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Ausstellung im Kulturkeller Husum : Die ganze Welt in einer Bleistiftspur

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Deutsch-Französische Gesellschaft und der Lions-Club Husum zeigen filigrane Bilder des französischen Zeichners Jérôme Sterbecq.

von
erstellt am 13.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Die Deutsch-Französische Gesellschaft und der Lions-Club Husum laden vom 24. September bis zum 1. Oktober zu einer Kunstausstellung in den Kulturkeller Husum, Schlossgang 7, ein. Gezeigt werden filigrane Bleistiftzeichnungen des französischen Künstlers Jérôme Sterbecq. Zur Eröffnung spricht am Sonntag, 24. September, 11 Uhr, der pensionierte Kunsterzieher Friedrich Laubengeiger. Danach ist die Ausstellung täglich von 16.30 bis 19.30 Uhr geöffnet. Im Interview spricht Sterbecq über leere Zeichenblätter und eine Welt voller Inspiration.

Monsieur Sterbecq, helfen Sie uns, die tägliche Mühsal eines Malerlebens zu verstehen: Gibt es etwas Schrecklicheres als ein leeres Blatt Papier?
Sterbecq: Was bewegt jeden Menschen, morgens aufzustehen? Der Arzt bereitet sich darauf vor, Patienten zu behandeln, der Bäcker wird das bestmögliche Brot backen wollen, der Winzer seinen Weinberg pflegen  .  .  . Und der Maler, der Musiker, der Schriftsteller; welchen Platz nimmt er in unserer Gesellschaft ein? Er weiß es nicht, er kennt seine Nützlichkeit nicht – und trotzdem kehrt er alle Tage zu seinem weißen Stück Papier zurück  .  .  . Er könnte über die Unglücksfälle und die Grausamkeit und Unmenschlichkeit dieser Welt klagen. Er kann auch versuchen, ein wenig von der Schönheit dieser Welt sichtbar zu machen.

Es gibt also nichts Schöneres als ein leeres Blatt Papier?
Der Künstler ist vor diesem weißen Blatt wie ein Schwimmer vor dem Ozean: unermesslich bis zum Horizont, unergründlich in seinen Tiefen. Er springt ins Wasser, die Angst schwindet und er empfindet das Vergnügen, zu schwimmen. Hier ist die Beklommenheit und das Glücksgefühl angesichts des leeren Blattes – wenn die Inspiration da ist, ist es ein Reiz, sie aufzunehmen. Wenn sie uns entgleitet, muss man durch die Wüste gehen bis zur nächsten Oase.

Sie richten Ihre Augen auf die Wirklichkeit, ohne zu wissen, was das ist, wie Sie sagen. Wissen Sie es am Ende des künstlerischen Prozesses wenigstens ein bisschen besser und wenn ja, was passiert da?

Ich lenke meinen Blick auf die Wirklichkeit. Vorangehen heißt, sich der Welt zu öffnen. Aber oft versehen wir Dinge mit Etiketten. Dies hier ist ein Stein, das ein Baum. Ich nähere mich diesem Stein, er wird einzigartig, seine blaue Maserung weckt meine Aufmerksamkeit. Ich sehe nur noch dieses Stück Materie, das mit dem Licht spielt, ich befinde mich in dieser Landschaft und vergesse das Etikett Stein.
Wie finden Sie Ihre Motive, und welche Bedeutung hat die Komposition für Ihr Werk?

Wenn ich spazieren gehe – im Wald oder anderswo –, habe ich immer ein Notizbuch dabei. Ich versuche, meinen Geist leer zu machen, um verfügbar zu sein für das Unerwartete. Es ist das Sujet, das mich herbeiwinkt: irgendein Licht, irgendeine Form lädt mich ein, den Bleistift zur Hand zu nehmen. Diese „écriture du monde“ (Welt-Schrift, Anm. d. Red.) versuche ich zu erfassen. Indem man Dinge zeichnet, beginnt man sie zu sehen. Die Übung auf dem Skizzenblock nährt – vielleicht unbewusst – die Arbeit, die ich im Atelier vollende: irgendeine visuelle Stütze, die Leere des Papiers und die Spur der Mine nehmen mich mit auf eine innere Reise, eine langsame Erarbeitung ohne vorgeplante Komposition, aber mit kurzen flüchtigen Impulsen: Kraft, Geschmeidigkeit, Transparenz, Zermürbung, Gewalt, Bruch  .  .  . Immer ist dadurch ein Zusammenhalt, eine Flüssigkeit gesichert zwischen der „Leere“ des Papiers und der „Fülle“ der Spur der Bleistiftmine. Sie müssen gemeinsam atmen.

Warum haben Sie ausgerechnet die Zeichnung als Darstellungsform gewählt?

Der Bleistift ist ein Handwerksgerät, das man immer bei sich tragen kann – eine alte Angewohnheit von Wanderern. Darüber hinaus habe ich all die Möglichkeiten dieses Instruments entdeckt: Farben zu übersetzen durch verschiedene Schattierungen, vom leichtesten Grau zum tiefsten Schwarz; und zwischen diesen Extremen die Übergänge vom Schatten zum Licht.

Glauben Sie im Zeitalter digitaler Medien an die Zukunft des Tafelbildes und wenn ja, warum und wie könnte sie aussehen?

Eine Frage, die ich mir selbst oft stelle: Was kann ich mit einem Bleistift in der Hand ausdrücken, was die Informationstechnik nicht kann? Ich glaube an das einzigartige Werk, seine Reproduktion im Katalog ist nichts als eine Wiederholung. Sie kann das Original auf gar keinem Fall ersetzen.

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