Fahrbücherei Nordfriesland : Die rollende Lektüre vor der Haustür

Für Lesehungrige im Einsatz: Büroleiterin Maren Andresen, Bibliothekar Claus Kreiser und Busfahrer Frank Peters (von links).
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Für Lesehungrige im Einsatz: (von links) Büroleiterin Maren Andresen, Bibliothekar Claus Kreiser und Busfahrer Frank Peters.

Seit 1965 versorgt die Leihbücherei die Gemeinden mit Lesestoff. Das soll am Mittwoch, 17. Juni, gefeiert werden. Trotz sinkender Nutzerzahlen ist der Bücherbus auf dem Dorf nicht mehr wegzudenken.

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17. Juni 2015, 14:00 Uhr

9.45 Uhr. Laut hupend hält der hellblaue Bücherbus vor der Haselunder Grundschule. Rund ein Dutzend Kinder steht schon Schlange. Sie können es kaum abwarten, bis sich die Bustür endlich öffnet – und verzichten sogar auf ihre erste große Pause, um sich mit neuem Lesestoff zu versorgen. Vom Kinderbuch über Zeichentrickfilme bis hin zu Konsolenspielen – die Auswahl ist groß.

Seit 1965 bringt die Fahrbücherei Nordfriesland Lektüre jeglicher Art direkt in die Dörfer, fast bis zur Haustür. Der Grund war damals jedoch alles andere als feierlich: 42 Dorfbüchereien mussten geschlossen werden. Die Einführung des Bücherbusses – damals noch grau-rot lackiert – galt als Revolution.

Der Tag von Bibliothekar Claus Kreiser (59) und seinem Kollegen Frank Peters (53) ist lang. Punkt 9.30 Uhr geht es mit dem Setra S 315 UL „on the road“. Erst gegen 18.30 Uhr rollen die beiden wieder auf den Hof der Zentrale im Husumer Gewerbegebiet. Mit ihrer fahrenden Bibliothek sind sie in ganz Nordfriesland unterwegs – von Rodenäs bis Eiderstedt. Bei Wind und Wetter. „Nur bei Orkan Christian mussten wir eine Ausnahme machen und umkehren. Da flog uns in Langenhorn die Dachluke weg“, erzählt Kreiser. Der Kilometerstand des 17 Jahre alten Bücherbusses ist nicht mehr weit von der 300  000-er-Marke entfernt. Mehr als 2000 aktive Leser betreut die Fahrbücherei. 16 verschiedenen Touren werden monatlich gefahren – damit möglichst alle Dorfgemeinden zum Zuge kommen. Bis zum Jahr 2005 haben sich noch zwei Bücherbusse das riesige Gebiet geteilt – bis der Stützpunkt Niebüll eingespart wurde. So sind die Strecken länger geworden, der Rhythmus erhöhte sich von drei auf vier Wochen.

Etwa hundert Leser werden täglich versorgt – mit Magazinen, DVDs, Romanen oder Hörbüchern. 60 Prozent machen Kinder und Jugendliche aus, 40 Prozent sind Erwachsene. „Besonders ältere Leute, die nicht mehr so mobil sind, sind froh, dass es uns gibt“, erklärt Kreiser, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Seit 28 Jahren ist der Handewitter schon dabei. „Es war immer mein Traum, in einer Fahrbücherei zu arbeiten“, erinnert er sich. Schon als Kind habe er immer sehnsüchtig auf den Bücherbus gewartet.

Lächelnd nimmt Frank Peters von den Kindern die Bücher entgegen, die sie zurückbringen oder ausleihen wollen. Die Augen der jungen Kunden strahlen, wenn er ihre Bestellungen hinterm Schreibtisch hervorzieht. Fast alle Schüler, die gerade zwischen den Regalen nach Nachschub Ausschau halten, sind Mädchen. Das ist keine Überraschung, denn die meisten Nutzer des Bücherbusses sind weiblich. Bis zum 18. Lebensjahr ist die Entleihung kostenfrei. Für Erwachsene liegt die Gebühr – je nach Beteiligung der Gemeinde, in der sie wohnen – bei 25 bis 40 Euro im Jahr. Ein Fundus von insgesamt 25  000 Medien steht den Lesern zur Verfügung. Besonders eng arbeitet der Bücherbus mit Schulen und Kindergärten zusammen. Nachmittags kommen dann auch andere Lesehungrige – vor allem junge Mütter mit ihrem Nachwuchs oder Rentner. Seit zwei Jahren gibt es zusätzlich das Angebot der Onleihe. Auf diesem Wege können E-Books, E-Paper und E-Audios genutzt werden.

Trotzdem gehen die Leserzahlen immer weiter zurück. Während 2007 noch etwas mehr als 113  000 Ausleihen verzeichnet wurden, waren es 2014 nur noch 90  000. Sorgen um die Zukunft macht sich Kreiser trotzdem nicht. „Wir sind noch nicht überfällig – im Gegenteil: Wir sind unverzichtbar“, ist der Bibliothekar überzeugt. „Dass wir vor Ort sind, ist nicht nur ein besonderer Leserservice. Für die Gemeinden, in denen immer mehr kulturelle Einrichtungen wegbrechen, sind wir nach wie vor eine Attraktion, die sie nicht missen wollen.“

10.25 Uhr. Es wird Zeit, die beiden Männer müssen weiter. Nächste Station ist Löwenstedt – wo eine Horde Kindergartenkinder darauf wartet, mit Lesestoff gefüttert zu werden.

Weitere Informationen und den kompletten Fahrplan gibt es im Internet unter www.fahrbuecherei5.de.

Zum 50. Geburtstag der Fahrbücherei Nordfriesland findet heute eine Jubiläums-Veranstaltung in der Langenhorner Friedrich-Paulsen-Schule, An de School 1, statt. Beginn ist um 14.30 Uhr. Erwartet werden der Spielmannszug Langenhorn, die Marimba-Band Adrebo, Matthias Meyer-Goellner mit seinem Kinder-Mitmach-Programm und die Trachtengruppe Langenhorn.

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