Orkantief „Elon“ : Ein brausendes Erlebnis für alle Wetterfesten

Ein Erlebnis für wetterfeste Spaziergänger: Die riesige Sandbank vor St. Peter-Ording nahm gestern die aufgewühlte Nordsee in Besitz.
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Ein Erlebnis für wetterfeste Spaziergänger: Die riesige Sandbank vor St. Peter-Ording nahm gestern die aufgewühlte Nordsee in Besitz.

Mit Böen bis zu 130 km/h ist gestern (9. November) Orkantief „Elon“ über Nordfriesland hinweggefegt. Nach dem Durchzug der Sturmfront beruhigte sich das Wetter schnell, was viele für einen Blick über den Deich nutzten.

shz.de von
10. Januar 2015, 07:00 Uhr

Schwere Sturmböen, Hagel, Blitz, Donner, herabfallende Dachziegel oder Äste und die aufgewühlte Nordsee vor der Haustür. Das Orkantief „Elon“ hat Nordfriesland gestern (9. November) ordentlich durchgepustet. Das Gute daran: „ Wir haben keine größeren Schäden – das hält sich in Grenzen“, bilanzierte ein Mitarbeiter der Leitstelle Nord in Harrislee den undramatischen Tag. Bis zum Abend gab es lediglich rund 20 Einsätze der Feuerwehren. In Nordfrieslands Kreisstadt waren es gerade einmal zwei, wie Einsatzleiter Peter Post von der Freiwilligen Feuerwehr Husum erklärte. Für heute ist das Orkantief „Felix“ angekündigt.

Bei der Nord-Ostsee-Bahn (NOB) kam es gestern zu Einschränkungen im Bahnverkehr: „Aufgrund des Windes musste ein Zug ausfallen“, so ein Sprecher der NOB, „außerdem gab es eine Streckensperrung zwischen Bredstedt und Niebüll, da ein Baum auf den Schienen lag.“ Die Sperrung dauerte knapp 45 Minuten. Längere Fahrzeiten mussten generell in Kauf genommen werden – auch bei der Deutschen Bahn. Der Sylt-Shuttle stellte seinen Betrieb zwischen 12 und 14 Uhr vollständig ein, den gesamten Tag über galt ein Transportverbot für Gefahrguttransporter, Pkw mit Anhänger, leere Lkw oder Wohnmobile.

Zum Nachmittags-Hochwasser hatte die Wyker Dampfschiffs-Reederei (WDR) vorsorglich ihre Schiffe im Hafen behalten und die Abfahrten ab Dagebüll und Wyk gestrichen. „Doch alle anderen Verbindungen sind gelaufen“, sagte Erk Brauer aus der WDR-Dispo.

Die voraussichtlich bis morgen anhaltenden Orkanböen bescheren der Westküste eine Serie von Sturmfluten. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) geht von Wasserständen aus, die lokal bis zu 2,2 Meter über dem mittleren Tidehochwasser liegen. Die höchsten Werte werden für den frühen Sonntagmorgen prognostiziert. Die Küste ist darauf nach Einschätzung des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) gut vorbereitet. „Dieser Sturm erfordert jetzt kaum besondere Maßnahmen, weil der Schutz der Menschen hinter den Deichen jahrein, jahraus unsere Alltagsarbeit, unser Kerngeschäft ist. Für uns ist es Routine. Aber dabei bleiben wir wachsam und können notfalls sofort handeln“, erklärte LKN-Direktor Johannes Oelerich.

Gespannt, aber doch gelassen blickt er mit seinen Kollegen auf die wenigen Küstenabschnitte, die nicht durch begrünte Deiche geschützt sind. Bei dem im Bau befindlichen, aber winterfest gemachten Deich auf Nordstrand könnte es kleine Auswaschungen oberhalb des Deckwerks geben. Solche kleinen Schäden gefährden die Sicherheit des Bollwerkes jedoch nicht.

Da die Wasserstände der Nordsee in den kommenden Tagen wegen der anhaltend starken Westwinde auch bei Niedrigwasser erhöht bleiben, kann das Niederschlagswasser aus dem Binnenland nur teilweise in die Nordsee abgeleitet werden. Die Sperrwerke wie an der Eider werden im Sielbetrieb gefahren: Solange es der Wasserstand der Nordsee zulässt, öffnen sie ihre Tore, damit möglichst viel Wasser ins Meer fließt.

