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152 Fälle in Husum angeklagt : Drogen-Prozess: Apotheker im Visier

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ein Nordfriese muss sich vor dem Husumer Schöffengericht wegen Beihilfe bei Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz verantworten. Ein weiterer Prozess gegen einen Arzt ist beim Landgericht Flensburg anhängig.

Erst gratulierte die Richterin dem Verteidiger nachträglich zum Geburtstag, und direkt danach wies sie erneut einen seiner Anträge zurück: Viermal bereits in einem einzigen Verfahren und jedes Mal vergeblich hatte der Anwalt gegen die Richterin einen Befangenheitsantrag gestellt. So ungewöhnlich wie der bisherige Verfahrensverlauf ist auch die Anklage, unter der sich seit Mitte Januar ein Apotheker aus Nordfriesland vor dem Schöffengericht Husum verantworten muss: Ihm wird Beihilfe bei Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz zur Last gelegt.

Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft sollen rund 1000 Mal Medikamente, die nach dem Betäubungsmittelgesetz verschreibungspflichtig sind, nicht an die auf den Rezepten benannten Patienten ausgegeben worden sein, sondern sie sollen auf noch zu klärende Weise in den Besitz von Dritten gelangt sein. Zur Anklage kommen in Husum allerdings nur 152 solcher Fälle.

Außerdem soll die Apotheke des Angeklagten – als mit Abstand bundesweiter Spitzenreiter – im Laufe mehrerer Jahre mehr als 300 Kilogramm Lidocain verkauft haben, ein Mittel das in der Medizin normalerweise in kleinsten Mengen als lokal wirkendes Betäubungsmittel, beispielsweise von Zahnärzten, eingesetzt wird; allerdings ist diese Substanz in einschlägigen Kreisen seit Jahren auch als Stoff bekannt, mit dem Heroin und Kokain von Dealern „gestreckt“ wird. Angeklagt ist allerdings nur der Verkauf von 20 Kilogramm dieses Mittels, den die Polizei im Rahmen einer richterlich angeordneten Telefonüberwachung des Angeklagten dokumentiert hatte.

Das Tückische an Lidocain: Wenn damit gestrecktes Kokain nicht durch die Nase geschnupft, sondern mit einer Spitze injiziert wird, kann Lidocain tödlich wirken. Das wird dem Angeklagten nicht zur Last gelegt, allerdings geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der Apotheker in einen Drogendeal verwickelt gewesen sein soll, bei dem Mitglieder der „Hells Angels“ Drogenabhängige in Dänemark beliefert haben sollen.

Wie der Anwalt des Angeklagten unserer Zeitung mitteilte, gab es offenbar „Manipulationen“ in einer Arztpraxis: „Offen ist jedoch, ob dies dem Angeklagten anzulasten ist. Es ist nicht Aufgabe eines Apothekers, verordnete Rezepte zu kontrollieren.“ In Gang gekommen war das Verfahren gegen den Apotheker durch Ermittlungen gegen einen Arzt aus Nordfriesland, der seinen Patienten mehr Drogenersatzstoffe verordnet haben soll als zulässig. Der Prozess gegen diesen Arzt ist beim Landgericht Flensburg anhängig.

Ein Kuriosum wurde in Husum beim Abspielen der mitgeschnittenen Telefonate des Apothekers bekannt: Da der Angeklagte bei der Pharmafirma mit einer einzigen Bestellung gleich 20 Kilogramm Lidocain orderte, bot ihm das Unternehmen neben seinen Prozenten als Apotheker auch noch als kleine Geschenk-Beigabe einen Picknick-Rucksack an. Wie die Staatsanwaltschaft auf Anfrage mitteilte, läuft gegen das Pharmaunternehmen kein Ermittlungsverfahren.

Der Prozess wird heute fortgesetzt. Gemessen an der Zahl der veranschlagten Verhandlungstage handelt es sich um einen der aufwendigsten Prozesse der vergangenen Jahre in Nordfrieslands Kreisstadt.

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