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Kirchspielskrug Tetenbüll : Die Gäste kommen sogar aus Hamburg

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

In unserer Reihe „Gasthöfe – Fit für die Zukunft?“ stellen wir heute den Kirchspielskrug Tetenbüll vor. Wirt Dietmar Claußen steht meist selbst in der Küche und in der Gaststube.

Immer mehr Gasthöfe auf dem Lande müssen schließen. Mal fehlt es an geeigneten Nachfolgern, mal liegt es an den behördlichen Auflagen, die eine Übernahme aus Kostengründen unmöglich machen. Das ist auch Dietmar Claußen bewusst, der den seit mehr als 135 Jahren bestehenden Kirchspielkrug Tetenbüll vor elf Jahren von seinen Eltern Hans Jakob und Thea Claußen übernahm und seitdem erfolgreich weiterführt. „Ich kann nicht klagen“, sagt der 36-Jährige zur aktuellen Situation. Die Probleme vieler alter nordfriesischer Gasthöfe sind ihm aber sehr wohl bewusst: „Würde ich heute einen solchen Betrieb übernehmen wollen, gäbe es Auflagen, die kaum noch zu erfüllen wären, und in der Folge teure Umbauten, die in den alten Gemäuern oft schlichtweg nicht machbar sind. Da wäre ein Neubau vermutlich sinnvoller.“ Doch bei ihm im Kirchspielkrug läuft es rund.

Claußens Geheimrezept beginnt mit dem Bekenntnis, dass es nur deshalb brummt, „weil ich bodenständig und flexibel geblieben bin, und das Meiste hier allein mache“. Das heißt: Er hat die Personalkosten auf ein Minimum reduziert, steht meist selbst in der Küche und in der Gaststube. Seit elf Jahren hat er keinen Urlaub gemacht, ist oft rund um die Uhr im Einsatz und auch an den Ruhetagen gibt es für ihn immer etwas zu tun. „Für eine private Beziehung ist das keine gute Basis“, weiß der gelernte Koch und Küchenmeister. Gerade standen im Gasthof einige Renovierungsarbeiten in der Küche an, die ihm zur Auflage gemacht wurden. Er trägt es mit Fassung: „Durchhalten, durchhalten, durchhalten“, so lautet seine Parole. Und: „Alles, was anfällt, einfach machen.“

Dietmar Claußen klagt nicht, er ist überzeugt von dem, was er macht, bleibt gelassen, freundlich, humorvoll – ein sympathischer Typ, dem man seinen Hunger gerne anvertraut, auch weil seine Kochkunst weit über die Halbinsel hinweg bekannt ist. „Selbst aus Hamburg kommen regelmäßig Gäste her, nur um bei mir ein Steak zu essen“, sagt der Gastwirt, der das Fleisch aus Überzeugung frisch von der Oldensworter Landschlachterei bezieht: „Da weiß ich, dass die Tiere zu 70 Prozent auf den Weiden rund um Tetenbüll stehen.“ Wo es geht, kauft er direkt vor Ort: „Die besten Kartoffeln gibt es ohnehin hier auf Eiderstedt, den Fisch bekomme ich frisch aus Tönning.“ Für Vereinsfeste und größere private Veranstaltungen stellt Claußen gerne aus regionalen, saisonalen Zutaten stilvolle Buffets zusammen, die sich bei den rund 630 Einwohnern der Gemeinde Tetenbüll großer Beliebtheit erfreuen. Sie feiern hier Hochzeit, Taufe und runde Geburtstage, spielen Lotto oder besuchen die Aufführungen der Tatinger und Tetenbüller Theatergruppen.

Bekannt ist der Kirchspielkrug aber vor allem für seine Spezialitäten. Zum Beispiel für das einstige Arbeiteressen, den Eiderstedter Mehlbeutel. Das Rezept verrät Dietmar Claußen gerne: „Für sechs Personen wird ein Teig aus 250 Gramm geriebenen Kartoffeln, zehn Eiern, einem Backpulver und 500 Gramm Weizenmehl in einen Leinenbeutel gefüllt und zusammen mit Kasseler eine Stunde im Wasserbad gekocht.“ Wobei der ernährungsbewusste Diät-Koch das früher übliche fette Bauchfleisch längst durch mageres Nackenfleisch ersetzt hat. Traditionell zu kochen und dennoch mit der Zeit zu gehen, auch das gehört zu seinem Erfolgsgeheimnis. „Heute stehen Birnen, Bohnen und Speck auf der Tageskarte“, verrät er und dass es dienstags bei ihm Saure Rolle mit Steckrüben gibt und sonntags Weinsuppe mit Schinken. Vor allem Touristen wissen die Eiderstedter Spezialitäten sehr zu schätzen.

Oft sind in dem historischen Dorf mit der 900 Jahre alten Kirche St. Anna und dem Museum „Haus Peters“ größere Busgesellschaften und Reisegruppen zu Gast, die Dietmar Claußen nicht nur kulinarisch verwöhnt. „Gerne begleitet mein Vater diese Gruppen auf ihren Touren über die Halbinsel“, sagt er und erzählt gleich selbst eine Anekdote aus einer Zeit, als sich unter dem Saal noch eine Durchfahrt befand – die sogenannte Loh für die Kutschen der Landwirte, die sonntags zum Kirchgang nach Tetenbüll kamen. „Die Männer kehrten ein, während die Frauen brav hinüber zur Kirche gingen, begleitet von nur einem Knecht. Der wartete dann in der Kirche auf ein Zeichen des Pastors und sauste schnell rüber zum Krug, um die Bauern zur Predigt zu holen. Danach kehrten die Männer dann wieder zu ihrem Teepunsch zurück, während die Frauen noch eine Weile singen und beten durften.“ Der Kirchspielkrug, so Claußen, war früher eine Kombination aus Sozialstation, Gemeindehaus und Gaststätte, mit gewissen Rechten, aber auch Pflichten. So wurden die Gemeinderats-Sitzungen im Krug abgehalten und auch die Gemeinde- und Kirchenunterlagen wurden hier verwahrt. Außerdem gab es einen Sozialschrank, aus dem sich Hilfebedürftige mit Medizin und Krücken versorgen konnten. Wandergesellen mussten mit einem Teller heißer Suppe verköstigt und für eine Nacht im Stall untergebracht werden. Solche Geschichten mögen die Gäste, sie sind sozusagen das Sahnehäubchen auf dem Geheimrezept, mit dem Dietmar Claußen den Kirchspielkrug Tetenbüll „fit für die Zukunft“ gemacht hat.

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