zur Navigation springen
Husumer Nachrichten

18. Oktober 2017 | 10:12 Uhr

Die Westküste holt auf

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Neuer Geschäftsführer des Unternehmensverbandes will die Politik mehr fordern

shz.de von
erstellt am 04.Aug.2014 | 13:13 Uhr

Ken Blöcker (31) ist der Neue an der Spitze des Unternehmensverbandes Unterelbe-Westküste: Er gehört zusammen mit Sebastian Koch zum Geschäftsführer-Duo der Organisation, die die Interessen von rund 400 Firmen mit rund 36 000 Mitarbeitern vertritt. Im Interview definiert Ken Blöcker seine Rolle und die seines Verbandes.

Der gebürtige Schleswiger hat nach seinem Grundwehrdienst in Rendsburg Politologie, Geschichte und Rechtswissenschaften in Marburg studiert. 2009 wurde Blöcker wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Wolfgang Börnsen, anschließend war er vier Jahre lang Büroleiter von Dr. Johann Wadephul sowie Geschäftsführer der CDU Rendsburg-Eckernförde und Neumünster. Der 31-Jährige ist frisch gebackener Vater einer Tochter, seine Frau arbeitet als Lehrerin in Itzehoe. Vor Antritt seines Geschäftsführer-Postens hatte er sich fünf Wochen Zeit für einen Pilgermarsch auf dem Jakobsweg genommen.

Die ersten 100 Tage als Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Unterelbe-Westküste – welche Begegnung, welches Erlebnis hat Sie besonders beeindruckt?

Besonders beeindruckt hat mich die gesellschaftliche Verantwortung, die unsere Unternehmer neben ihrem rein wirtschaftlichen Handeln wahrnehmen. Dieses Engagement hätte ich in diesem Umfang nicht erwartet. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Die meisten stellen – neben den guten Ausbildungsbewerbern – auch bewusst Auszubildende ein, die einen schwierigen Lebenslauf und auch schlechte Noten mitbringen. Jungen Menschen wird eine dritte und vierte Chance gegeben, auch wenn sie die zweite und dritte in der Vergangenheit nicht nutzten. Die Unternehmer berichten mir immer wieder, dass sie dadurch tolle Mitarbeiter gewonnen haben.

Sie sind viel auf Achse. Bleibt bei all den Gesprächen, Terminen und Veranstaltungen noch ausreichend Zeit für Ihre junge Familie?

Wenn man berufstätig ist, ist die Zeit mit der Familie nie ausreichend. Aber ich bemühe mich, Arbeit kaum mit nach Hause zu nehmen – und ab der Türschwelle 100 Prozent Papa und Ehemann zu sein. Außerdem versuche ich, am Wochenende viel nachzuholen.

Ihr Verbandsgebiet reicht von der deutsch-dänischen Grenze bis zum Hamburger Rand. Landauf, landab wird geklagt über die marode Infrastruktur und unzureichende Verkehrsbedingungen. Sind diese der größte Hemmschuh für die wirtschaftliche Entwicklung im Norden?

Ja, und damit meine ich nicht nur den indiskutablen Zustand der B 5 oder den stockenden Bau der A 20 mit westlicher Elbquerung. Ich meine auch die mangelhafte Infrastruktur in punkto flächendeckender Breitbandversorgung. Unsere Unternehmer konkurrieren mit Mitbewerbern deutschland- und weltweit, müssen aber mit enormen Wettbewerbsnachteilen kämpfen. Neben der Infrastruktur setzen aber auch der Fachkräftemangel, die steigenden Energiepreise und der zunehmende Bürokratie-Aufwand den Unternehmen zu.

