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Deutsch-Französische Gesellschaft Husum : Ein entspannter Nachbar

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Deutsch-Französische Gesellschaft Husum feiert am Donnerstag, 3. September, ihr 30-jähriges Bestehen. Ihr Vorsitzender Siegfried Schulze-Kölln hat zahlreiche Verbindungen zum Nachbarn im Westen.

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erstellt am 30.Aug.2015 | 16:00 Uhr

Das mit der deutschen Pünktlichkeit ist in Frankreich ein Fettnäpfchen. Und in ein solches tappte auch prompt Siegfried Schulze-Kölln als Student im Nachbarland. Damals freute er sich über eine Einladung zum Essen für 19 Uhr – und stand um Punkt Sieben vor der Tür seiner Gastgeber, was diese sichtlich erschreckte, denn sie steckten noch mitten in den Vorbereitungen. „Alle anderen kamen um 20 Uhr“, erinnert sich der Vorsitzende der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) Husum und schmunzelt.

So etwas würde ihm heute nicht mehr passieren – und falls doch einmal neue Fragen zur inoffiziellen Etikette auftauchen sollten, ist auf jeden Fall die französische Schwiegertochter in der Provence eine hilfreiche Adresse. Diese Region sei wunderschön – doch auf die Frage nach seiner „Lieblingsecke“ in Frankreich nennt der Nordfriese sofort Straßburg (Strasbourg) und das Tal der Loire.

Reisen in das schöne Land finden also schon aus familiären Gründen regelmäßig statt. Ansonsten hält der 73-Jährige über das wöchentliche Nachrichtenmagazin „L’Express“ die Verbindung zu seiner zweitliebsten Nation, deren Gastfreundschaft und entspannte Lebensweise er zu schätzen weiß. „Französisch ist, zu improvisieren.“ Der Literatur und Geschichte des Nachbarlandes gehört seine Leidenschaft – „sonst wäre ich nicht Französisch-Lehrer geworden“. Dabei gilt ein besonderes Interesse des Husumers dem Vordenker der Französischen Revolution von 1789 Jean-Jacques Rousseau.

Siegfried Schulze-Kölln, der an der Theodor-Storm-Schule (TSS) unterrichtete, gehört zu den Mitgliedern der ersten Stunde. Die Idee für die Gründung der Gesellschaft hatte er gemeinsam mit Barbara Behrens und Werner Ringkamp, dem damaligen Leiter der Volkshochschule, an der Schulze-Kölln ebenfalls Kurse gab. Am 6. Mai 1985 war es so weit: Im Braukeller wurde die DFG aus der Taufe gehoben. Aus Hamburg nahmen an der Feierstunde der Generalkonsul der Französischen Republik, Bernard Héritier, und aus Bonn Kulturattaché Maurice Gelbert teil. Frankreich war also prominent vertreten.

Seit 30 Jahren bereichert die Gesellschaft mit zurzeit 55 Mitgliedern das kulturelle Leben in der Storm-Stadt – mit Lesungen, Vorträgen, Ausstellungen und Konzerten. „Wir wollen Kenntnisse über Frankreich und das Französische lebendig halten.“ Nicht zu vergessen ein Lesewettbewerb für Französisch-Schüler, der bereits zum zehnten Mal stattfand und sich großer Beliebtheit erfreut. Durch die Husumer Schulen ist auch der Jugendaustausch fester Bestandteil der Kontakte zum westlichen Nachbarland. Dazu kommen Aktivitäten der Volkshochschule.

