Lesung mit Sally Perel : Die Geschichte eines Überlebenden

Seine Geschichte bewegt und mahnt: Sally Perel  vor Schülerinnen und Schülern in Viöl.
Seine Geschichte bewegt und mahnt: Sally Perel vor Schülerinnen und Schülern in Viöl.

Vor mehr als 300 Schülern der Gemeinschaftsschule Viöl berichtet der Jude Sally Perel von den furchtbaren Verbrechen der Nazi-Zeit. Perel, der in Israel lebt, ist es gelungen, als Hitlerjunge zu überleben. Seine Erinnerungen hat er in dem berühmten Buch „Hitlerjunge Salomon“ festgehalten.

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24. Juni 2014, 09:30 Uhr

„Was ich im Ghetto zu sehen bekam, kann ich mit Worten nicht fassen.“ Der Jude Salomon (Sally) Perel  sitzt in der Pausenhalle der Gemeinschaftsschule Viöl auf einem Podest und erzählt, wie es ihm gelang, mitten in Deutschland die Nazi-Herrschaft zu überleben. Mehr als 300 Schülerinnen und Schüler lauschen gespannt und bewegt den Worten des 89-Jährigen.

Berühmt geworden ist Perel, 1925 in Peine geboren, durch sein Buch „Hitlerjunge Salomon“, das 1990 auch verfilmt wurde. Salomon Perel konnte seine jüdische Herkunft verbergen, als er während des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion von der Wehrmacht im sowjetischen Teil Polens gefangen genommen wurde. Denn nachdem ihr Schuhgeschäft von den Nazis zerstört worden war, hatte sich die Familie Perel 1938 nach Polen geflüchtet. Nach dem Überfall auf Polen durch Deutschland 1939 und der anschließenden Aufteilung Polens zwischen Deutschland und der UdSSR floh Sally Perel in den nun sowjetischen Teil Polens. Während des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion wurde Perel von der Wehrmacht gefangen genommen. Er nannte sich Joseph Perjel, sein Spitzname war Jupp. Als ein Soldat erkannte, dass Perel Jude war, verriet er ihn nicht, sondern es entwickelte sich eine Freundschaft. Nachdem Perel zwei Jahre an der Front gegen die Sowjetunion gekämpft hatte, kam er zurück nach Deutschland und in eine Schule der Hitlerjugend.

Bei manchen Passagen, die er vorträgt, ist Sally Perel der Schmerz deutlich anzumerken. „Wenn du wissen willst, wie der Weltuntergang sein wird, dann gehe nach Auschwitz und setze dich mit der größten Tragödie der Menschheitsgeschichte auseinander.“

In seinem mehr als zweistündigen Vortrag stellt er eines unmissverständlich klar: Dummköpfe seien die Jugendlichen, die aus Unwissenheit das dunkle Kapitel, das mit Gaskammer und Auschwitz verbunden ist, leugnen. „Wer aber die Wahrheit kennt, und diese Geschichte leugnet, ist ein Verbrecher.“

 „Die vielen Jahre, die ich in der Hitlerjugend erlebt habe, waren für mich viele Ewigkeiten“, betont Perel. Tagsüber habe er als Hitlerjunge mitgeschrien und sich nachts dann die Frage gestellt, wie sie ihn wohl hinrichten würden, sollte seine wahre Identität herauskommen. Unter den mit Orden und Auszeichnungen geschmückten Uniformen seien „ganz normale Menschen“ gewesen. „Es ist für mich erschreckend, dass sie zu solch furchtbaren Verbrechen fähig gewesen waren.“ In der Hitlerjugend seien alle mit dem Impfstoff Hass vergiftet worden – „mein Gehirn haben sie auch vergiftet, und ich habe mitgemacht“. Immer noch müsse er sich mit seinem Doppelleben von damals auseinandersetzen. Als Warnung gibt er den Jugendlichen mit auf den Weg: „Wer den Bereich Hass betritt, begibt sich in den Bereich des Verbrechens.“

Außer seinen Brüdern Isaak und David überlebte kein Mitglied der Familie Perel den Holocaust. Nach der Nazi-Zeit emigrierte Salomon Perel nach Israel, wo er immer noch lebt. „Vergiss nie, wer du bist – und bleibe Jude und glaube an Gott“, hatte er von seinem Vater, einem Rabbiner, mitbekommen. Einmal musste er durch das Ghetto fahren, in dem seine Eltern untergebracht waren. „Die Bilder von Leichen und bis auf die Knochen abgemagerten Menschen verfolgen mich bis heute.“

Zum Abschluss fordert Perel seine jungen Zuhörer zum kritischen Denken auf. „Als Zeitzeuge habe ich euch die Wahrheit ans Herz gelegt.“ Damit hätten sie den Auftrag, ebenfalls von der Wahrheit zu berichten. „Wie würden sie heute Hitler begegnen?“, lautet eine Frage an den besonderen Mann. „Ich würde ihm als Jude die Hand reichen und nach seiner Reue fragen.“ Käme darauf keine Reaktion, würde er ihn in die Hölle schicken. „Als was haben Sie Hitler gesehen?“, wollte eine andere Zuhörerin wissen. „Ich hatte ihn damals sogar als meinen Führer gesehen, doch da hatte ich vergessen, wer ich bin.“

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