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Café Nissenshörn in Langenhorn : Die letzte Runde ist eingeläutet

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Seit 1890 gibt es das Nissenshörn an der Landesstraße 191 zwischen Bredstedt und den Fähranlegern in Schlüttsiel und Dagebüll. Jetzt wollen die Betreiber Christa und Broder Ketelsen das Gebäude verkaufen.

shz.de von
erstellt am 11.Aug.2015 | 13:00 Uhr

Es gab Zeiten, da gab es ihn in nahezu jedem Dorf: den Landgasthof. Dort trafen sich die Menschen zum Klönen, die Vereine versammelten ihre Mitglieder, kurzum: Der Krug war Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Inzwischen macht der Begriff Gasthöfe-Sterben die Runde. Viele Kröger finden keine Nachfolger oder werfen das Handtuch, weil die Gäste ausbleiben. Andere überleben trotz des demografischen Wandels und geänderten Freizeitverhaltens. Wie ihnen das gelingt, ist ebenso Thema unserer neuen Landgasthof-Serie wie die Facetten des Niedergangs.

Kerrin Carstensen kann sich noch gut an die Sonntage in den 70er Jahren im Nissenshörn erinnern. Kurz nachdem die Haustür aufgeschlossen war, saßen auch schon die ersten Gäste in der Wirtschaft. Und einige Runden Bier und Korn später klingelte dann gegen die Mittagszeit zum ersten Mal das Telefon. „Dann haben langsam die Ehefrauen angerufen und nachgefragt, wo ihre Männer bleiben“, erinnert sie sich lachend.

Heute verstehen die meisten wohl nicht nur unter dem Wort Frühschoppen etwas anderes, auch die Zeiten im Nissenshörn haben sich geändert. Aus der ehemaligen Schankwirtschaft ist 2001 ein reines Café geworden, geöffnet ist von 12 bis 17 Uhr. „Das aber fast das gesamte Jahr. Nur Heiligabend ist geschlossen“, sagt die Inhaberin Christa Ketelsen. „Und am Tag davor eigentlich auch, da hat unsere Enkelin Geburtstag.“

Christa und ihr Mann Broder Ketelsen bewirtschaften das Nissenshörn mit Unterbrechung seit 1975. Mittlerweile sind die beiden 62 und 67 Jahre alt und wollen das Gebäude an der Landesstraße 191 zwischen Bredstedt und den Fähranlegern in Schlüttsiel und Dagebüll gern verkaufen. Gespräche mit einem ersten potenziellen Käufer gab es schon – ob das Haus aber weiterhin für Gastronomie genutzt wird, wissen sie nicht.

Kerrin Carstensen, die Tochter der Ketelsens, hat ihr Leben lang im Betrieb mit ausgeholfen. „Mit acht habe ich angefangen, Eis zu verkaufen, seitdem ich zehn war, habe ich gekellnert.“ Doch eine Übernahme des Familienbetriebs kann sich die 42-Jährige heute nicht mehr vorstellen. „Es weiterhin nur als Café zu betreiben, würde sich für uns drei zusammen wirtschaftlich nicht lohnen“, sagt sie. Und wenn man wieder ein Restaurant daraus machen wolle, müsse man heute sehr speziell sein – aus der Masse herausstechen. „Die Ansprüche haben sich einfach geändert.“

Zwar habe sie schon darüber nachgedacht, die Wirtschaft weiterzuführen, hatte Ideen und hat Möglichkeiten durchgerechnet – „aber das war mir dann doch zu waghalsig, das auszuprobieren. Man hat kaum Vorteile, dafür aber viele Nachteile“, sagt Kerrin Carstensen, die auch Vorsitzende des Fördervereins Nordfriesische Lammtage ist. Auch für ihren Bruder Bert Ketelsen, einem Diplom-Agraringenieur, der heute in Angeln lebt, sei dies nie eine Option gewesen. „Bei ihm hat es sich schon als Kind abgezeichnet, dass er dazu keine Lust hat“, sagt sie und lacht.

Bereits seit 125 Jahren wird das Nissenshörn bewirtschaftet. Woher genau der Name stammt, weiß Christa Ketelsen nicht. Laut der Langenhorner Dorfchronik wurde das ehemalige „Nebengebäude der Tadenswarft in Ockholm“ bereits im Jahr 1649 als „Nißens horn“ benannt, im Ockholmer Brandkataster von 1815 dann als „Nissenshörn“. 1890 wurde die Gastwirtschaft von Volquard und Grete Volquardsen erbaut und mit Koogsaufsicht und Viehwaage betrieben. Als die L 191 um 1960 ausgebaut wurde, musste das Gebäude abgerissen werden. Der heutige Bau steht nur wenige Meter vom ursprünglichen Gebäude entfernt. Von 1968 bis 1975 bewirtschafteten Volquard und Jenny Volquardsen das Lokal, anschließend kauften es die Ketelsens.

Von 1989 bis 2000 war es schon einmal geschlossen – da die Familie damals auch die Gastwirtschaft auf der Hamburger Hallig betrieb. „Zeitweise haben wir beides parallel bewirtschaftet, für sieben Jahre allerdings nur das Lokal auf der Hallig“, sagt Christa Ketelsen. Dort haben sie auch mit dem beliebten Lammgrillen begonnen – das sie auch noch heute zu einzelnen Terminen im Nissenshörn anbieten. 2000 mussten sie aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten und gingen komplett zurück nach Nissenshörn.

Findet sich bald ein Käufer, wollen sie ganz aufhören. Ob ihnen der absehbare Abschied schwer fällt? „Wir würden mit einem lachenden und einem weinenden Auge gehen“, sagt Christa Ketelsen. „Nach 40 Jahren wäre aber auch eine gewisse Erleichterung dabei.“

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