Selbstmord nach Burnout : Die quälende Frage nach dem Warum

Fast jeden Tag kommt  die Witwe  auf dem Weg nach Bredstedt am Funkturm vorbei. 'Ich muss mich damit auseinandersetzen', sagt sie.   Irgendwann  will sie auch einmal auf die Plattform hinaufsteigen. 'Aber das kann ich jetzt noch nicht.'  Foto: fu Foto:
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Fast jeden Tag kommt die Witwe auf dem Weg nach Bredstedt am Funkturm vorbei. "Ich muss mich damit auseinandersetzen", sagt sie. Irgendwann will sie auch einmal auf die Plattform hinaufsteigen. "Aber das kann ich jetzt noch nicht." Foto: fu Foto:

Ein junger Familienvater stürzt sich vom Funkturm in den Tod - und lässt seine Frau und drei Kinder mit der Trauer zurück. Und mit der großen Frage nach dem Warum.

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26. November 2012, 11:21 Uhr

Langenhorn | "Es war der Gipfel dessen, was wir uns erträumt haben." Bianca Albertsens Augen füllen sich mit Tränen. Zwölf Jahre war sie mit ihrem Ralf zusammen gewesen. Sie bekamen zwei Kinder, heirateten vor zwei Jahren, pflanzten den Baum ein, den ihnen die Nachbarn zur Vermählung geschenkt hatten. Nun fehlte nur noch das Eigenheim zum Glück.
Auch das gehen die beiden beherzt an. In der Parallelstraße zum gemieteten Haus im Baron-Gelting-Weg in Langenhorn entsteht ihr Traumhaus aus Holz. Der Rohbau ist gerade aufgestellt, da stürzt sich Ralf Albertsen (41) in den Tod. Statt zur Firma fährt der Zimmermann frühmorgens auf den Stollberg, steigt die Stufen zur Aussichtsplattform des Sendeturms hinauf, stellt seine Schuhe fein säuberlich nebeneinander ab - und springt in die Tiefe.

"Am liebsten wäre ich hinterhergesprungen"

"Warum?" Dieses Wort steht schlicht über der Traueranzeige, die seine junge Witwe aufgibt. Ohne Abschiedsbrief, ohne einen erkennbaren Grund war er aus dem Leben geschieden. Warum? Diese Frage quält sie jeden Tag. Nimmt ihr nachts den Schlaf. Dieser schreckliche Montag, an dem ihr die Pastorin und zwei Polizisten die Todesnachricht überbringen, liegt nun 14 Wochen zurück. Geschüttelt von tiefster Verzweiflung übersteht sie die ersten Tage. "Am liebsten wäre ich hinterhergesprungen." Aber plötzlich ist Hilfe da. Freunde, Verwandte, Arbeitskollegen des Toten lassen sie nicht allein. Stehen mit ihr die furchtbarsten Wochen ihres Lebens durch. Der Hospizdienst Husum nimmt sich ihrer und der Kinder an. Trauerbegleitung. Ein Wort, das sie erst begreift, als sie mitten drin steckt im schwarzen Tunnel, keinen Hoffnungsschimmer sieht. Da ist jemand an ihrer Seite, hört zu, tröstet, nimmt sie in die Arme. Reicht ihr die Hand und wagt mit ihr die nächsten Schritte. Und die muss Bianca Albertsen tun, denn das Leben geht weiter. Da sind ihre Kinder Lina (9) und Jonas (10) und der 17-jährige Lukas aus einer vorherigen Beziehung. Und da ist das halb fertige Haus . . . Im Kopf der 39-Jährigen geht vieles durcheinander. Wie soll sie das alles bewältigen? Ohne ihren Ralf?
Die Langenhornerin legt Fotos auf den Tisch. Ein Sargdeckel ist darauf zu sehen. Bemalt mit hübschen Blumen und mit einem Fußball beklebt. Die Kinder haben in bunten Lettern ihre Namen an die Seiten geschrieben, als letzten Gruß an ihren Papa. Wieder stürzen Bianca Albertsen Tränen aus den Augen. "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, meinen Kindern den Verstorbenen zu zeigen", schluchzt sie. "Aber es war gut." Die Trauerbegleiterin hatte behutsam vorgeschlagen, dass die Kinder vorab den mit Kerzen und Blumen geschmückten Raum besuchen sollten, in dem die Trauerfeier stattfinden würde, und den Sargdeckel schmücken. Wenn es dann ihr Wunsch sei, könnten sie vom Vater Abschied nehmen. "So haben sie wirklich begriffen, dass der Papa tot ist", sagt Bianca Albertsen.
Und wieder springen ihre Gedanken zurück zu diesem Wochenende im August. Am Freitag noch hatte Ralf Albertsen mit seinen Arbeitskollegen das Holzhaus gerichtet. Am Sonnabend feierten alle im Baugebiet ein Kennenlern-Fest. Jedes Haus trug etwas zur Gestaltung der Fete bei. Die Männer spielten Fußball und hatten Spaß beim Gummistiefel-Weitwurf. Ralf Albertsen fröhlich mitten unter ihnen. Spätabends stiegen Raketen in den Nachthimmel, für die Anwohner ein Symbol für einen guten Neuanfang, eine verheißungsvolle Zukunft. Am Sonntag hatten die Albertsens noch Besuch. Wie immer geleitet der Hausherr die Gäste hinaus und verabschiedet sich von einem Arbeitskollegen mit: "Bis morgen dann, um 6 Uhr auf dem Platz." Bayern-München spielt an dem Abend gegen Dortmund. Der Fußball-Fan will sich das Spiel nicht entgehen lassen. Seine Frau guckt nebenan lieber den Tatort. Als sie nach ihm sieht, ist er eingeschlafen, hat das letzte Tor verpasst. "Wir haben dann noch über das Ergebnis gesprochen, und uns gute Nacht gesagt." Das waren die letzten Minuten, die sie mit ihm hat.

