ich umsonst ins Kino“, freute sich der Sohn. Allerdings machte er von dieser Möglichkeit so ausgiebig Gebrauch, dass Hartung den Jungen gelegentlich an die frische Luft setzte: „Du siehst diesen Film nun schon zum fünften Mal. Es ist schön draußen. Geh’ spielen.“

Bevor die Freundin einer Freundin den Schauspieler in ihm entdeckte, verdiente sich Frank Jacobsen seinen Unterhalt als Musiker. Fünf Jahre lang tourte er mit der Band Top Union durch Deutschland, spielte jenes Instrument, das er später auch in „Ein Song für den Mörder“ spielen sollte: Schlagzeug. Obgleich er zuvor bereits in zahlreichen anderen Filmen mitgewirkt und die Husumer Filmtage immer wieder mit eigenen Beiträgen bereichert hatte, war dieser Streifen etwas Besonderes – nicht zuletzt, weil er darin an der Seite zweier sehr ungleicher, aber gleichermaßen populärer Kollegen wie Fedder und Milberg agierte.

Als „Ein Song für den Mörder“ dann unter dem Titel „Zwei für alle Fälle“ in Serie ging, war das auch für Jacobsen eine Art zweiter Durchbruch. „Wir hatten noch viel vor“, sagt sein Agent Mark Bremer. Unter anderem hatte Jacobsen eine Hauptrolle in „Toleranz“ übernommen, einer Produktion von Marc-Andreas Bochert für den Bayerischen Rundfunk (BR). Und auch in der ARD-Krimireihe „Mord mit Aussicht“ ist er im Dezember noch einmal zu sehen.

Regie führte – wie schon bei „Ein Song für den Mörder“ – Lars Jessen. Mit dem Kieler Regisseur – wie Jacobsen ein bekennender Norddeutscher – hat der Husumer wiederholt zusammengearbeitet. So auch 2008 für das Road-Movie „Die Schimmelreiter“ – an der Seite von Axel Prahl und Peter Jordan.

„Frank und ich kannten uns bereits seit den 1980er-Jahren, vielmehr ich ihn – als Drummer von Top Union, die damals ja eigentlich jedes Wochenende auf einem Zeltfest oder einer Disco um die Ecke spielten. Richtig kennengelernt haben wir uns aber erst vor etwas mehr als zehn Jahren“, sagt Lars Jessen. Auf der Suche nach echten Gesichtern mit norddeutschem Humor-Timing fiel ihm Jacobsens damaliges Showreel (Referenzvideo, Anm. d. Red.) in die Hände. Jessen erinnert sich: „Am Anfang stand eine krude Szene – eine Fahrzeugkontrolle auf offener Strecke. Das Ganze war so komisch und real, so hemmungslos uneitel, dass ich ihm sofort eine Rolle im ,Großstadtrevier‘ anbot. Seitdem gehörte Frank in diversen Rollen sozusagen zu meinem Stamm-Ensemble. Und so hatte ich auch die traurige Ehre, mit Frank in seiner letzten Rolle in der letzten Folge der wahrscheinlich letzten Staffel von ,Mord mit Aussicht‘ zusammenzuarbeiten. Er war wie immer: hoch konzentriert wenn er dran war, kollegial im Umgang mit den Kollegen und dem Team und natürlich immer vorne dabei, wenn es darum ging, Anekdoten zum Besten zu geben. Und er war voller Pläne, arbeitete ständig an sich und seiner Kunst. Nun hat er für immer abgedreht. Mit Frank geht ein Stück unserer – wenn man so will – Westküstenkultur. Und das ist verdammt traurig. Ich vermisse ihn sehr.“

Ähnlich äußert sich auf Anfrage unserer Zeitung auch „Tatort“-Kommissar Axel Milberg: „Ja, Frank konnte das alles, bei unseren zwei Brüder-Filmen mit Jan Fedder und mir war er der Dritte in der Band, und ich fragte mich immer: Ist er Musiker, der schauspielen kann, oder ist er Schauspieler, der Schlagzeug kann? Verschmitzt, belastbar, humorvoll. Er war immer präzise vorbereitet und hielt an seinem Rhythmus-gebenden Platz hinter den Becken, Drums und Zum-Teufel-was-noch-alles den Laden zusammen – musikalisch und was die Stimmung betraf.“ Marion Breckwoldt, die in den beiden Episoden seine Frau spielte, erzählte Milberg von Jacobsens plötzlichen Tod. Und dass er die Drum-Sticks aus der Hand gelegt habe. „Frank – a one, two, three – gute Reise.“

Bjarne Mädel („Der Tatortreiniger“) – er spielt in der Kult-Serie „Mord mit Aussicht“ den Polizisten Dietmar Schäffer – würdigt Jacobsen so: „Ich erinner’ mich genau an unseren Drehtag im Wald, der für Frank der letzte sein sollte. Im ersten Teil musste er sich sehr oft durch Gestrüpp einen Berg hochkämpfen, was er mit vollem Körpereinsatz tat. Durch einen Regie-Einfall von Lars Jessen für den Abschluss der Staffel kam er dann noch zu einem besonderem Auftritt. Alle Figuren des Ensembles bleiben am Ende ,eingefroren‘ stehen. Die spontane Idee war , dass der Verbrecher, gespielt von Frank, ja nun eigentlich ,freie Bahn‘ hat, um sich davonzustehlen. Frank hat das als Spieler dann spontan und in perfektem Timing umgesetzt. Dass er sich nun auch im echten Leben davongemacht hat, war vom Timing leider extrem schlecht. Viel zu früh! Ich habe Frank als extrem uneitel und kollegial kennengelernt. Das sind die Besten.“

Zum Gedenken an Frank Jacobsen beginnen die Husumer Filmtage heute, 2. Oktober, 19.30 Uhr, mit dem Film „Antons Fest“ von John Koyla Reichart (D 2011).