Bei der öffentlichen Jubiläumsveranstaltung im Rathaus am Donnerstag, 3. September, ab 19.30 Uhr steht die große Politik im Mittelpunkt. Für den musikalischen Rahmen sorgen Zwölftklässler der TSS. Sie hatten 2014 für ihr selbst geschriebenes und komponiertes Lied „Tous égaux - égo“ den ersten Preis bei „Franco Musiques“, einem Wettbewerb zur Förderung französischer Musik, erhalten. Festredner ist Emmanuel Suard, Botschaftsrat für Kultur, Bildung und Hochschulen an der Französischen Botschaft in Berlin und Leiter des Instituts „Français Deutschland“. Das Thema hatte ihm Schulze-Kölln vorgegeben: „Frankreich – unser schwieriger Nachbar“. Nein, beschwert habe sich Suard nicht über dieses Urteil. Für den DFG-Vorsitzenden steht fest: „Frankreich tut sich schwer mit notwendigen Reformen.“ Zumindest hat Premier Manuel Valls angekündigt, Investitionen zu erleichtern und Zugänge zum Arbeitsmarkt zu eröffnen, vor allem für junge Menschen. „Die Franzosen leiden unter Spanien, das Menschen aus Afrika zu Billiglöhnen beschäftigt und unter Deutschland, das mit niedrig bezahlten Kräften aus Ostdeutschland arbeitet“, merkt Schulze-Kölln an. Dass französische Politiker egal welcher Coleur in der Regel Eliteschulen besucht haben, sorge für „Abstand zum Volk“. Dazu kommen zu starke Verflechtungen mit der Wirtschaft – „das gibt es bei uns so nicht“.

Aus seiner Sicht haben die Nachbarn ein „gespaltenes Verhältnis“ zu ihrem Staat. „Franzosen lieben die Revolution, sind gegen Autoritäten und große Individualisten, aber dennoch soll der Staat für Ordnung sorgen – und letztlich sogar den Nachwuchs erziehen.“ Die von der Regierung finanzierte Kinderbetreuung macht es Französinnen einfacher, berufstätig zu sein und sorgt für eine höhere Geburtenrate. „Schon die Kindergartenkinder kommen erst um 17 Uhr nach Hause. Auch eine Tagesmutter wird bezahlt.“ Französinnen seien dennoch „doppelt belastet“ – sie müssten den Löwenanteil im Haushalt übernehmen.

Dass die beiden Staaten „total unterschiedlich“ sind, sieht er als Herausforderung. „So müssen beide Kompromisse suchen.“ Für ihn steht dafür der von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle 1963 unterzeichnete deutsch-französische Freundschaftsvertrag – denn auch dieser lebe vom „Geist der Verständigung“.

Schulze-Kölln macht sich Sorgen um das Unterrichtsfach Deutsch in französischen Schulen. Es sei Regierungspolitik, Englisch und Spanisch den Vorzug zu geben. Auch in Deutschland ist Spanisch ein ernster Konkurrent für Französisch. Doch ohne gemeinsame Sprache könne es mit der Verständigung nicht funktionieren. Der Liberale Schulze-Kölln – er saß bis 2013 und damit 35 Jahre (mit Unterbrechungen) für die FDP in der Stadtvertretung – teilt beiden Ländern eine Schlüsselrolle zu, um die „europäische Verständigung abzufedern und mit der Basis zu vernetzen“.

Von 2016 an wird der dreifache Vater und sechsfache Großvater ganz privat in Sachen deutsch-französischer Verständigung gefordert sein. Denn Sohn und Schwiegertochter verlassen mit ihren drei Kindern die Provence und ziehen nach Deutschland. Dann wird es im Hause Schulze-Kölln öfter einen Aperitif geben, kündigt er an. „Die Kinder lieben das“ – und auf den fragenden Blick fügt er hinzu: „Es gibt Erdnüsse.“

Französisches Flair:

2015 gibt es neben dem Festakt noch drei weitere Veranstaltungen der Deutsch-Französischen Gesellschaft . Für Montag, 28. September, steht von 19.30 Uhr an im Hotel „Rosenburg“ der Vortrag von Prof. Dr. Eynar Leupold „Leben in Frankreich ohne Rückfahrkarte – Einblicke in interkulturelle Alltagserfahrungen“ auf dem Programm. Ein Chanson-Abend schließt sich am Freitag, 16. Oktober, ab 19.30 Uhr in der Familienbildungsstätte an. Und am Donnerstag, 12. November, geht es um die Grundwerte des Westens. Hierzu laden die Deutsch-Französische und die Deutsch-Amerikanische Gesellschaft ins Nordsee-Museum/Nissenhaus ein. Beginn ist um 19.30 Uhr.

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