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In Husum vor Gericht : Ein Auto-Narr in seiner eigenen Welt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Kurioser Prozess am Husumer Amtsgericht: Ein 77-Jähriger prellte eine Reihe von Autohäusern und ist der Ansicht, vom prominenten Rechtsanwalt Wolfgang Kubicki verteidigt zu werden.

Dem prominenten FDP-Politiker und Rechtsanwalt Wolfgang Kubicki müssen die Ohren geklungen haben: Immer wieder fiel bei einem Prozess vor dem Schöffengericht Husum sein Name – obwohl Kubicki weder als Rechtsanwalt auftrat noch als Zeuge geladen war. Eine maßgebliche Rolle spielte er nur in der Gedankenwelt eines 77 Jahre alten Mannes, der aus seiner Sicht grundlos auf der Anklagebank sitzt und dem ein Gutachter verminderte Schuldfähigkeit zubilligte – wegen, so der terminus technicus, „Pseudologia phantastica“ und „Verlegenheits-Konfabulation“. Stark vereinfacht: Der Angeklagte hätte demnach eine subjektive, ganz eigene, „Wahrheit“, die großenteils mit der Realität nur wenig zu tun hat.

Da der seriös auftretende und gepflegte Senior vor Gericht weitestgehend schwieg, gingen dessen Lebensstationen aus einem psychologischen Gutachten hervor: Der nach eigenen Angaben gesundheitlich angeschlagene Angeklagte war gelernter Schiffsmakler, führte nach seiner Lehre die elterliche Tankstelle weiter und gliederte einen Autohandel an, betätigte sich später als Finanzberater und Immobilienwirt in München und wurde irgendwann mittellos. Als seine Ehe nach 30 Jahren scheiterte, lernte er eine jüngere Frau kennen. Nach Erkenntnissen des Gerichts war jene Lebensgefährtin Frisörin und mittellos. In einer seiner wenigen Äußerungen protestierte der Angeklagte: Sie sei Steuerberaterin, außerdem Teilhaberin eines Unternehmens gewesen und besitze nach dem Verkauf der Firma ein Vermögen in Höhe von mehreren Millionen Euro; aus persönlichen Gründen verweigere ihr jedoch eine Mitarbeiterin der Bank den Zugriff auf das Konto.

Nach dem Umzug nach Nordfriesland liebäugelte das Paar – inzwischen sind die beiden verheiratet – Anfang 2012 mit einem rund 60.000 Euro teuren Fahrzeug eines bekannten bayerischen Automobilherstellers. Die wegen der gleichen Tatvorwürfe bereits zu einem Jahr und drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilte Lebensgefährtin, deren Sohn und der Angeklagte flogen nach München und leisteten mit Geld von den Eltern der Lebensgefährtin eine Anzahlung über 5500 Euro. Tatsächlich händigte das Autohaus dem Paar das Nobelfahrzeug aus. Nach derzeitigem Stand der Beweisaufnahme hatten die beiden gefälschte Unterlagen vorlegt, wonach die Frau über ein Vermögen in Höhe von sogar 6,5 Millionen Euro verfüge und der prominente Rechtsanwalt Kubicki der Anwalt der beiden sei. Durch ein fingiertes und über den Lautsprecher zu hörendes Telefonat mit einem angeblichen Bankangestellten aus Nordfriesland wurde bei dem Autoverkäufer in München der Eindruck erweckt, die noch fehlende Summe habe die Bank bereits an das Autohaus überwiesen. Erst später flog der Schwindel auf und das Auto wurde sichergestellt. Im Prozess sagte ein Vorstandsmitglied der Bank als Zeuge aus, die vorgelegten Bankunterlagen seien unter anderem wegen der vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler „nicht mal gut gefälscht“ gewesen – und in seinem ganzen Berufsleben habe er „so eine Dreistigkeit noch nie erlebt“.

Schon bald nach der Sicherstellung des in München erschwindelten Autos hatten die beiden in einem Autohaus in Nordfriesland einen Wagen im Wert von rund 24.000 Euro „gekauft“. Auch hier wurde das Fahrzeug aufgrund gefälschter Unterlagen zunächst ausgehändigt und erst später sichergestellt. Nur ein wiederum anderes Autohaus im Kreis Schleswig-Flensburg war vorsichtiger gewesen. Hier hatte das Paar nunmehr einen Kaufvertrag über einen rund 34.000 Euro teuren Wagen eines Stuttgarter Automobilherstellers abgeschlossen. Doch bei diesem Autohaus galt die Devise: Herausgabe nur gegen Bares oder nach Eingang der Überweisung.

Der Gutachter hielt dem 77-Jährigen zugute, dass er gleichsam „in einer anderen Welt“ lebe und vieles von dem, was er anderen sagt, tatsächlich selbst glaubt. Dazu gehört möglicherweise auch, dass der Angeklagte meint, Kubicki sei sein Anwalt – und er deshalb mit seinem tatsächlichen Verteidiger nicht spricht. Das Urteil fällt voraussichtlich am 26. Januar.

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