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Zehn Jahre lang Wattführer : Ein Berliner mit Heimweh nach Nordstrand

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ein Wahl-Nordstrander führte zehn Jahre lang im Nationalpark Touristen durchs Watt. Jetzt musste er aus privaten Gründen nach Berlin zurück. Schon jetzt hat der 59-Jährige Heimweh nach seiner Lieblings-Insel.

shz.de von
erstellt am 28.Dez.2013 | 17:00 Uhr

Eine Achterbahn der Gefühle durchlebt zurzeit der Wahl-Nordstrander Thomas Kluge. 15 Jahre lang lebten er und seine Frau Gabriele auf der grünen Halbinsel. Mit Herz und Seele war der Sozialpädagoge als Nationalpark-Wattführer in der einmaligen Natur unterwegs. Kurz vor Weihnachten musste das Ehepaar Adieu zu Nordfriesland sagen. Aus familiären Gründen kehrte es in seine alte Heimat Berlin, Stadtteil Alt Moabit, zurück.

Eigentlich wollten beide den Rest ihres Lebens auf Nordstrand bleiben. Aber es kam anders. Denn die Eltern kommen ohne Unterstützung der Kinder nicht mehr aus. Um ihnen nahe sein und ihnen zu helfen, weiterhin in den eigenen vier Wänden bleiben zu können, entschieden sich die Kluges, nach Berlin zurückzukehren. „Das war uns einfach wichtiger.“

Aber die Umgewöhnung ist hart. „Ich vermisse die Ruhe, die frische, klare Luft, die weite Landschaft und das Wattenmeer mit den Inseln und Halligen“, bekennt Kluge schon nach wenigen Tagen Großstadt-Leben. Doch entschieden sei entschieden. Man müsse sich den persönlichen Herausforderungen stellen.

Umso dankbarer blickt der 59-Jährige zurück auf die herrliche Zeit auf Nordstrand. Pro Saison war er etwa 30 Mal von Fuhlehörn aus übers Watt zur Hallig Südfall gewandert. „Ein schöner Ausgleich zum Beruf“, schwärmt er. Denn Thomas Kluge hatte einen Teilzeitjob als Sozialpädagoge bei den Husumer Werkstätten. Das ließ ihm genug Zeit, um als Nationalpark-Wattführer unterwegs zu sein. 300 Touren hat er in den vergangenen zehn Jahren absolviert – das sind rein rechnerisch 6000 Gäste, die er betreut hat. Im vergangenen Sommer kostete Kluge die Führungen durch das Nationalparkgebiet besonders aus – wohl wissend, dass der Abschied naht.

Der Ortsteil Westen auf Nordstrand war dem Ehepaar zur Heimat geworden. Den Sternenhimmel pur erleben können – im Westen gibt es keine Straßenlaternen – , die absolute Stille, die fantastische Natur, bodenständige, zugewandte Menschen – das alles machte die besondere Lebensqualität aus.

Die Liebe zum Wattenmeer war bei den Kluges in den 1980-er Jahren entstanden, als sie von Berlin aus mit Kindergruppen nach Föhr und Amrum reisten. Erkundungen mit Experten der Schutzstation Wattenmeer waren Pflichtprogramm, und sie legten die ersten Samen einer ständig wachsenden Begeisterung für dieses Fleckchen Erde. Kluges verbrachten denn auch viele Urlaube auf Nordstrand. Schon damals hielt das Ehepaar häufig Einkehr bei Halligwart Robert Brauer auf Südfall. Der Entschluss, Nationalpark-Wattführer zu werden, stand schnell fest. Als Regine Brauer mit ihren Führungen aufhörte, konnte Kluge einsteigen.

Stets ging es darum, den Touristen „Wattwurm und Co“ näher zu bringen und ihnen die Entstehung dieses einzigartigen Lebensraumes zu erläutern. Wenn er über die verheerenden Sturmfluten berichtete und vom Untergang Rungholts erzählte, hätten alle immer wie gebannt zugehört, blickt Kluge zurück.

Ein Erlebnis hat sich bei ihm besonders eingeprägt. Eine Gruppe mit immerhin 20- Teilnehmern wurde von einem schweren Gewitter auf der Hallig überrascht. Gemeinsam mit Vogelwartin Gunda Erichsen überlegte der Wattführer fieberhaft, wie sich eine Übernachtung auf dem Eiland bewerkstelligen ließe. „Wir haben schon die Decken und Schlafplätze durchgezählt.“ Aber zum Glück kam Gonne Erichsen, der Ehemann der Vogelwartin, noch rechtzeitig von seiner wöchentlichen Einkaufstour mit dem Traktor von Nordstrand zurück. Auch ihm war zwar das Gewitter in die Quere gekommen, aber er schaffte es, noch rechtzeitig vor dem Hochwasser zurück zu sein. So konnte er die Gäste nach Einbruch der Dunkelheit mit dem Bauwagen zurück aufs Festland bringen. Kluge: „Das war ein einmaliges Erlebnis.“ Dabei, so schmunzelt er, „hätten wohl die meisten nichts gegen eine Übernachtung auf der Hallig einzuwenden gehabt“.

Spätestens im April, wenn die ersten Touren der Saison anstehen, wird es hart für Thomas Kluge. Das weiß er jetzt schon. Und er sagt: „Dann werden mich meine Füße fragen, wo denn das schöne Gefühl bleibt – das Watt unter den Sohlen zu spüren.“




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