zur Navigation springen

Geistliche Auswanderer : Dr. Helmut Edelmann rekonstruiert Leben von 600 nach Amerika ausgewanderten Geistlichen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Sieben Jahre lang hat Dr. Helmut Edelmann mit detektivischem Spürsinn das Leben von Auswanderern rekonstruiert – darunter viele Nordfriesen.

shz.de von
erstellt am 18.Okt.2017 | 13:00 Uhr

Gleich sechs dicke Bücher sind es geworden, in denen Dr. Helmut Edelmann (67), früherer Propst des Kirchenkreises Nordfriesland, die Ergebnisse eines Forschungsauftrages der Kieler Christian-Albrecht-Universität (CAU) zusammengefasst hat. Seine Aufgabe: Biografien der Pastorenfamilien, die im 19. Jahrhundert von Breklum nach Amerika auswanderten, hinterherzuspüren. Das Volumen ergab sich, weil er auf äußerst mitteilsame Menschen und einen ungeheuren, kostbaren Materialfundus in den USA gestoßen ist. Die Aufgabe fiel ihm zu in Verbindung mit dem Lehrauftrag an der CAU über systematische Theologie und Ökumene – schwerpunktmäßig wahrgenommen an der Europa-Universität in Flensburg. „Es hat sich herausgestellt, dass von Breklum, Kropp und dem Rauen Haus in Hamburg mehr als 600 Pastoren nach Amerika gingen“, so Edelmann.

Sieben Forschungsjahre liegen hinter ihm, angefüllt mit „detektivischer Sisyphos-Arbeit.“ Bibliotheken, theologische Seminare, Universitätsarchive, unter anderem im kalifornischen Berkeley, in Philadelphia und St. Louis, in Chicago und New York durchforstete Edelmann während 15 mehrere Wochen dauernder Forschungsreisen. Besonders dankbar ist er seiner Ehefrau Christina, die ihn tatkräftig unterstützt hat.

„Meine Forschungen setzten in der Reformationszeit an. Der wichtigste Zeitraum war allerdings die Mitte des 19. Jahrhunderts. Fesselnd war es, der Geschichte ein Gesicht zu geben, sich die Auswanderer-Situation vor Augen zu führen, als sieben Millionen Deutsche und insgesamt 44 Millionen Europäer nach Amerika auswanderten.“ So traf Edelmann beispielsweise den heute fast 100-jährigen Pastor Walter Lentz, wohnhaft in New Braunfels in Texas: Der Sohn eines ausgewanderten Breklumer Pastors habe sehr authentisch von seinem Vater erzählt. Auch die Begegnung mit Boy und Ingrid Mahrt, einem Geflügelfarmer-Ehepaar aus Kalifornien, gehöre zu den wichtigen Begegnungen: „Boy ist noch in Husum in der Sankt Marien-Kirche konfirmiert worden. Er war sehr behilflich auf der Suche nach weiteren ausgewanderten Geistlichen.“

Der Allgemeinheit fast unbekannt ist, dass im Jahre 1917, als die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten, alles Deutsche in vielen Regionen Amerikas verboten wurde: „Schiller-Theater, Goethe-Institute geschlossen, deutsche Denkmäler zerstört, Deutschstämmige geschnitten: Sie waren regelrecht gefährdet. Während des Krieges wurde auch viel schriftliches Material vernichtet.“

Heute, 100 Jahre später, traf er auf eine enorme Hilfsbereitschaft. „Riesige Entfernungen waren zu bewältigen. Tagelang sind manche Menschen mit uns durch Städte und über Land gefahren, um uns in Millionenstädten zu einem speziellen Punkt oder zu einem Treffen mit bestimmten Personen zu begleiten“, resümiert Edelmann und nimmt ein Zitat Siegfried Lenz‘ zu Hilfe, um seine innere Bewegtheit auszudrücken: „Man hat mich an die Hand genommen und an der Hand gehalten – und ich war verblüfft über das große Anvertrauen der Amerikaner.“

Die sechs Bände sind im kulturellen Zusammenhang unserer Zeit zu sehen – und so aktuell wie nie: „Wie sind die auswandernden Geistlichen und ihre Familien aufgenommen worden, unter welchen Umständen haben sie gelebt und gesiedelt, inwiefern sind Parallelgesellschaften entstanden? So laufen profane und kirchengeschichtliche Erkenntnisse ineinander.“

Die ersten drei Bände seien „erlebnisorientierte Sachbücher“, die Auskunft über den Forschungsverlauf geben. Im vierten Band schafft Edelmann Klarheit über Christian Jensen, den Gründer des Breklumer Kollegs. Dies sei eine „hochspannende Arbeit“ gewesen, gewissermaßen ein „Schlüsselband“, der entscheidend dazu beitrage, die nachfolgenden Bände noch besser zu verstehen.

Sein Lieblingsband ist das fünfte Buch, das „Portraitbuch“ mit seiner großen Nähe zu den Menschen. Der sechste Band stellt Fragen: „Hat Luther uns mit seinen Lehren erreicht? Hat er uns heute noch etwas zu sagen und kam seine Botschaft in Amerika an? Wo sind die Grenzen zwischen Selbstgerechtigkeit und der Gerechtigkeit Gottes?“

Eine Herausforderung sei es gewesen, das Ergebnis der Recherchen in eine ansprechende schriftliche Form zu gießen und die Seiten passend zu bebildern. „Es liegen Tausende von Fotos vor – alle in leuchtenden Farben. Aus Kostengründen mussten die Fotos allerdings in Schwarz-Weiß gedruckt werden.

Für Dr. Helmut Edelmann ist die umfangreiche Publikation der Forschungsergebnisse nur ein Zwischenschritt: „Wir müssen dranbleiben, miteinander reden, uns die Geschichte erschließen, um die Gegenwart für alle positiv zu gestalten.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen