Mädchentreff Husum : „Die Teamerinnen sind unser Rückgrat“

Sandra Grams (r.) mit zwei Teamerinnen im Mädchentreff.
Sandra Grams (r.) mit zwei Teamerinnen im Mädchentreff.

Seit etwas mehr als einem Jahr leitet Sandra Grams den Mädchentreff und weiß: Ohne Ehrenamt ging es nicht. Teamerinnen und Besucherinnen mitzunehmen ist das A und O der Arbeit.

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29. Mai 2018, 15:00 Uhr

Was 1990 mit dem Mädchencafé begann, hat sich längst zu einer unverzichtbaren Einrichtung der Kinder- und Jugendarbeit in Husum gemausert. 23 Jahre lang leitete Angela Reinhard den Mädchentreff des Pro-Familia-Landesverbandes Schleswig-Holstein. Dann übernahm sie die Leitung der Pro-Familia-Beratungsstelle. Ihr folgte Sandra Grams, die bis dahin für das Diakonische Werk in der Schulsozialarbeit tätig war und daher auch den Mädchentreff gut kannte. Was seither passiert ist, erzählt die „Neue“ im Interview.

Frau Grams, wie leicht ist Ihnen das erste Jahr als Leiterin des Mädchentreffs gefallen?

Sehr leicht. Die Arbeit ist total spannend, zumal ich die Einrichtung ja schon kannte und dadurch sowohl Themen als auch Netzwerke gut fortführen konnte.

Was, würden Sie sagen, unterscheidet den Mädchentreff heute von dem vor zehn Jahren – oder vielleicht noch spannender: Was unterscheidet heutige Mädchen von denen vor zehn Jahren?

Ganz so lange kenne ich den Treff noch nicht. Ich bin ja erst seit 2010 wieder zurück in Husum. Was man sicher sagen kann ist, dass sich seither – besonders im Verlauf des vergangenen Jahres – die Zahl der Mädchen mit Migrationshintergrund deutlich erhöht hat. Eine Entwicklung, die – allerdings noch sehr viel stärker – im Biss zu beobachten war, da dort eben auch die Jungen auftreten und wir ausschließlich Mädchen bei uns haben.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Nun ja, wir schauen uns die Interessen der Mädchen sehr genau an, und daran orientieren wir dann auch unsere Projekt-Angebote. Ein großer Schwerpunkt unserer Arbeit ist es, die jungen Mädchen und Frauen mit einzubeziehen und mit ihnen zusammen Angebote und Projekte zu planen. Das haben wir verstärkt auch im vergangenen Jahr getan und gute Erfahrungen damit gemacht.

Mit Angela Reinhard stehen Sie nach wie vor in Kontakt?

Auf jeden Fall. Über unseren Träger – Pro Familia – arbeiten wir ohnehin eng zusammen, haben Überschneidungen in der Arbeit und treten oft auch gegenüber Institutionen und bei einigen Veranstaltungen gemeinsam auf. Das war gerade für mein erstes Jahr hier im Mädchentreff sehr hilfreich und ein großes Glück.

Der frühere Leiter des Biss, Bernd Biermann, ist ja nicht zuletzt deshalb gegangen, weil er sich in der Frage des Umgangs mit jugendlichen Migranten von der Stadt allein gelassen fühlte. Wie sieht es damit bei Ihnen aus?

Alleingelassen fühle ich mich nicht, nein. Aber die Voraussetzungen sind auch ganz andere: Für unsere Arbeit hier ist es enorm wichtig, dass die Mädchen herkommen und unsere Unterstützung annehmen, was sie im Übrigen auch tun. Männliche Jugendliche legen da oft ein ganzes anderes Verhalten an den Tag . . .

Das klingt, als stünde bei Ihnen alles zum Besten?

Wir können uns nicht beklagen, aber mehr als die 30 Stunden, die ich habe, sind aus finanziellen Gründen eben auch nicht drin. Der Bedarf wäre da, gewiss. Der Wunsch nach erweiterten Öffnungszeiten wurde von den Mädchen auch geäußert, aber da können wir zur Zeit leider nicht viel ändern. Seit Oktober haben wir eine Kraft aus dem Bundesfreiwilligendienst. Das ist wirklich ein Geschenk und zwar eines, das wir künftig alle Jahre wieder erhalten werden.

Aber ohne Ehrenamt ginge es nicht?

Nein, die Teamerinnen sind unser Rückgrat. Das Prinzip der Teamerinnen, die den Treff stark unterstützen, sich engagieren und selber ausprobieren können, hat sich sehr bewährt. Nach wie vor sind sie wichtige Ansprechpartnerinnen und Vorbilder für unsere Besucherinnen.

Es gibt Menschen, die sagen: Kinder- und Jugendarbeit sei ein schwieriges Geschäft geworden. Sehen Sie das auch so? Und wenn ja, wo liegen die Schwierigkeiten?

Ich persönlich empfinde das nicht so. Allerdings merken wir schon, dass es wichtig ist, die Kids mit ins Boot zu holen. Fragen wie „Was könnt ihr? Worauf habt ihr Lust?“ müssen Teamerinnen und Besucherinnen immer wieder neu gestellt werden. Das ist ein bisweilen mühsamer Prozess, aber es lohnt sich. Außerdem ändern sich Dinge ja täglich.

Wie meinen Sie das?

Na ja, die Mädchen kommen aus der Schule hierher, und dann geht es in die Gruppe. Jede mit dem, was sie bis dahin erlebt hat, die einen neun, die anderen 15 Jahre alt. Da muss man erst mal ankommen und die Ruhe finden, sich austauschen. Mut und Selbstvertrauen können dabei nicht schaden. Nach Bedarf wird dann entweder gesprochen, gebastelt, gekocht, getanzt – oder inhaltlich gearbeitet. Das ist unsere tägliche Herausforderung, eine gemeinsame Betätigung für Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenshintergründen zu finden. Aber wir sehen das eher als Chance.

Wie wird Mädchenarbeit in zehn Jahren aussehen?

Mein Wunsch wäre, dass das, was sich bewährt hat, fortbesteht. Und dass die Netzwerke weiter funktionieren und ausgebaut werden können. Das war ja nicht immer so reibungslos. Die Zusammenarbeit zählt, nicht das Konkurrenzdenken. Das gilt auch für die Kooperation mit den Schulen, die sehr gut läuft. Unsere Aufgabe wird es sein, die Mädchen und ihre Rolle in der Gesellschaft zu stärken, Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Und welche Haken könnte es auf diesem Weg geben?

Mir persönlich machen Menschen Sorgen, die Unterschiedlichkeiten nur schwer oder gar nicht aushalten können. Aber auch die sozialen Medien lassen die Mädchen natürlich nicht unbeeindruckt. Bei all diesen Veränderungen und Fragen können wir nur im besten Wortsinn mit der Zeit gehen, den Wandel aufmerksam und kritisch begleiten und hinterfragen.

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