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Hilfe im Advent : Ein Ärzte-Team, das sich jeder leisten kann

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

In der „Praxis ohne Grenzen“ werden Menschen behandelt, die ihren Krankenversicherungsschutz verloren haben. Fünf Mediziner und drei Helferinnen wechseln sich bei den Sprechstunden ab. Jeder zweite Patient kommt wieder.

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erstellt am 07.Dez.2013 | 16:00 Uhr

Mittwoch, kurz vor 15 Uhr: Dr. med. Seebrandt Rießen und Arzthelferin Birte Hermann bereiten die „Praxis ohne Grenzen“ für die Sprechstunde vor. Die erste Patientin wartet schon im ersten Stock der Einhorn-Passage am Markt. „Unsere Klientel sind zumeist kleine Unternehmer und Handwerker, deren Firmen in Schieflage geraten sind und die irgendwann die Beiträge für ihre private Krankenversicherung nicht mehr bezahlen konnten“, sagt Rießen. Die privaten Kassen hätten zwar einen Notfalltarif. „Der greift aber nur bei akuten Notfällen und starken Schmerzen.“ So bleibt die im März eröffnete „Praxis ohne Grenzen“ für diesen Personenkreis oft die einzige Anlaufstelle.

Rießen ist mit der Bilanz des ersten Dreivierteljahres zufrieden. „Die Patientenzahl hält sich auf dem Stand anderer derartiger Einrichtungen.“ Manchmal würden gleich fünf bis sechs Patienten Hilfe suchen, manchmal auch nur ein oder zwei. Doch hier gelte der Grundsatz von Dr. Uwe Denker, der vor drei Jahren in Bad Segeberg die erste „Praxis ohne Grenzen“ ins Leben gerufen hat: „Und wenn nur einer da ist, der in Not geriet und dem wir helfen konnten, dann haben wir unsere Mission schon erfüllt.“

Neben dem 76-jährigen Rießen gehören noch die Doktoren Hans-Peter Bange, Michael Manevall, Bernd Räth und Wiebke Stybalkowski zur Mannschaft, dazu noch die Arzthelferinnen Birte Hermann, Catharina Freese und Kirsten Franzen. „Die drei Helferinnen sind voll berufstätig und machen das ehrenamtlich“, hebt Rießen hervor. Und mit Mogens Klatt hat das Team noch einen Apotheker an der Seite, der auch die Räume über der Einhorn-Apotheke zur Verfügung stellte.

Der Hauptanteil der Patienten sei in der Altersgruppe zwischen 40 und 60 Jahren, Rentner seien kaum dabei, „und auch erst ein Kind“. Insgesamt verzeichne die Praxis mehr Patienten aus dem Umland: „Das liegt wohl auch am Schamgefühl – daran, dass die Leute Angst haben, erkannt zu werden, wenn sie zu uns kommen, und ihr Gesicht zu verlieren“, erzählt Rießen. Husumer seien natürlich ebenfalls in Behandlung, darunter auch solche ausländischer Herkunft. „Uns wurde aber schon am Anfang gesagt, dass es etwa ein oder zwei Jahre dauern würde, bis es so richtig läuft.“ In diesem Zusammenhang appelliert er an alle Bürger, den Gedanken der Praxis weiterzutragen: „Wenn Sie jemanden kennen, dem wir helfen können, dann weisen Sie den doch bitte auch auf diese Möglichkeit hin.“

Die Hälfte der Behandelten habe chronische Erkrankungen und sei regelmäßig in der Praxis, so Rießen. „Wir sorgen für die nötigen Medikamente und bekommen auch Hilfe von Fachärzten.“ Ein Mann sei eines Tages mit einer sehr schweren, verschleppten Entzündung in der Praxis erschienen und sofort ins Krankenhaus eingewiesen worden. „Danach hat er eine Rechnung über 1000 Euro erhalten, von der er nicht wusste, wie er sie bezahlen soll. Das haben wir dann auch übernommen.“ So etwas ginge jedoch nur, weil die vom Diakonischen Werk getragene Praxis von vielen Seiten Spenden bekomme: „Darauf sind wir aber auch angewiesen.“

Ein Ziel der Praxis sei es auch, die Betroffenen wieder ins System zurückzubringen. „Bis Jahresende besteht noch die Möglichkeit, in die gesetzliche Krankenversicherung zurückzukehren – und wir hoffen, dass das viele nutzen.“ Wenn jemand in seine alte Kasse zurückgehe, würden ihm sogar Schulden und aufgelaufene Zinsen erlassen. Rießen hofft, dass möglichst viele Patienten diese Möglichkeit wahrnehmen. „Bei zweien haben wir das vermittelt, aber vielleicht sind schon mehr auf diesem Weg und wir bekommen das nur gar nicht mit.“

Das Konzept der „Praxis ohne Grenzen“ sei der Gegenwart voraus, sagt Rießen. „Aber wenn die wirtschaftliche Situation kippt und die Patientenzahl steigt, dann sind wir gut vorbereitet.“ Nach seiner Ansicht sei das nur eine Frage der Zeit, immerhin hätten schon heute ein Prozent der Bevölkerung Probleme, ihre Krankenkassenbeiträge zu bezahlen. „Aber mit der Einrichtung der ,Praxen ohne Grenzen‘ schützen wir sozusagen die Deiche, weil wir genau wissen, dass die Flut kommt.“

Die Husumer „Praxis ohne Grenzen“ ist jeden Mittwoch von 15 bis 17 Uhr geöffnet, die fünf Mediziner und ihre Helferinnen wechseln sich bei der Sprechstunde ab. Und sie freuen sich über jede Unterstützung. Das Spendenkonto bei der Evangelischen Darlehnsgenossenschaft (EDG) Kiel , BLZ 210 602 37, hat die Nummer 84 999. Bitte unter dem Kennwort „Praxis ohne Grenzen“ überweisen.

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