Orakel : Die Husumer und ihre Sterne

Das Orakeln mit den Sternzeichen: Die meisten glauben daran nicht.
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Das Orakeln mit den Sternzeichen: Die meisten glauben daran nicht.

Skurril und persönlich: Die Husumer Nachrichten haben Jahreshoroskope durchforstet und die Bewohner der Storm-Stadt mit den Ergebnissen konfrontiert.

shz.de von
09. Januar 2018, 06:00 Uhr

„Sie sind das sinnlichste und erotischste Wesen im ganzen Tierkreis“– verspricht das Jahreshoroskop Sternzeichen Stier. Haben Sie schon einmal jemanden auf der Straße angehalten und ihm unvermittelt solch einen Satz vorgelesen? Nein? Man kann sagen: Die Reaktionen schwanken zwischen Amüsement und peinlich berührter Ablehnung. Das jedenfalls waren die Erfahrungen der Redaktion, als sie Bewohner der Storm-Stadt fragten, was sie von ihren Horoskopen halten. Die Recherche zeigt jedoch auch, dass sich aus der eigentlich schrulligen Frage nach dem Sternzeichen sehr intime, zuweilen humorvolle, aber auch nachdenkliche Gespräche über die Wegweiser des Lebens entwickeln können.

„Jetzt haben Sie aber gleich mein persönliches Profil durchleuchtet, wenn Sie so weiterfragen“, sagt Tourismusmanagerin Jutta Albert mit einem Schmunzeln, nachdem sie sämtliche Fragen zu ihrem Sternzeichen über sich hat ergehen lassen. Auch sie „liest keine Horoskope, aber“: gesteht ein, dass ihr Sternzeichen irgendwie auf ihre Persönlichkeit zutreffe. Und sie kommt ins Grübeln über das, was die Horoskope so über den „Skorpion“ schreiben: Beispielsweise, dass 2017 abgehakt werden kann und für 2018 der Blick nach vorne zählt. Auch wenn Albert nicht direkt an so etwas wie Horoskope glaubt, gebe es dennoch etwas, „was mir Halt gibt: Der Blick aufs Meer“, sagt die leidenschaftliche Wahl-Husumerin.

„Ach hören Sie doch auf“, lacht Husums Bürgervorsteher Peter Empen, nachdem er erfahren hat, was sein Horoskop „im Zeichen der Venus“ für 2018 bereithält: „Unter allen zwölf Sternzeichen wissen Sie, was liebevolle Hingabe wirklich bedeutet. Niemand sonst beherrscht das so wie Sie, ist so einfühlsam, so behütend. Vielleicht fehlte es bis heute am richtigen Partner, aber das wird sich ändern“, heißt es da.

„Das hat keine Bedeutung für mich“, amüsiert sich der 67-Jährige. Dann wird Empen etwas nachdenklich und stellt fest, dass ihm zwar nicht direkt Horoskope, aber andere Dinge Jahr für Jahr eine „Richtschnur“ für das Leben sind. Prinzipien, mit denen er gute Erfahrungen gemacht habe: „Ich versuche, meine Partnerschaft und meine Freundschaften zu pflegen, das ist einfach notwendig“, sagt Empen.

Bei der Straßenumfrage stellt sich heraus: Das Wartezimmer ist für heimliche Leser von Horoskopen ein ausgesprochen günstiger Ort. „Ich lese manchmal die Horoskope meines verstorbenen Mannes“, gibt die 78-jährige Husumerin Karin Naeve zu. Eigentlich nur, um sich davon zu überzeugen, dass die dort aufgeführten Charaktereigenschaften nicht stimmen. Über ihr eigenes Horoskop lacht sie, sagt jedoch: „Ohne etwas zwischen Himmel und Erde geht es auch nicht“.

Die 17-jährige Schülerin Marlene Rebschläger (ebenfalls heimliche Wartezimmer-Horoskop-Leserin) hat die Erfahrung gemacht: „Manchmal trifft das Horoskop natürlich zu. Auch wenn ich nicht daran glaube, nehme ich mir zumindest vor, nach bestimmten Prinzipien zu leben: zum Beispiel jeden Tag zu nutzen und sich selbst zu lieben, aber vor allem, zu anderen fair zu sein.“

Ole Singelmann, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Gewerbegebiet Ost, stellt für sich fest: „Ich glaube überhaupt nicht an Horoskope, finde das, was dort geschrieben wird, aber natürlich erstrebenswert. Ich glaube an die Erfüllung von Tugenden. Der Fleißige wird mit Erfolg belohnt.“

Die Umfrage zeigt: Auf der einen Seite rufen Horoskope Skepsis hervor oder dienen der Unterhaltung. Auf der anderen Seite enthalten sie Ziele und Überzeugungen, die die Husumer für erstrebenswert halten – und die sie vielleicht das ein oder andere Mal im Wartezimmer verführen, einen Blick auf den Stand der Sterne zu werfen. Nur heimlich, versteht sich.

Der Husumer Speicher-Geschäftsführer Enzo Panozzo hat zwischen dem Glauben und Nicht-Glauben an Horoskope etwas gefunden, dem sich vielleicht der ein oder andere anschließen würde: „In meiner Küche hängt seit Jahren ein alter knickeliger und kaum noch lesbarer Zettel“, erzählt der Kulturmanager. „Auf dem steht: Du kannst Menschen und Inhalte zusammenbringen, von denen die meisten denken, sie seien unvereinbar. Dieser Zettel – wie auch der Inhalt – begleitet mich schon sehr, sehr lange. Er hing vor Jahren bereits in meinem alten Zirkuswagen und trifft für mich persönlich den Nagel auf den Kopf.“

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