Die Infobörse von Ockholm : Ein Familienbetrieb im Wandel der Zeit

Lasse Nissen (l.) hat den Betrieb von seinen Eltern Gudrun und Uwe Martin NIssen übernommen.
Lasse Nissen (l.) hat den Betrieb von seinen Eltern Gudrun und Uwe Martin NIssen übernommen.

Auf mehr als 150 Jahre Firmengeschichte blicken die Betreiber der Ockholmer Tankstelle zurück. Nun ist die sechste Generation am Ruder. Gern kommen die Dorfbewohner auf einen Klönschnack vorbei.

shz.de von
19. Januar 2015, 16:00 Uhr

Früher galten kleine Lebensmittelläden, Bankfilialen und Tankstellen auf den Dörfern als wichtige Kommunikationszentralen. Klönschnack zwischendurch und Austausch von Neuigkeiten waren einem dort gewiss. Vielerorts ist das Geschichte, aus unterschiedlichen Gründen. Der Blick nach Ockholm, einem 350-Seelen-Dorf, zeigt ein anderes Bild. Dort ist sich Familie Nissen ihrer Verantwortung für das Gemeinwohl bewusst und hat geschäftlich seit jeher die Möglichkeit, daran festzuhalten. Seit sechs Generationen wohlgemerkt. Sie betreibt eine Tankstelle, und die gilt als ein Standbein des gesamten Betriebes. Seit Anfang diesen Jahres ist Lasse Nissen der Chef, ein 24-jähriger Nordfriese, der die Zapfsäule von seinen Eltern übernommen hat. Für viele Bewohner der Gemeinde ein Segen, nicht nur wegen des Treibstoffs, denn in der Tankstelle laufen viele Fäden zusammen.

Lasse Nissen ist allerdings nicht nur für diese zuständig. Er ist Metallbaumeister und neuer Chef des Unternehmens „Christian Breckling – Landtechnik und Metallbau“. Dass sich die Nachnamen nicht gleichen, hat einen Grund: 1846 gründete Tade Ingwer Breckling den Betrieb, der sich vornehmlich dem Hufbeschlag und der Herstellung und Reparatur von Ackergeräten widmete. Sein Sohn übernahm, dann der Enkel. Dessen Sohn starb an den Folgen des Krieges. Somit übernahm die Tochter mit ihrem Ehemann, und der hieß Paul Nissen. Sein Nachfolger ist Uwe Martin Nissen, der den Betrieb jüngst an Sohn Lasse abgegeben hat.

Seit jeher passten sich die Familien dem Zeitgeschehen an. 1891 kam eine Kohle- und Baustoffhandlung dazu, 1959 die Tankstelle und 1980 eine Werkstatt für große Landmaschinen. Als Kohle, Baustoffe und der Hufbeschlag nicht mehr gefragt waren, dachten die Nissens um und richteten sich neu aus. Inzwischen widmet sich Landmaschinen-Mechanikermeister Uwe Martin Nissen vermehrt Schlosserarbeiten und sein Sohn Lasse dem Metallbau. Seit 2014 ist das Unternehmen qualifiziert als Schweißfachbetrieb nach DIN 1090.

Die Frau für alle Fälle ist Gudrun Nissen, Lasses Mutter, die sich tagtäglich und tatkräftig mit ins Geschehen einbringt. Zu dem gesamten Team gehört neben einem Lehrling und zwei Teilzeitkräften auch noch Geselle Andreas Jacobsen. „Er kennt Lasse von Kindesbeinen an. Wenn ich etwas zu erledigen hatte, brachte ich Lasse im Kinderwagen in die Werkstatt zu Andreas. Er gab auf ihn acht. Und das war erkennbar an den schwarzen Fingerabdrücken auf der weißen Decke“, erzählt Gudrun Nissen lachend. Das Ehepaar hat noch zwei Söhne, die sich beruflich allerdings anders orientiert haben. Durch den Betrieb auf der Tankstelle gestaltet sich das Leben der Familie anders als üblich. Sie wohnen vor Ort und sind daher jederzeit erreichbar, auch an Feiertagen und nach Feierabend. Da sie von Bredstedt kommend die letzte Tankstelle vor den Inseln und Halligen haben, ist bei ihnen von Ostern bis Oktober jede Menge los. „Heute morgen war Katja Ebstein hier“, erzählt Gudrun Nissen. Eine von zahlreichen Prominenten, die sich bei Nissens auf der Fahrt in den Urlaub die Klinke in die Hand geben. Jörg Pilawa beispielsweise, den Uwe Martin Nissen erst wahrnahm, als er bezahlt hatte und hinauslief, Klaus-J. Behrendt – bekannt als Tatort-Kommissar Ballauf, der gleich nebenan einen Film drehte, oder auch die komplette HSV-Fußballmannschaft auf dem Weg nach Föhr zum Trainingsspiel. Für die Tankstellen-Crew kein Grund, um dick aufzutragen. „Das sind genauso Kunden wie alle anderen“, sind sie sich einig.

Es gibt viele Geschichten zu erzählen. Wie von dem Mann, der seine Ehefrau an der Tankstelle vergessen hatte, von Zechprellern, die allerdings nicht weit kamen, oder von einem Kunden, der steif und fest behauptete, dass sich die Tankstelle im Vorjahr auf der anderen Straßenseite befand hatte. Bei mehr als 200 Kunden täglich in der Saison kommt schließlich allerhand zusammen. Stammkunden gibt es auch zahlreich. Einige von ihnen klopfen nur kurz an die Scheibe der Tankstelle und rufen „Heff tankt“ und fahren weiter. Andere bringen Zeit mit für einen Klönschnack. Und wenn die Kirchturmglocke vormittags um elf Uhr anhaltend läutet – ein Zeichen, dass jemand aus der Gemeinde gestorben ist – läuft das Telefon heiß. „Wer is dootbleeven“, lautet dann die Frage. Ein Leben für die Tankstelle und die Menschen vor Ort – für Familie Nissen selbstverständlich.

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