Küstenschutz auf Nordstrand : Ein Bollwerk auf 2000 Säulen

24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche herrscht auf der Nordstrander Deichbaustelle Hochbetrieb. Diese ist inzwischen zur Attraktion für Ausflügler geworden.
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24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche herrscht auf der Nordstrander Deichbaustelle Hochbetrieb. Diese ist inzwischen zur Attraktion für Ausflügler geworden.

Nordfrieslands erster Klimadeich auf der Halbinsel Nordstrand verschlingt 27 Millionen Euro und soll Oktober 2016 fertiggestellt sein. Radlader und Schaufelbagger sind Tag und Nacht, sieben Tage in der Woche im Einsatz.

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29. Mai 2015, 09:00 Uhr

Zwei Schuten liefern Sand aus dem Wattenmeer an, Radlader und Schaufelbagger sind unterwegs, ein Rüttler vibriert 14 Meter lange Stahlrohre in den Boden und zwischen großen Baufahrzeugen flechten ein Dutzend Männer emsig Geowaben. Auf Nordstrands Deichbaustelle Alter Koog herrscht Hochbetrieb. Bis zum Herbst 2016 entsteht hier Schleswig-Holsteins modernster und technisch anspruchsvollster Deich. Mit diesem Küstenbollwerk mit Klimazuschlag ist Schleswig-Holstein Vorreiter in Europa.

Die 27 Millionen Euro teure Deichverstärkung vor dem Alten Koog wurde von langer Hand und mit Kalkül geplant: „Die Menschen werden nicht klug. Der Ausstoß an CO2 nimmt nicht ab, sondern verstärkt den Klimawandel weiter“,sagt Johannes Oelerich, Direktor des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN).. Daher haben die Ingenieure bei dem Projekt einen weiteren Anstieg des Meeresspiegels bis ins Jahr 2100 einberechnet. „Vor zwei Jahren haben wir auf Nordstrand, ebenso wie in Büsum, mit dem Bau der ersten Klimadeiche begonnen. Der neue Deich auf der Halbinsel wird 90 Zentimeter höher als jetzt, die Außenböschung flacher und die Deichkrone von zweieinhalb auf fünf Meter verbreitert“, erklärt Johannes Oelerich.

Dieses neuartige Profil zeichnet den Klimadeich aus: Er könnte – falls dies in einigen Jahrzehnten erforderlich wird – relativ einfach durch Aufsetzen einer Kappe um einen Meter erhöht werden. „Das kostet jetzt etwa 20 Prozent mehr, spätere Generationen können dann bis zu 80 Prozent der Baukosten einsparen“, beschreibt der LKN-Direktor eine Möglichkeit, den technisch anspruchsvollsten Deich im Land nochmals um einen Meter zu erhöhen. Bei Fertigstellung wird er 8,70 Meter hoch sein, nachdem er seit 1965 nicht mehr verstärkt worden war.

Dafür liefern Schuten immer noch Sand aus dem Wattenmeer an. Es sind die letzten Entnahmen aus flachen Meeresgebieten für den Deichbau, informiert Oelerich. Für ihn ist das ein weiterer wichtiger Baustein für den Naturschutz, den Nationalpark und den Küstenschutz: Künftig soll Füllboden weiter draußen entnommen werden, wo die Nordsee stetig neues Material aufspült. Zurzeit sind die Radlader und Schaufelbagger Tag und Nacht an sieben Tagen in der Woche im Einsatz, ebenso wie der Rüttler. „Bis zum Oktober 2016 sind wir fertig“, setzt Dirk Probst, Projektingenieur des LKN, das Ziel. Danach werde die Gemeinde dann den Deich begrünen.

Die Deichverstärkung ist technisch so anspruchsvoll, weil der Baugrund auf den zweieinhalb Kilometern sehr weich ist. Einen stärkeren, schwereren Deich kann er nicht dauerhaft tragen. „Wir müssen den neuen Deich gut gründen, damit er nicht in den Untergrund einsinkt“, beschreibt Probst. Dazu werden im Zuge der 2,5 Kilometer langen Deichverstärkung zwischen Norderhafen und Strucklahnungshörn sogenannte Geowaben gebaut, Flechtzäune aus Kunststoff, die mit Schotter verfüllt werden.

Auch eine Lösung für eine prekäre Stelle – 250 Metern mit besonders weichem Untergrund – gibt es: „Dort gründen wir den Deich sogar auf 2000 Geotextil-ummantelte Sandsäulen, ein Verfahren, das landesweit erstmals im Küstenschutz eingesetzt wird“, betont Probst. Um die Sandsäulen zu setzen, wird der Boden mit den Stahlrohren verdrängt. Dann werden 14 Meter lange Gewebesäcke von 80 Zentimeter Durchmesser in die leeren Rohre eingebracht, mit Sand befüllt und dieser anschließend durch Vibrieren des Rohres verdichtet. Beide Gründungen werden überbaut und tragen dann den Deichkörper. Laut Probst‘ Berechnungen werden pro Quadratmeter vier bis fünf Tonnen Gewicht verbaut. Zusätzlich wurden Sensoren eingesetzt, um zu messen, ob sich der Deich eventuell verschiebt.

Die Deichverstärkung wird aus Bundes- und Landesmitteln zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes finanziert. Zudem werden 16 Millionen Euro über das Zukunftsprogramm Ländlicher Raum aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds zur Verfügung gestellt. Die nächsten Klimadeiche sollen vor Dagebüll, der Südermarsch und vor Halebüll gebaut werden, so Johannes Oelerich.

Der Tourismus auf Nordstrand wird vom neuen Deich profitieren, prophezeit er. Die Promenade wird breiter, barrierefrei gestaltet und erhält eine Eventfläche. Schon heute wird der Deichbau trotz Bauverkehrs, 24-Stunden-Betriebs und zeitweisen Sandflugs aktiv als touristische Attraktion beworben, etwa durch Führungen und die Internetseite www.heute-schon-deich-geguckt.de.

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