Trotz vieler Standortnachteile geht es der Wirtschaft relativ gut. Die Auftragsbücher der Betriebe an der Westküste sind sogar besser gefüllt als in anderen Regionen. Wie kommt das?
Unsere jüngste Konjunkturumfrage bei Unternehmern an der Westküste hat in der Tat belegt, dass die Betriebe im Vergleich zur Unterelbe-Region aufgeholt haben. Die Unternehmen in den Kreisen Steinburg und Pinneberg haben schon früher von der guten gesamtwirtschaftlichen Lage profitieren können. Die Westküste holt jetzt ein bisschen auf. Die Unternehmer in Nordfriesland haben gelernt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und nicht auf Unterstützung aus Kiel oder Berlin zu hoffen. Deswegen müssen sie mit innovativen Ideen und Qualität der Konkurrenz voraus sein, und das sind sie trotz all der Hemmnisse in vielen Fällen. Das ist ein täglicher Kampf, der in gesamtwirtschaftlich guten Zeiten einfacher ist als in schlechten.

Der Unternehmensverband Unterelbe-Westküste will politischer werden. Ist das eine Konsequenz aus der Erkenntnis, dass sich sonst nur wenig bewegt im Land?

Es bewegt sich nur dann etwas im Land, wenn die Politik begreift, dass die Unternehmen es sind, die Arbeitsplätze schaffen und sie es sind, die den Grundstein für unseren Wohlstand legen. Nur wenn es den Unternehmen gut geht, geht es schließlich auch unserer Gesellschaft gut. Weil den Unternehmen aber immer wieder neue Steine in den Weg gelegt werden, scheint noch eine Menge Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit gegenüber der Politik nötig zu sein – insbesondere was das Verständnis für die Westküste anbelangt.

Liegt es da nicht auf der Hand, auch Allianzen zu bilden mit dem Handwerk, Tourismus-Organisationen und Kommunen?

Sicherlich. Daher arbeiten wir in unterschiedlichen Gremien ja auch bereits eng zusammen. Wir haben schließlich alle die gleichen Probleme, selbst so unterschiedliche Branchen wie Touristiker und Spediteure, die beide die mangelhafte Infrastruktur als größtes Hemmnis für ihre Entwicklung sehen.

Welche konkreten Impulse oder Signale erhofft sich die Westküsten-Wirtschaft vom Land und vom Bund?

Das Land muss mehr Planer für Infrastrukturprojekte einstellen und zwar zusätzlich zu den bisherigen Planstellen. Nur wenn die Projekte fertig geplant sind, kann Geld aus Berlin empfangen werden. Wenn Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble morgen mit einem großen Geldkoffer vorbeikäme, müsste das Land leider sagen: „Sorry, das müsst ihr jemand anderem geben. Wir haben keine Projekte fertiggeplant.“ Hier muss das Land schnell aufholen. Außerdem erwarten wir, dass der Ministerpräsident und der Wirtschaftsminister sich gegenüber dem grünen Koalitionspartner deutlicher durchsetzen, damit die Planung der A 20 vorangeht und die B 5 endlich ausgebaut wird. Einige bisherige Entscheidungen aus Berlin werden negative Spuren hinterlassen: die Mütterrente, die in keinem finanziellem Verhältnis steht, die Einziehung von Frauenquoten, das Zurückschneiden wichtiger arbeitsmarktpolitischer Instrumente, der Mindestlohn und die Rente mit 63 Jahren. Es ist höchste Zeit, dass das Ruder rumgerissen wird.

Was haben Sie sich für die nächsten 100 Tage vorgenommen?

Zum einen werde ich noch viele weitere Gespräche mit Unternehmern der Region führen. Darauf freue ich mich sehr, da die Vielfalt und Innovation echt beeindruckend und abwechslungsreich ist. Dann werde ich meine Gespräche im Detail auswerten und die Ergebnisse in ein Handlungskonzept einarbeiten, das ich mit wissenschaftlicher Unterstützung in den kommenden zwölf Monaten entwickeln möchte. Ziel muss es sein, die berechtigten Interessen der Westküste mit einer starken Verbands-Stimme zu vertreten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen