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You’ll never walk alone : Die kuriose Geschichte einer Fußball-Hymne

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ursprünglich stammt das weltweit bekannte Fan-Lied „You’ll never walk alone“ aus einem Theaterstück: Der auf Eiderstedt lebende Produzent André Schäfer ist der Sache in seinem neuen Film auf den Grund gegangen.

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erstellt am 22.Apr.2017 | 19:00 Uhr

Husum | Es ist die Fußball-Hymne schlechthin. Dabei hat „You’ll never walk alone“ mit Fußball eigentlich gar nichts zu tun. Vielmehr geht es um ein schweres Unwetter, in dem man am liebsten den Kopf in den Sand stecken möchte. Tatsächlich liegen die Wurzeln der Stadion-Hymne im Budapest des frühen 20. Jahrhunderts – sie ist Teil eines Theaterstückes von Ferenc Molnár mit dem Titel „Liliom“. Das hatte 1909 Premiere – im selben Jahr, als der Fußball-Club Borussia Dortmund gegründet wurde. Aber auch das ist nur ein Zufall – wie so vieles andere, was sich um die Geschichte von „You’ll never walk alone“ rankt. Mit dem Schauspieler Joachim Król als Moderator haben sich sich Buchautor Hartmut Kasper und Regisseur André Schäfer auf eine Spurensuche rund um den Globus begeben. Ab 18. Mai kommt ihr Film in die Kinos. Am Sonntag, 21. Mai, gibt es im Husumer Kino-Center eine Premierenvorstellung, zu der auch ein Teil der Crew anreisen wird. Die genaue Uhrzeit wird noch bekanntgegeben.

Außergewöhnliche Biografien, Geschichte, kanadische Nationalparks, Fußball – Ihre Themen sind vielfältig. Ist das Auftrags-bedingt oder Interessen-gesteuert?

André Schäfer: Auftrag nie, Interesse immer. Das war bei diesem Film nicht anders. Ich war gerade für eine andere Dokumentation in Frankreich, als mich der Autor von „You’ll never walk alone“ anrief. Er berichtete, was er über das Lied herausgefunden hatte und dass es eigentlich aus einem Musical stammt. Das hörte sich super an. Und Joachim Król, der hinter mir saß und eine Dauerkarte für den BVB hat, rief: „Wenn Du das machen solltest, André, dann will ich dabei sein.“ Solche persönlichen Anknüpfungspunkte sind mir wichtig. Aber natürlich kennen wir auch die Sendeplätze im Fernsehen – und manchmal geht das ganz gut überein.

Wissen die meisten Menschen im Stadion eigentlich, was sie singen, wenn sie die Fußball-Hymne schlechthin anstimmen?

Also in Dortmund glaube ich das nicht. Zum Hit wurde der Song ja in England durch Gerry and the Pacemakers. Und dort hatte man natürlich den Vorteil, ihn nicht übersetzen zu müssen. Als wir uns in Tetenbüllspieker trafen, um den Film zu schneiden, haben wir uns auch altes Schwarz-Weiß-Material von den Beatles angeschaut. Für den Film unbezahlbar, aber das zu sehen und zu hören war der Wahnsinn. In Liverpool singen sie das Original, in Dortmund die Version aus den 1990er-Jahren. Als es dort vor dem Spiel gegen den AS Monaco zum Anschlag kam, haben die Liverpooler sofort gepostet. Was? Natürlich: „You’ll never walk alone.“ In Liverpool wird das Spiel übrigens erst angepfiffen, wenn die Fans mit dem Lied fertig sind. Das macht mit Sicherheit auch etwas mit den Spielern.

Sind Sie selbst Fußballfan?

Na ja, ich komme aus Köln. Da leidet man natürlich intensiv mit. Aber meine Sympathie gilt dem BVB. Das Stadion ist toll. Und wann immer ich da war, haben sie gewonnen. Beim Nachholspiel gegen Monaco war ich nicht dort (2:3; Anm. d. Red.). In Köln war es dagegen immer eiskalt, und die Partien endeten meist 0:0.

Es ist schon Ihre zweite Produktion mit Joachim Król. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

In Köln gibt es ein gutes französisches Restaurant mit Weinhandlung. Das macht alle paar Monate eine Weinprobe, die sowohl Joachim als auch ich besuchen. Dort hat der Biertrinker aus dem Ruhrgebiet mal eine wunderbare Slapstick-Einlage zum Thema Wein hingelegt. Und da wir zu dieser Zeit gerade einen Fünfteiler über französische Weine machen wollten, haben wir Joachim gleich mitgenommen. Ich liebe solche Zufälle. Außerdem hat er für diese Dinge ein ganz besonderes Händchen und kann sich total gut mit den unterschiedlichsten Menschen unterhalten. Für uns war das ein echter Glücksfall.

Fußball ist ja beides: Kampf und Erleben von Gemeinschaft. Was ist das stärkere Motiv – auch im Hinblick auf eine Gesellschaft, die sich zusehends dem Motiv „Unterm Strich zähl’ ich“ unterzuordnen scheint?

Schwierige Frage. Wenn du richtiger Fußballer bist, dann ist es wohl immer beides. Du willst gewinnen und anderen eine Niederlage beibringen. Aber du zelebrierst auch die Gemeinschaft – nicht zuletzt durch die Choreografien im Stadion. Aber letztlich zählt wohl, dass die eigene Mannschaft gewinnt. Wahr ist aber auch, dass jede fortschrittliche Gemeinschaft mehr als den Profifußball braucht.

Bei der Europameisterschaft ging es noch mal gut. In Dortmund hat der Terror dann auch den Profifußball erreicht. Verstärkt das die Botschaft des Filmes noch? Und wie lässt sich die in wenigen Worten zusammenfassen?

Ich denke schon, dass die Botschaft wörtlich zu nehmen ist. Jürgen Klopp (ehemaliger Dortmund- und heutiger Liverpool-Trainer; Anm. d. Red.) zum Beispiel sagt, es gehe darum, zu verinnerlichen, dass man nicht allein auf dieser Welt ist und gemeinsam den Kopf hoch halten muss. Dann kann man auch durch dick und dünn gehen und Schwierigkeiten gemeinsam lösen. Fußball strukturiert das Leben. „You’ll never walk alone“ ist ein Lied gegen die Einsamkeit und gegen das Kopf-in-den-Sand-stecken. Im März 2016 erlitt ein BVB-Fan beim Spiel gegen Mainz 05 einem Herzinfarkt und starb. Zunächst war es danach im Stadion mucksmäuschenstill. Und dann sangen 80.000 Menschen „You’ll never walk alone“. Das Lied kann also auch Trost sein und aufrichtiges Beileid bekunden.

Sie wohnen inzwischen zur Hälfte auf Eiderstedt und in Köln. Ist das der Grund, dem Film in Husum eine Sondervorstellung zu gönnen?

Auf jeden Fall. Joachim wird zwar nicht mitkommen können, aber ich denke, dass ich am 21. Mai zumindest das Filmteam dabei haben werde. Das wird bestimmt ein netter Abend.

Und was hat Florian-Film als nächstes vor?

Wir machen einen Film über den Hamburger Textilkaufmann Max Emden. Weil er jüdischer Herkunft war, wurde der Kunstsammler von den Nazis entrechtet und wanderte in die Schweiz aus. Es ist unser erster Film, der komplett in Tetenbüllspieker produziert wird. Aber es wird bestimmt nicht der letzte sein.

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