 

 

 

„Damals am Ruttebüller See“


Die meisten Protagonisten seines Films sind zwischen 80 und 90 Jahre alt und intime Kenner einer deutsch-dänischen Grenzregion, die sich in den zurückliegenden 100 Jahren massiv verändert hat. „Damals am Ruttebüller See“ heißt das neue, grenzüberschreitende Projekt des Husumer Filmemachers Martin Tiefensee („Auf den Spuren Pole Poppenspälers – Internationales Figurentheater in Husum“ und „Nordfriesische Bräuche – eine Zeitreise“). Am Sonntag, 5. Oktober, 16 Uhr, hat sein Dokumentarfilm anlässlich der 29. Husumer Filmtage im Husumer Kino-Center Premiere.

In „Damals am Ruttebüller See“ lässt Tiefensee eine Zeit aufleben, als dies- und jenseits der Grenze der Unterhalt noch mit Reethandel, dem Schneiden und Flechten der Binsen, Bootsbau und Fischfang bestritten wurde. Und er berichtet von einer Grenze, die mitten durchs Dorf verlief und nicht nur Ort und See, sondern auch Familien voneinander trennte. Tiefensees Film erzählt die Geschichte dieser Menschen und zeigt Bilder einer einstmals amphibischen Landschaft, die der Maler Emil Nolde weltbekannt machte. Zur Premiere des mehrsprachigen Beitrags, der unter anderem mit Mitteln des Interreg-Projekts „Kultur-Dialog“ gefördert wurde, kommen auch zahlreiche Hauptdarsteller in die Neustadt 114. Die dänische Version ist dann am Dienstag, 7. Oktober, im Kunsthistorischen Museum Tondern zu sehen.

 

 

Aus Anlass der 29. Husumer Filmtage vom 2. bis zum 8. Oktober wird im Kino-Center auf der Neustadt der Film „Friedrich Hebbel – Traumbilder“ gezeigt. Die poetische, abendfüllende Dokumentation ist eine Hommage an den Dramatiker und Schriftsteller, der im vergangenen Jahr 200. Geburtstag gehabt hätte und vor 150 Jahren starb. Als Kind bettelarmer Tagelöhner im norddeutschen Wesselburen geboren, deutet nichts auf Hebbels steinigen Aufstieg zum gefeierten Dramatiker in Wien hin. Noch heute fordern seine Werke zur zeitgemäßen Umsetzung am Theater heraus. Die Trilogie „Die Nibelungen“ war sein letztes vollendetes Werk, bevor er nur 50-jährig in Wien starb. Am Rheinischen Landestheater Neuss stellten sich die Regisseurinnen Esther Hattenbach und Bettina Jahnke der Herausforderung einer zweiteiligen Neuinszenierung. Und im „experiment theater Wien“ wurde das sozialkritische Stück „Maria Magdalena“ aufgeführt. Während das Ringen der Regieteams im Probenprozess beobachtet wird, entfaltet sich Hebbels dramatisches Leben, aufgespannt zwischen poetischer Leidenschaft, Existenzsicherung und zwei geliebten Frauen. Die Husumer Filmtage zeigen den Film von Martina Fluck am Mittwoch, 8. Oktober, ab 20 Uhr in Anwesenheit von Dr. Hargen Thomsen, Sekretär der Hebbel-Gesellschaft.

 

 

Das Programm der Filmtage

 

Donnerstag, 2. Oktober

19.30 Uhr: Antons Fest


Freitag, 3. Oktober

16 Uhr: 1914 – die letzten Tage und

Die schöne Krista

20 Uhr: Im Krieg in 3 D und Goodbye Lenin


Sonnabend, 4. Oktober

14 Uhr: Lawrence von Arabien

16 Uhr: Meine Schwestern

20 Uhr: Mathilde – eine große Liebe und

Der Geschmack von Apfelkernen


Sonnntag, 5. Oktober

11 Uhr: Ich bin

16 Uhr: Die große Illusion und Damals am Rutebüller See

20 Uhr: Im Westen nichts Neues und

Das finstere Tal


Montag, 6. Oktober

16 Uhr: 23 – Nichts ist so wie es scheint

18 Uhr: Nordstrand

20 Uhr: We steal secrets u. Im weißen Rössl


Dienstag, 7. Oktober

14 Uhr: We are Legion, anschließend

Diskussion mit Max Peter Heyne

17 Uhr: Die Wirklichkeit kommt

18 Uhr: Kurze Schatten

20 Uhr: Alphabet und Kurzfilmrolle 2014


Mittwoch, 8. Oktober

16 Uhr: Hacker und Lampedusa auf St. Pauli

18 Uhr: Anastasia – die letzte Zarentocher

20 Uhr: 8. Wonderland und Friedrich Hebbel – Traumbilder (Kino-Center, Neustadt 114, ✆ 04841/2569)

 

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