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Mehr Nahrung und wenig Feinde : Die Landflucht der Vögel

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Saatkrähe und Dohle fühlen sich sicherer in der Stadt, wo sie – wie in Husums Schlossgarten – auch mehr Nahrung finden.

Sie flüchten vom Land in die Stadt: Statt Feld und Flur bevorzugen immer mehr Vögel den für sie attraktiveren Lebensort Stadt. In Husum ist insbesondere der Schlossgarten für die geschützten Saatkrähen (seit Jahren etwa 300 Paare) und Dohlen (etwa 50 Paare) ein Zuhause geworden. Thomas Leißner, Teamleiter beim Kommunalen Servicebetrieb Husum, weiß: „Viele Bürger nerven die Vögel im Park. Es ist nicht das Krächzen, aber es sind die Verunreinigungen. Wir haben deshalb schon Bänke umgestellt. Und wer einmal einen Klecks von oben abbekommen hat, ist auch eher verärgert.“

Doch im Schlossgarten finden die Vögel einen dichteren Baumbestand als „in unseren ausgeräumten Landschaften“ und haben dort weniger Feinde, nennt Rüdiger Albrecht Gründe für die Landflucht der Gefiederten. Der Diplombiologe ist beim Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) zuständig für artenschutzrechtliche Fragen – und die Saatkrähe zurzeit in ganz Schleswig-Holstein ein Thema.

Auf eine weitere Ursache verweist Dr. Hermann Hötker vom Michael Otto-Institut des Naturschutzbundes in Bergenhusen. Er hat sich vor einigen Jahren im Rahmen einer Studie mit den indirekten Auswirkungen von Pestiziden – darunter fallen auch Insektizide – auf Vögel beschäftigt. Durch verbesserte Zulassungsbedingungen gebe es keine direkte toxische Wirkung, doch es würden Insekten verschwinden – und damit eine Nahrungsgrundlage der Vögel. Hötker: „Der Idealfall wäre ein Mittel, dass nur die Schadstoffinsekten vernichtet. Doch so eines gibt es nicht.“ Zudem seien die Felder in der modernen Landwirtschaft dicht an dicht bewachsen: also kein Platz mehr für Nistplätze. „In den Städten ist es abwechslungsreicher für Vögel. Dort gibt es Gärten mit Bäumen und Rasen, Obst und Abfälle“, erklärt der Ornithologe weiter. In einem waldarmen Land wie Schleswig-Holstein sei diese Entwicklung natürlich stärker als in Gebieten mit viel mehr Wald.

Alle drei Jahre werden im Auftrag des LLUR die Vögel in dem Husumer Park gezählt. „Saatkrähen und Dohlen bilden Kolonien“, erklärt Rüdiger Albrecht. Elstern, für die es eine ganzjährige Schonzeit gibt, seien etwa mit ein bis zwei Paaren im Schlossgarten zu entdecken – der Fachmann vermutet diesen Vogel, der wie Saatkrähe und Dohle zur Familie der Rabenvögel gehört, eher in Gärten. Komplett machen das in die nordfriesische Kreisstadt geflüchtete Federvieh Kolkrabe und Eichelhäher – „die haben Sie auch in Husum“.

Die Rabenvögel im Schlossgarten fressen neben Insekten auch Würmer und Getreide – und sind deshalb zwecks Nahrungsaufnahme auf dem Boden unterwegs. Aber auch aus Abfallkörben bedienen sie sich. Vögel, zum Beispiel mit Brot zu füttern, kritisiert Rüdiger Albrecht nicht. Gerade im Winter sei es gut.

Er warnt jedoch vor dem zu viel des Guten – konkret davor, in Plastiktütendimensionen solches „Cerealien-Vogelfutter“ zu verteilen. Denn werde es ins Gewässer geschüttet, vergammele es dort und mindere die Wasserqualität. An solchen reichhaltigen Futterplätzen liege zudem zu viel Kot, was die Gefahr von Krankheiten birge. „Bei Möwen kann es zu Attacken kommen, wenn sie an solches Futter gewöhnt sind, da sie sich dann auch an Menschen mit einem Brötchen in der Hand herantrauen“, erklärt Rüdiger Albrecht. Es gebe auch vermeintliche Angriffe von Saatkrähen und Dohlen. Dazu hat der Biologe drei Erklärungen: „Das Problem ist, wenn Privatleute aus dem Nest gefallene Vögel per Hand aufziehen, weil sie sie retten möchten – das kommt regelmäßig vor – und die Rabenvögel wieder in die Freiheit entlassen. Dann haben die Tiere keine Scheu und setzen sich auch bei anderen Menschen auf die Schulter und zupfen womöglich am Ohrläppchen. Die zahme Dohle eines Kollegen ist einmal einer Wandergruppe hinterhergeflogen und später sogar in ein Haus hinein.  Außerdem ist es möglich, dass die Vögel durch Attacken ein Junges verteidigen, das heruntergefallen, aber für Spaziergänger nicht sichtbar ist. Und wenn sich eine Krähe in einer Scheibe spiegelt, hält sie dieses Bild für einen anderen Vogel.“

Für die Bäume, die entlang der Parkstraße und damit auch nahe der Husumer Klinik stehen sowie für die Reihe bei der Bürgerschule hat Rüdiger Albrecht die Erlaubnis erteilt, dass die Vögel vergrämt werden dürfen: „Aber nur vor der Brutzeit.“ Und die beginnt für Saatkrähen und Dohlen etwa Anfang April und endet im Juni, sodass vom 15. Februar bis 31. März die Aktion „Vogelschreck“ laufen dürfte. So heißt die Munition für die Schreckschusspistole, die dann zum Einsatz kommt und für einen doppelten Knall sorgt – der entscheidende ist der in luftiger Höhe. Diese Aufgabe hatten Mitarbeiter der Stadt und einige Jäger übernommen. Da die Rabenvögel aber äußerst intelligent sind, kann nicht von Erfolg gesprochen werden. Die Vögel erkannten eines Tages sogar den zweibeinigen „Vogelschreck“: Sie flogen weg, noch bevor dieser überhaupt „geschossen“ hatte – und das auch nur ein paar Straßen weiter.  .  .

Ein stimmbegabter Vogel

Das Markenzeichen der Saatkrähe ist ein heller Schnabelansatz. Sie ist ein stimmbegabtes Tier, das nach einer biologischen Einordnung (Beschaffenheit der Stimmröhre) zu den Singvögeln gehört. Saatkrähen legen in der Regel vier Eier, die das Weibchen in 18 Tagen ausbrütet und in dieser Zeit vom Männchen versorgt wird. Nach vier Wochen sind die Jungen flügge. In Schleswig-Holstein gibt es zurzeit einen Bestand von 26  000 Saatkrähen- und 8200 Dohlen-Paaren.

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erstellt am 04.Jun.2016 | 15:00 Uhr

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