Etwa 35 Pegel an der Küste und 79 im Binnenland Schleswig-Holsteins liefern laufend Informationen über die aktuellen Wasserstände. Fachleute der Sturmflutbereitschaft werten sie im Husumer Betriebssitz des LKN aus. Sie erkennen, ob an einer bestimmten Stelle gehandelt werden muss und informieren Gemeinden, Verbände, Firmen oder eigene Mitarbeiter. Erst bei einer schweren Sturmflut, mit zunehmenden Wasserständen über 2,5 Meter, tritt ein größerer Einsatzstab zusammen.

Ganz nah rückte die Nordsee St. Peter-Ording gestern. Das Vorland vor dem Ortsteil Bad lief voll Wasser, nur die Dünen guckten noch heraus, bis an die Buhne kam der Blanke Hans. Die Sandbank war von Wasser bedeckt. Die heftigen Windböen mit einer Spitzengeschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde drückten das Wasser heftig gegen die Küste. Die Tourismus-Zentrale St. Peter-Ording (TZ) hatte vorgesorgt und einige WC-Häuschen am Ordinger Strand und den Bohlenbelag sowie den Treppenaufgang des Imbiss-Podestes dort abgebaut. „Ansonsten haben wir den Strand ja schon winterfest gemacht“, sagte Nils Koch, Technischer Leiter der TZ. „Aber richtig dramatisch wird es erst ab einem Wasserstand von mehr als zwei Metern über dem mittleren Hochwasser. Angekündigt sind ein bis 1,5 Meter“, sagte Koch. Er riet allen Sturm-Spaziergängern an Land oder auf den Deichen zu bleiben und nicht an den Strand zu gehen. „Von unseren Deichen hat man eine sehr gute Aussicht auf das Spektakel.“

Mit Sturm-Touristen rechnet auch Volker Sönksen, Leiter des Eidersperrwerks. Die Sieltore tun seit Donnerstag ihre „Pflicht“ – sie sind geschlossen und schützen das Binnenland vor der Flut. Derzeit kann kein Wasser aus dem Binnenland in die Nordsee abfließen. Der Wasserstand ist durch den Winddruck selbst bei Niedrigwasser noch zu hoch. Sönksen hofft, dass sich die Lage in der kommenden Woche entspannt. „Denn der nächste Sturm ist schon für das folgende Wochenende vorhergesagt.“

Gelassen sieht Eiderstedts Oberdeichgraf Jan Rabeler die Situation. „Bei der vorausgesagten Wasserhöhe läuft die Nordsee nicht mal ein Drittel den Deich hoch.“ Daher seien die Deichgänger auch nicht aktiviert worden. Für die Entwässerung Eiderstedts sieht er ebenfalls keine Probleme. Der Weihnachts-Regen sei längst in die Nordsee befördert.

Trotz der schlimmen Erfahrungen vor mehr als einem Jahr mit den Orkanen „Christian“ und „Xaver“ ist der Nordstrander Reinhard Brauer aus dem Neukoog zuversichtlich für dieses Orkan-Wochenende mit „Elon“ und „Felix“. Ein „komisches Gefühl in der Magengegend“ gibt er aber zu. „Aber ich fühle mich sicher. Unser Neubau ist fertig.“ 2013 hatte Orkan „Christian“ einen so großen Schaden angerichtet, dass das Anwesen der Familie von 1880 komplett abgerissen werden musste.

So war es auch Landwirt Paul-Friedrich Paulsen aus dem Sönke-Nissen-Koog (Reußenköge) ergangen. Heute ist er froh: „Scheune und Haus sind dicht und nach den neuesten Standards gebaut.“ Dennoch lassen ihn die Erinnerungen an das Geschehen nicht los. Binnen weniger Minuten habe „Christian“ ganze Arbeit geleistet, sodass er vor dem Nichts gestanden hatte. Das Scheunendach war während des Orkans 500 Meter weit geflogen und schließlich auf einem Feld gelandet, Scheune und Wohnhaus waren in sich zusammengesackt.

Unterdessen rät die Untere Forstbehörde des Landes Schleswig-Holstein eindringlich davon ab, in den nächsten Tagen die Wälder zu betreten. Auch nach dem Abflauen der Stürme sei das Gefährdungspotenzial durch umgestürzte Bäume, angebrochene Kronen oder herabfallende Äste oft noch groß. Die Rechtslage sei eindeutig: Waldbesitzer übernehmen bei sturmbedingten Sach- und Personenschäden in der Regel keine Haftung.

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