Diagnose: Burnout

Am nächsten Morgen ist er wie immer zehn Minuten nach fünf Uhr allein aufgestanden, hat sich seinen Tee gekocht und Brote geschmiert. Bianca Albertsen: "Er brauchte morgens seine Ruhe und den gewohnten Ablauf." Sie beschreibt ihn als äußerst pflichtbewusst und mit großem Verantwortungsgefühl. "Er hat sich über alles viele Gedanken gemacht, über die Arbeit und das Leben. Er hat sich selbst häufig unter Druck gesetzt und konnte schwer abschalten." Und: "Er wollte, dass es allen gut geht." Als seine Mutter an Krebs erkrankt und noch anderthalb Jahre bis zu ihrem Tod Zuhause gepflegt wird, unterstützt er den Vater. Weitere Sterbefälle in der Familie müssen verkraftet werden. 2008 kommt Ralf Albertsen in die Klinik in Breklum. Diagnose: Burnout. "Aber dass er suizidgefährdet sein könnte, das hätte ich nie gedacht", sagt seine Witwe. "Nach außen war er ein völlig gesunder Mensch." Und wieder droht der Gedanken-Strudel, sie in ein schwarzes Loch zu reißen. "Bei uns hatte sich alles beruhigt", flüstert sie. "Jetzt sollte endlich alles besser werden." Fast am Ziel aller Wünsche - dann das Unfassbare.
Zum hundertausendsten Mal läuft der Film bei Bianca Albertsen ab. Montag, 13. August. Eine Woche nach dem zweiten Hochzeitstag. Um 7.20 Uhr klingelt es an der Tür. "Sind Sie Frau Albertsen?" Das, was die Pastorin und die beiden Polizeibamten ihr zu sagen haben, rutscht zunächst an ihr ab wie Regentropfen an einem Gummimantel. Neinnein, das kann nicht sein, wehrt sie ab: "Schauen Sie mal, der Wasserkocher ist noch warm, und hier, die benutzte Kaffeetasse. Das kann nicht mein Mann sein . . . "

Freunde helfen

Aber sie muss den Tatsachen ins Auge sehen. Jeden Tag aufs Neue. Es kostet sie unendlich viel Kraft. "Ich kann es immer noch nicht fassen", schüttelt sie traurig den Kopf. "Aber viele helfen uns, weiterzuleben." Sie ist dankbar für jede Geste und für jede Unterstützung. Was sie berichtet, zeigt, dass es doch noch Zusammenhalt und uneigennützigen Einsatz gibt. Ohne groß zu reden hat ein Freund die Bauleitung übernommen, ein Netzwerk geknüpft und so dafür gesorgt, dass das Haus fertiggestellt wird. Freunde der Familie und Kollegen des Verstorbenen stehen in ihrer Freizeit auf dem Bau zum Arbeiten.
Ein Baustoffhändler motivierte seine Geschäftspartner, diverse Spenden locker zu machen. So stiftete der eine die Dachpfannen, ein anderer die Dachfenster, der nächste die Fußbodenbeläge und wieder ein anderer den Schornstein samt Bausatz. Ein Steinmetz kam der Witwe mit den Kosten für den Grabstein entgegen.
"Ohne meine Freunde würde ich das nicht schaffen", sagt Bianca Albertsen. Die große Offenheit, mit der sie über den Schicksalsschlag spricht, ist für sie nicht nur ein Stück Trauerbewältigung. "Dies soll ein großes Dankeschön sein an alle, die uns unterstützen und die immer wieder an uns denken und uns die Hand reichen."

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