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Tourismus : „Die Stadt ist in relativ kurzer Zeit abgefrühstückt“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Friedrichstadt muss das eigene Potenzial besser nutzen, sagt Kai Ziesemer – der Experte hat einen Masterplan Tourismus erstellt.

Konkrete Ideen zur Attraktivitätssteigerung der Stadt präsentierte Kai Ziesemer vom Kieler Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) dem Ausschuss für Wirtschaft und Kultur, nachdem er den Ist-Zustand Friedrichstadts analysiert und dazu im März eine Strategie für ein Tourismus-Konzept vorgestellt hatte. Eine davon betrifft das Treenebad. Bei den Einheimischen erfreuen sich die Grünflächen und der kleine Sandstrand in unmittelbarer Nähe zur historischen Altstadt großer Beliebtheit, Urlaubern hingegen ist das Bad oft kaum bekannt, denn es wird nicht viel Wirbel um dieses kleine Paradies gemacht. „Das müssen wir ändern. Das Treenebad sollte zu einem Treffpunkt für Jung und Alt werden“, so Ziesemers Vision im Masterplan Tourismus.

In seiner Präsentation wiederholte er die Schwerpunkte der bisher verfolgten Strategie und empfahl einige kleine Kurskorrekturen. Vor allem, so sein Rat, sollte man sich auf wenige, leicht umsetzbare Projekte konzentrieren. Diese müssten marktgerecht sein und eine gewisse Umsatz-Relevanz haben. Die Lösung aller Probleme sei aber nicht der Bau von Hotels. „Die Stadt selbst muss vor Ort Attraktionen und Events für mehrtägige Aufenthalte bieten, sonst bleibt der Andrang aus. Derzeit ist Friedrichstadt in relativ kurzer Zeit abgefrühstückt“, so sein hartes Urteil. Statt nach Hotelneubauten zu schielen, sollten Konzepte zur Stärkung des Privatvermieter-Segments entwickelt werden, „denn nach Berechnungen der Tourist-Info brechen hier aufgrund des demografischen Wandels in den nächsten fünf Jahren 50 Prozent aller Vermieter von Ferienwohnungen weg“, mahnte Ziesemer. Er verwies auf Pellworm, wo in einem ökologischen Bauprojekt ein kleines Feriendorf geschaffen werden soll.

Bei der Schaffung neuer Treffpunkte hat der Berater vor allem zwei Flächen im Auge: Auf dem Gelände der ehemaligen Gasanstalt schwebt ihm ein Garten der Begegnung vor, mit Obstwiese und Fitnessspielplatz für Groß und Klein. Denkbar seien dort Grill- und Picknickstationen auf einer Spiel- und Liegewiese, Bodenschach und Boule. Dieser „Aktivpark Treene“ sei für rund 97.000 Euro zu haben, so Ziesemer, der mit so einem Projekt auch die immer wieder gewünschte „Aufladung des holländischen Lebensgefühl“ erfüllt sehen würde.

Auf dem Gelände des Treenebades sieht er noch mehr Potenziale: „Es ist von jedem Platz in der Stadt zu Fuß in 14 Minuten zu erreichen“, beschrieb er den Standortvorteil. Das „Friedrich’s Bad“ sollte weiterhin als Naturbad betrieben werden und um ein Freizeitgelände erweitert werden. Eine pfiffige Idee wäre eine Stegsauna am Treeneufer oder eine solargespeiste Wärmehalle durch Überdachung einzelner Bereiche, um – mit Blick auf die unstete Witterung – verstärkt Familien anzulocken und zugleich die Badesaison zu verlängern. Mit Errichtung einer Eventfläche könnten dort zudem unterschiedliche Veranstaltungen stattfinden: Beachsoccer- und Beachvolleyball-Turniere, Arschbombenwettbewerbe und andere verrückte Ideen. Dazu empfahl er eine gute Vernetzung mit Jugendherberge und Campingplatz sowie die Bereitstellung von Strandkörben, Liegestühlen und Trampolinen.

Auch den Eventkalender der Stadt hat Kai Ziesemer gemeinsam mit dem Team der Tourist-Info unter die Lupe genommen und darin Lücken entdeckt, zu denen bereits passende Ideen in der Schublade liegen. So könnten die Touristenströme zur Biike genutzt werden, um im Februar oder März ein Winterfest zu feiern. „Ein Brücken- oder Lichterfest könnte pro Tag bis zu 2000 zusätzliche Besucher in die Stadt spülen“, so der Berater, der auch die früher so beliebte Stadtfeldparty wieder aufleben lassen möchte: Im Frühjahr schwebt ihm ein holländischer Vrijmarkt vor – ein freier Markt, auf dem jeder seine Waren anbieten kann. „1000 Besucher pro Tag wären auch da denkbar.“ Für den Badestrand im Treenebad wünscht er sich in der Saison Beachpartys mit Musik und Grillen in entspannter Atmosphäre. Ähnlich groß wie die Friedrichstädter Festtage könnte zudem ein Grachtenfest aufgezogen werden, das im September an die 40.000 Besucher anziehen würde. „Soweit ich weiß, gibt es nur im belgischen Brügge alle drei Jahre ein Grachtenfest. Damit würden Sie sich hier etwas ganz Außergewöhnliches schaffen“, so sein Plädoyer. Im Ergebnis sollten damit pro Jahr 46.000 Besucher zusätzlich nach Friedrichstadt kommen. „Damit generieren Sie einen Nachfragezuwachs von zehn Prozent, einen Bruttoumsatz von 1,1 Millionen Euro und eine halbe Million Euro Wertschöpfung und somit Einkommen, von dem alle profitieren können.“ Seiner Meinung nach sollte sich Friedrichstadt vom Gedanken des Städtetourismus verabschieden und sich mehr als Nordsee-Destination verstehen.

Sichtlich geplättet von der Vielzahl an Ideen und Anregungen und mit Blick darauf, dass all diese Projekte auch den Einwohnern der Stadt etwas bringen sollten, befanden die Ausschussmitglieder am Ende, dass dies ein guter Weg sein könnte. „Das klingt realistisch und passt zu uns“, so die Empfehlung an die Stadtvertretung.

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