Thusnelda-Kühl-Gesellschaft : Ehrung für einen kritischen Geist

Am Grabstein:  Pastorin Inke Thomsen-Krüger, Hauke Koopmann und Günter Propfe (r.).  Foto: bdk
Am Grabstein: Pastorin Inke Thomsen-Krüger, Hauke Koopmann und Günter Propfe (r.). Foto: bdk

Grabstein von Pastor Karsten Kühl nach Oldenswort geholt

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16. Juni 2011, 05:54 Uhr

Oldenswort | "Pastor Karsten Kühl ist in seine Heimat zurückgekehrt", sagte der Vorsitzende der Thusnelda-Kühl-Gesellschaft, Günter Propfe, anlässlich der Enthüllung des Grabsteins für seinen 1908 in Nortorf verstorbenen, angeheirateten Urgroßvater. Auf dem Oldens worter Friedhof steht der helle Stein mit Jugendstilelementen an der Südseite der Kirche. Propfe dankte allen, die sich an den langjährigen Bemühungen um eine Verlegung des Ehrenmals von Nortorf nach Oldenswort beteiligt haben. Hier habe der gebürtige Dithmarscher von 1876 bis 1904 als Gemeindepastor gewirkt und seine wichtigste Zeit gehabt. Deshalb könne man Oldenswort als seine Heimat bezeichnen. Lange Zeit sei man in Nortorf dem Wunsch auf Verlegung des Steins mit "wenig Gegenliebe" und "schroffer Ablehnung" begegnet. Erst ein weiterer Antrag vor einem Jahr bei dem dort gegründeten Förderverein zum Erhalt bedeutender Grabdenkmäler und die Unterstützung des jetzigen Pastors hätten "den Stein in Rollen gebracht."

In ihrer Predigt würdigte Pastorin Inke Thomsen-Krüger den "liberalen Theologen und politisch engagierten Mann", der sich darüber hinaus auch sozial eingesetzt habe. So entstanden auf sein Bestreben im Dorf das erste Krankenhaus Eiderstedts, eine "Pfennigsparkasse" für Bedürftige und eine Gemeindebibliothek. Als Landtagskandidat und Mit-Herausgeber des "Evangelischen Gemeindeboten" wurde Kühl auch überregional bekannt. Der "freigesinnte" und zugleich "streitbare" Theologe habe sich kritisch mit der Bibelauslegung der orthodoxen Protestanten auseinandergesetzt. Obgleich für ihn neben der Glaubenstreue auch die Friedfertigkeit zu den wichtigsten Tugenden zählte, war für ihn auch klar: "Frieden ist nicht um jeden Preis zu haben, wenn versucht wird, die Vernunft gefangen zu nehmen und das Gewissen zu knechten." Das könne auch heute eine Ermutigung sein, unser Denken kritisch in den Blick zu nehmen.

In seinem Festvortrag erinnerte Prof. Dr. Arno Bammé daran, dass im 19. Jahrhundert "Glauben durch Wissen" ersetzt wurde. Kühl habe mit Gleichgesinnten das Ziel verfolgt, die Autorität und die Hierachie der orthodoxen Amtskirche zu bekämpfen, was heftige Auseinandersetzungen mit anders denkenden Theologen zur Folge hatte. Diese erreichten sogar, dass ihm eine Amtsenthebung angedroht wurde. "Doch Kühl beugte sich nicht und zahlte dafür einen hohen Preis", erklärte der Sozialwissenschaftler, der zugleich Gründungs- und Ehrenmitglied der Thusnelda-Kühl-Gesellschaft ist. Kühl habe seine beruflichen Pflichten stets vor seine familiären gestellt. Gegenüber seinen acht Kindern soll er sich "sittenstreng und unerbittlich" verhalten haben. Eine Erkrankung zwang ihn zur vorzeitigen Pensionierung. Vier Jahre später starb er.

An das Engagements Kühls für den Handwerker- und Gewerbeverein von 1868 (HGV) als dessen Mitbegründer und langjährigen Vorsitzenden erinnerte der jetzige HGV-Chef Hans- Werner Freese. Der Geistliche habe für die Einrichtung einer Krankenversicherung für Vereinsmitglieder gesorgt, die Bildung gefördert und die Geselligkeit gepflegt, an der Frauen erstmals gleichberechtigt teilhaben konnten.

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