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Klinikum Nordfriesland : Die Hoffnung stirbt zuletzt

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Kreistags-Beschluss: Die umstrittenen Gutachter-Empfehlungen zur Rettung des Klinikums Nordfriesland werden noch einmal eingehend geprüft.

Demonstranten standen nicht vor der Tür des Husumer Kreishauses – obwohl das niemanden verwundert hätte angesichts des vieldiskutierten Themas, das in der 19. Sitzung des Kreistages Nordfriesland in dieser Wahlperiode auf den Tisch kam. Im ohnehin schon strammen Arbeitsprogramm des Gremiums mit 20 Tagesordnungspunkten war unter Punkt sechs vermerkt: Beratung und Beschlussfassung über Handlungsempfehlungen für die Klinikum Nordfriesland gGmbH. Das klingt nüchtern, verunsichert aber mittlerweile eine ganze Region.

Die Politiker sollten an diesem Morgen ihr Okay dafür geben, dass die Empfehlungen des externen Gutachters Karl-Heinz Vorwig zur Wirtschaftlichkeit des Klinikums durch das Flensburger Wirtschaftsberatungsunternehmen BDO auf Herz und Nieren geprüft werden. Denn neben den betriebswirtschaftlichen Auswirkungen soll auch analysiert werden, welche Folgen das für die stationäre Krankenhausversorgung im Kreisgebiet hat. Unter anderem sollen die Konsequenzen für den Rettungsdienst geklärt werden, die sich aus Schließungen oder Teilschließungen ergeben – zum Beispiel, wenn mehrere Einsätze gleichzeitig anfallen. Außerdem geht es um die Notfallversorgung nachts und bei problematischen Wetterlagen.

Laut Vorwigs Gutachten müsste unter anderem Tönning die stationäre Versorgung mit bislang 29 Betten aufgeben und zu einem medizinischen Versorgungszentrum für ambulante Behandlungen werden. Und in Niebüll sollte den Handlungsempfehlungen zufolge die gynäkologische Abteilung samt Geburtshilfe sowie die Hals-Nasen-Ohren-Abteilung geschlossen werden.

Rund zwei Dutzend Gäste waren zur Kreistagssitzung gekommen. Unter ihnen waren die Tönninger Bürgermeisterin Dorothe Klömmer, Hans-Joachim Teegen von der Tönninger Stadtvertretung, Tatings Bürgermeister Hans Jacob Peters und Eiderstedts Amtsdirektor Herbert Lorenzen. Sie alle hatten sich zusammengesetzt und einen Fragenkatalog erarbeitet, den sie im Schulterschluss den Kreistagsmitgliedern vortrugen. „Wir brauchen keine zentrale Versorgung, wir brauchen eine optimale Versorgung. Dafür benötigen wir das Tönninger Krankenhaus – und stehen auch dazu“, so der Tenor. „Steht der Kreis noch hinter seiner Aussage, das Klinikum Nordfriesland mit allen vier Standorten nach Möglichkeit zu erhalten oder ist der Standort Tönning bereits vor geraumer Zeit aufgegeben worden?“, wollten sie vor allem wissen.

„Ich bin jetzt in einer sehr schweren Lage. Zwar möchte ich gern alle Fragen beantworten, muss mich aber zurückhalten, denn um Antworten zu finden, wollen wir ja die BDO beauftragen“, erklärte Landrat Dieter Harrsen und machte auch deutlich: „Nicht der Kreistag hat die Grundlagen dafür gelegt, dass kleine Krankenhäuser immer weniger Überlebenschancen haben, sondern die Bundes- und Landesregierung. Trotzdem müssen wir das ausbaden. Eines steht aber fest: Wir können als Kreis nicht dauerhaft die Tatsache ignorieren, dass Millionenverluste dem Haushalt nicht mehr zuzumuten sind. Und das im Januar 2016 in Kraft tretende Krankenhaus-Strukturgesetz wird die Situation nur noch verschärfen.“ In diesem Jahr musste der Kreis rund 2,25 Millionen Euro in den Haushalt des kreiseigenen Klinikums überweisen. Diese Summe wird auch 2016 fällig.

Einen Trumpf hatte die Eiderstedter Delegation allerdings noch in der Hand. Sie überreichte dem Landrat eine Petition mit der Forderung „Das Tönninger Klinikum muss bleiben“. Insgesamt 7121 Unterstützer haben binnen weniger Tage ihre Unterschrift darunter gesetzt.

„Heute werden nur die Weichen für den Prozess gestellt, aber keine konkreten Maßnahmen beschlossen“, wurde Harrsen nicht müde, zu betonen. Neben dem Gutachten soll es, bevor ein Entschluss fällt, auch Gespräche mit dem Sozialministerium, den Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung geben. Bei dem Thema Klinikum herrscht ungewohnte Einigkeit zwischen den Fraktionen. „Die Situation ist für uns alle unglücklich und eignet sich wirklich nicht für einen politischen Streit. Denn hier geht es um das höchste Gut, das wir haben, die Gesundheit. Niemand macht sich das leicht“, sagte etwa Jörg Tessin (FDP). So beschlossen die Fraktionen einstimmig, grünes Licht für die Überprüfung durch das Wirtschaftsberatungsunternehmen BDO zu geben. „Ich bin froh und erleichtert, dass alles nochmal durchleuchtet wird. Denn die bisherige Datengrundlage weist gravierende Defizite auf“, erklärte Bürgermeisterin Klömmer auf Anfrage unserer Zeitung.

Über konkrete Maßnahmen wollen die Kreistags-Mitglieder dann auf einer Sondersitzung am 23. März 2016 entscheiden.

So oder so – es wird ein Spagat zwischen Daseinsvorsorge und Wirtschaftlichkeit werden, das ist allen bewusst. Uwe Schwalm (Grüne) formulierte es noch drastischer: „Dilemma, Zwickmühle, Tragik, Wahl zwischen Pest oder Cholera – genau so kann man die Situation beschreiben. Das wird ein unruhiges Vierteljahr. Aber trotzdem: Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

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erstellt am 11.Dez.2015 | 19:06 Uhr

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