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Infoabend in St. Peter-Ording : Eiderstedt blühte durch Flüchtlinge auf

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Im Laufe der Jahrhunderte sind immer wieder Flüchtlinge nach Eiderstedt gekommen. In der Reihe „Museum im Gespräch“ wurde in St. Peter-Ording über das Thema informiert und diskutiert.

„Zuwanderung in Eiderstedt – damals und heute“ – angesichts der aktuellen Geschehnisse traf das Museum der Landschaft Eiderstedt mit diesem Thema einen Nerv. Die Veranstaltung in der Reihe „Museum im Gespräch“ des Vereins Kulturtreff, die von Sigrid Nolte Schefold moderiert wird, war sehr gut besucht. Bewusst hatten die Verantwortlichen das aktuelle Geschehen der Zuwanderung von Flüchtlingen nach Europa mit der Geschichte Eiderstedts gekoppelt. In ihrer Begrüßung formulierte es die Moderatorin so: „Eiderstedt als Zuwanderungsland gibt es schon seit Jahrhunderten“, und setzte fort: „Die Landschaft und die Menschen haben sehr von den Kenntnissen der Neubürger profitiert. Wir wollen den Bogen von holländischen Zuwanderern und Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg zu der Situation heute spannen.“

Olaf Jensen aus Tating machte mit seinem prägnanten 15-minütigen Vortrag über „Zuwanderung von 200 bis 1634 und von holländischen Deichbauern und Milchwirten“ mit geschichtlichem Wissen vertraut. Er berichtete von der ersten Besiedlung auf dem Nehrungsrücken und folgend den Flachsiedlungen am alten Eiderlauf wie Tofting und Elisenhof sowie der sich anschließenden Auswanderung nach Britannien. In einer ersten Besiedlungswelle kamen vom 7. bis 10. Jahrhundert die Friesen aus dem Gebiet der Ems. In einer zweiten Welle im 11. und 12. Jahrhundert wanderten christliche Friesen ein, von denen Saxo Grammaticus so berichtet: „Sie umgeben ihre Felder mit breiten Gräben, über die sie mit Springstöcken setzen. Ihre Häuser werden auf Warften erbaut.“

Die Einwanderung von Religionsflüchtlingen aus den Niederlanden im 16. Jahrhundert brachte Eiderstedt eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung nie gekannter Güte. Sprachwandel vom Friesischen zum Plattdeutschen erfolgte, die spanische Mode wurde eingeführt, der Handel über Kleinhäfen brachte Offenheit und Kultur in das Land. In Bürgerhäusern in Garding und Tönning wurden Stubenwände mit Delfter Kacheln bekleidet.

Günther Leupold vollzog in seinem spannenden Erlebnisbericht danach den Sprung in die Zeit nach 1945. Geboren in Schlesien war der „Marschinfanterist“ nach viermaliger Verwundung im Krieg von Ostpreußen aus über Kopenhagen und Jütland nach Eiderstedt gekommen. Damals war er 20, heute ist er 91 Jahre alt. Als er nach Belgien sollte und ahnte, dass es in den Kohlenbergbau ginge, machte er sich zu Fuß mit einem Kameraden umgehend nach Heide auf. Sie gehörten mit zu den letzten noch internierten Soldaten in Witzwort. Am 25. November 1945 hatte er dann endlich eine Anstellung als Lehrer in St. Peter und „einen Schein in der Hand, der mir einen Platz unter Menschen bot“. Als Flüchtling hatte er sich aber auch sagen lassen müssen: „Gehen Sie man dahin, wo Sie herkommen.“

Bernd Nielsen, evangelischer Pastor und Psychohistoriker, setzte die Zeit von 1945 bis heute mit einem Bericht zum Leben seiner fast 91-jährigen Mutter Margarete Nielsen, geborene Seewald, mit Höhen und auch beschämenden Tiefen fort. In Masuren geboren, als gelernte Friseurin 1944 in einem Rüstungsbetrieb in Königsberg tätig, war sie über die Halbinsel Hela in der Danziger Bucht nach Lübeck, dann über Langenhorn und Welt nach St. Peter gekommen. Sie gehörte wie viele zum „Flüchtlingspack“, wie manch Einheimischer sie nannte. Sogar bei ihrer Heirat 1946 mit dem Maurer Albert Nielsen musste sie sich als „Flüchtlingsmädchen“ betiteln lassen. Im Laufe der Jahre fand sie auf Eiderstedt eine neue Heimat, dennoch machte sie immer wieder schlechte Erfahrungen.

Peter Martensen, Integrationsbeauftragter beim Kreis Nordfriesland, und Rebecca Mansel, als Migrationsfachkraft des Diakonischen Werkes Husum für Eiderstedt tätig, berichteten zur gegenwärtigen Situation anhand von Zahlen, Daten und Fakten, Maßnahmen und Handlungsmöglichkeiten. Sie beschrieben aber auch, wie schwierig auf Grundlage von Rechtsvorschriften Probleme zu lösen seien. Von den bisher 1100 Nordfriesland zugewiesenen Asylsuchenden, davon bisher 116 in Eiderstedt, fallen 75 Prozent nach dem Asylrecht unter die Schutzquote. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia und Irak. Die Zahl der Balkanflüchtlinge nimmt ab. Der Zuweisungsdruck nehme zu. Es ist mit weiteren 100 Personen zu rechnen. Für 2016 wagte Martensen keine Prognose. Er lobte die ehrenamtliche Struktur. Diese 400 bis 500 Helfer in Nordfriesland seien das A und O. Man bemühe sich um Integration vom ersten Tag an. Rebecca Mansel informierte über Aktivitäten in Eiderstedt mit Deutsch-Unterricht, Alltagsbegleitung, Freizeitgestaltung, Kleiderkammern, Begrüßungskomitee, Beratung für Asylbewerber und Fortbildung für Ehrenamtler.

Arbeit als beste Möglichkeit für Integration stand im Mittelpunkt der Diskussion. Wie schwer es aber ist, Asylsuchende in Arbeit zu bringen, machten Martensen und Mansel deutlich. Erst nach drei Monaten ist es möglich, denn es gibt allein auf Grund der Rechtslagen mit Asyl- und Arbeitsrecht einschließlich Ausbildung ganz viele Hürden. „Wir beginnen in Deutschland erst jetzt zu erkennen, dass Asylsuchende nicht nur Defizitträger sind. Sigrid Nolte Schefold schloss so mit dem Dank an alle: „Was mich zutiefst berührt, dass es ein Willkommen gibt. Ich habe sehr viel Offenheit gespürt.“

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