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Mission Weihnachtsmann : Doppelleben in roter Robe

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Sönke Lorenzen, pensionierter Polizist aus Rantrum, hat eine Leidenschaft der besonderen Art – als Weihnachtsmann bringt er nicht nur Kinderaugen zum Leuchten.

Sönke Lorenzen hat einen Auftrag – und der ist streng geheim. 364 Tage im Jahr wohnt der pensionierte Polizist in Rantrum, arbeitet als Fahrer für ein Autohaus, kellnert hin und wieder und kocht leidenschaftlich gern für seine Familie. Doch am 24. Dezember ist er ein ganz anderer. Dann kommt er aus einem kleinen finnischen Dorf am Berg Korvatunturi – und zieht mit weißem Rauschebart, einem dicken roten Kapuzen-Mantel, schwarzen Stiefeln und einem großen Sack auf dem Rücken von Tür zu Tür, um artige nordfriesische Kinder zu beschenken. Unterstützt wird er dabei von zahlreichen Wichteln und den Rentieren, die seinen Schlitten in jeden Winkel der Welt ziehen. So heißt es jedenfalls.

Sein Doppelleben begann vor 20 Jahren. Der Kindergarten Rantrum brauchte einen Weihnachtsmann – und Lorenzens ungewöhnliche Karriere nahm ihren Lauf. Seitdem schlüpft er jedes Jahr in seine ungewöhnliche Kluft und begeistert die Kleinen mit seinem Auftritt. Das sprach sich offensichtlich herum. Vergangenes Jahr kam ein Anruf von der Arbeitsagentur Flensburg. Ob er Lust habe, auch in Familien die Bescherung zu übernehmen. Er hatte.

„Mit begabten Weihnachtsmännern ist es so wie mit guten Handwerkern“, erklärt Christian Groborsch, Sprecher der Arbeitsagentur Flensburg, die über ein Informationsblatt Weihnachtsmänner an Familien vermittelt: „Sie können sich irgendwann nicht mehr vor Aufträgen retten“. Das kann Lorenzen wahrhaftig nicht – mit acht Aufträgen ist er komplett ausgebucht. Ab 14.30 Uhr wird er heute auf Tour sein – von Rantrum über Mildstedt und Husum nach Friedrichstadt und wieder zurück. „Dann muss ich mich sputen.“ Genauso wie in seinem Lieblingsgedicht von Theodor Storm. „Von drauß vom Walde komm ich her (.  .  .) Knecht Ruprecht, alter Gesell, hebe die Beine und spute dich schnell“, sagt er schmunzelnd. Trotzdem – und das ist ihm wichtig – nimmt er sich die Zeit, um mit den Kindern über ihre Herzensangelegenheiten zu sprechen.

Seine Rolle als Weihnachtsmann nimmt Lorenzen nicht auf die leichte Schulter und bereitet sich intensiv auf den Abend der Abende vor. Als Vorbild dient sein Kollege aus dem Kinderbuch „Wo der Weihnachtsmann wohnt“ von Mauri Kunnas. Hier findet er auch die Antworten auf die vielen Fragen, die ihm die Kinder stellen. „Woher kommst du?“, „Warum weißt du so viel über uns?“ oder „Womit fütterst du deine Rentiere?“. Knapp eine Woche vor Heiligabend ruft Lorenzen bei den Eltern an und lässt sich von ihnen ins Bild setzen. „Mir ist wichtig, dass die negativen Dinge bei der Bescherung nicht zu sehr im Vordergrund stehen. Trotzdem geht’s ans Eingemachte und das ein oder andere muss angesprochen werden“, erklärt der ehemalige Polizist. Am häufigsten seien „Vergehen“ wie Zank mit den Geschwistern oder das unaufgeräumte Kinderzimmer. Die Geschenke werden meist von den Eltern zuvor im Carport oder in der Garage deponiert, Lorenzen holt sie ab und verstaut sie in einem Jute-Sack.

Gedichte aufsagen ist natürlich Pflicht. Klassiker wie „Lieber guter Weihnachtsmann  .  .  .“ oder „Wiehnachtsmann, kiek mi an“ liegen nach wie vor im Trend. Doch was macht der Profi, wenn der Nachwuchs Lunte riecht und ihn enttarnen könnte? „Ich gehe dann gebeugt, drehe mich etwas zur Seite, damit die Kinder mir nicht direkt ins Gesicht sehen können“, erklärt der erfahrene Geschenke-Überbringer. Er habe es schon mit allem Möglichen probiert, um seine Verkleidung zu perfektionieren. Von der Schminke bis zur Maske. „Ich werde mir demnächst weiße Augenbrauen zulegen, mal schauen, wie das wirkt.“ Seine schönste Bescherung war vor einigen Jahren. Da kamen die Rantrumer Kindergartenkinder samt Eltern im Winterwald zusammen und es lag sogar Schnee. „Das war einfach perfekt“, ist Lorenzen überzeugt. Und wenn er mit roter Jacke, weißem Bart und krummem Stock ins Wohnzimmer kommt, erstarren oft auch die Eltern vor Ehrfurcht. Manchmal macht er sich einen Spaß daraus, Müttern, Vätern oder Erzieherinnen tief in die Augen zu blicken und sie mit dunkler Stimme aufzufordern, ein Gedicht abzuverlangen. „Die fangen dann richtig an zu stottern“, sagt er und grinst.

Wenn er heute Abend dann nach getaner Arbeit gegen sieben nach Rantrum – pardon, in das kleine finnische Dorf am Berg Korvatunturi – zurückkehrt, kann er sich nicht etwa zurücklehnen. Im Gegenteil – nun ist die Familie dran und Lorenzen schwingt den Kochlöffel. „Manchmal wird es fast ein bisschen zu viel und Heiligabend bleibt bei uns etwas auf der Strecke. Trotzdem zeigt meine Familie viel Verständnis für meine Leidenschaft. Und mal ganz ehrlich: Es ist toll, die leuchtenden Kinderaugen zu sehen.“ Nur für seine drei mittlerweile erwachsenen Kinder hat er nie den Weihnachtsmann gespielt. „Zu gefährlich“, verrät er.

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erstellt am 23.Dez.2015 | 19:22 Uhr

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