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Missbrauchs-Prozess : Ein Fall voller Widersprüche

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ein 39-Jähriger wurde vom Vorwurf freigesprochen, seine Stieftöchter missbraucht zu haben. Die Aussagen der jungen Frauen gaben Juristen und Polizisten Rätsel auf.

Nach rund sechs Stunden Verhandlung fällten die Richter des Schöffengerichts Husum ihr Urteil: Freispruch. Damit endete der Prozess gegen einen Mann, der laut Anklage an seinen beiden Stieftöchtern sexuelle Handlungen vorgenommen haben soll während sie schliefen. Ein Nachspiel wird das Verfahren für die Mitarbeiterin einer Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen haben: Die Richterin hatte die psychosoziale Prozessbegleiterin beauftragt, nach der Vernehmung der älteren Schwester die jungen Frauen räumlich zu trennen, damit die beiden ihre Aussagen vor der Vernehmung der jüngeren Schwester nicht untereinander abstimmen konnten. Diese Anordnung ignorierte die Betreuerin jedoch. Während der anschließenden Vernehmung der jüngeren Schwester wurde die Öffentlichkeit rund eine Stunde lang vom Prozess ausgeschlossen.

Der 39 Jahre alte Angeklagte aus Niedersachsen, der damals in Nordfriesland wohnte, war beschuldigt worden, am 23. April 2013, während seine Frau im Krankenhaus lag, an seiner jüngeren Stieftochter sexuelle Handlungen vorgenommen zu haben. Auch seine ältere Stieftochter soll im Dezember 2012 und im Januar 2013 Opfer von sexuellen Übergriffen gewesen sein. Der Angeklagte bestritt die Vorwürfe vehement. Er konnte sie sich, wie er aussagte, allenfalls damit erklären, dass es Spannungen zwischen ihm und seinen Stieftöchtern gegeben habe, weil er weniger nachgiebig sei als seine inzwischen von ihm geschiedene Frau. Das Hauptproblem in dem Prozess wegen „sexuellen Missbrauchs widerstandsunfähiger Personen“ bestand darin, dass die Aussagen der älteren Stieftochter sowohl bei der Polizei als auch vor Gericht zu vage waren. Vor allem die Angaben zum Tatzeitpunkt und zum Geschehen waren widersprüchlich und unglaubwürdig. „Da war nichts“, urteilte später das Gericht.

Anders lag der Fall bei der Aussage der jüngeren Stieftochter, die vor rund zwei Jahren eines Nachts völlig verstört ihre beste Freundin angerufen hatte und danach von deren Mutter abgeholt worden war, die sofort die Polizei einschaltete. Hier war das Gericht zum Schluss überzeugt, dass in jener Nacht irgendetwas vorgefallen sein musste, unklar sei jedoch, „was geschehen war“ und ob es „mit dem Angeklagten etwas zu tun hatte“.

Von großer Bedeutung für das Urteil des Schöffengerichts war die Anhörung einer renommierten Gutachterin aus Kiel. Sie machte in ihrem Glaubhaftigkeitsgutachten deutlich: Die Aussage der älteren Schwester „fällt durch“ und die der jüngeren sei letztlich zu wenig konkret, um in einem solchen Fall offene Fragen per Gutachten eindeutig beantworten zu können.

In seltener Einmütigkeit forderten die Staatsanwaltschaft, der Verteidiger des Angeklagten und auch die Vertreterin der Nebenklage einen Freispruch. Genau den verkündete denn auch das Schöffengericht – nach nur kurzer Beratung am Ende eines langen Prozesstages.








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